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09.07.18

Klassenbewusstsein?


Als junges Mädchen fragte ich meinen Großvater, was denn Klassenbewusstsein sei. Er meinte darauf, dass sei das Wissen, woher man käme, für wen man lerne und kämpfe und wem man diene. Das mit dem Dienen verstand ich ja nun gar nicht. Er versuchte es mir zu erklären: Schau, wenn du später entgegen aller Widrigkeiten als eine der wenigen Frauen aus deiner Klasse an die Uni kommen wirst, dann darfst du deine Wurzeln nie vergessen. Deine Aufgabe wird es sein, all dein Wissen an diejenigen weiter zu geben, die nicht das Glück, den Mut und die Ausdauer zum Lernen hatten wie du. Bleib bei ihnen, teil dein Wissen, lerne und lehre mit ihnen. Welchen Sinn sollte dein Studium denn sonst haben? Damit du reich wirst? In tollen Kleidern rum läufst und in schicken Häusern wohnen kannst? Das ist Dummzeugs, Kind. Du gehörst niemals zu denen, du gehörst zu den Deinen. Und das werden sie dich spüren lassen. Sowohl jene als auch diese.

Also, das mit dem Dienen finde ich auch heute noch sehr pathetisch formuliert. Aber trotzdem prägte dieses Gespräch grundlegend meine Haltung zur Welt und zu den Menschen. Vieles von diesem Ansatz fand ich später real gelebt in den Casa di Cultura in Italien, in den Anfängen der Frauenbewegungen in den 70ern, in den Stadtteilgruppen, den regionalen Netzwerken der Bürgerbewegungen. Ich fand es nicht bei den Grünen und auch nicht bei den anderen Parteien.

Geblieben ist mir über all die Jahrzehnte das Bedürfnis und die Freude daran, die Komplexität der inneren und äußeren Welt gerade den Menschen näher zu bringen, die aufgrund ihrer Lebensumstände von der lebenslangen Teilhabe an Bildungsprozessen abgeschnitten scheinen. Ein Austausch von Wissen, von dem beide Seiten profitiert hatten und haben. Es erdet mich immer wieder und macht mich wohlig. In diesem Sinne ist für mich Klassenbewusstsein ein Teil von Heimat: Das Gefühl, hier gehöre ich hin.

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