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25.06.18

„Sie predigen Wasser und trinken Wein.“


Hochgepriesen ist er,
Fromme Bücher liest er,
Hinaus in's Freie geht er,
Doch nichts von Gott versteht er,
Als Heuchler stets gefällt er,
Ehr' und Titel hält er,
Geheimen Luxus führt er.
Manch' sanftes Herz verführt er,
Von Gottes Gnaden spricht er,
Die höchsten Schwüre bricht er.
Wo er geht, da schleicht er.
Den frommen Schein bewacht er,
Das dumme Volk verlacht er.

Heinrich Martin (1818 - 1872)
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Als Bastardkind (unehelich) in den 50er Jahren bei den Großeltern aufwachsend, lernte ich quasi vom ersten Tag an alles, was man über die scheinheilige Doppelmoral so mancher Politiker und die Bigotterie der Pfaffen lernen konnte. Mein Opa nahm kein Blatt vor den Mund, nur weil da auf einmal ein Kind anwesend war. Er wusste sehr genau, welche sittenstrengen Kirchgänger und Prediger sich in welchen Puffs vergnügten und welche Kommunalpolitiker mit wem für welchen Preis das „Eine-Hand-wäscht-die-andere“ Spiel spielten. Und von fast allen kannte er ihre Verstrickungen mit den Nazis in den Jahren davor. Als kleines Dingelchen saß ich meistens zu seinen Füßen, spielte vor mich hin und hörte doch zu. Als ich älter war, fing ich an nachzufragen, und habe bis heute nicht mehr damit aufgehört. An der verlogenen, moralinen Doppelmoral so mancher Honoratioren auf dieser Erde hat sich übrigens bis dato nichts verändert.

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Doppelmoral · Bigotterie · Doppelzüngigkeit · Heuchelei · Scheinheiligkeit · Unaufrichtigkeit · Verlogenheit



14.06.18

Dinosprache


„Komm, wir räumen jetzt auf.“

KleinMadame murmelt irgendwas vor sich hin.

„Kind, kannst du nicht klar und deutlich sprechen?“

„Du hast dich geirrt, Oma. Das war kein Parasaurolophus, sondern ein Argentinosaurus. Das sieht man doch am Skelettaufbau.“

„Und was hat das jetzt mit dem Aufräumen zu tun?“

„Das ist aber viel wichtiger. Stell dir vor, du gehst aufs Feld und dann kommt da so ein Dino angerannt und du weißt nicht wie der heißt. Wie willst du dich denn da mit ihm unterhalten. Die sprechen bestimmt alle eine andere Sprache.“

„Die können alle Englisch. Punkt. Wir räumen jetzt auf!“

KleinMadame gibt komische Laute von sich.

„Kind, ich verstehe dich nicht!“

„Das war jetzt Englisch. Und du hast es nicht verstanden! Du musst jetzt Englisch lernen!“

„Nein, wir r ä u m e n jetzt auf!“

„Ich räume auf, Oma, und du lernst Englisch. Sonst kannst du nicht mehr aufs Feld gehen. Wegen der Dinos. Das ist gefährlich. Ohne mit denen reden zu können, ist es gefährlich!“

Okay, damit kann ich leben.

09.06.18


„Du hast zwei unterschiedlich farbige Socken an. Das ist hübsch“

„Oh nein, meine Mutter hat das schon wieder vermasselt.“

Das Kind ist 32 Jahre alt, sitzt im Stadtparlament und wohnt bei Mama. Manchmal ergeben sich Erklärungen ganz von selbst. *andenkoppklatsch

05.06.18

Der Blick


In den fünfziger Jahren gab es immer diese Sirenen Übungen. Der starre panische Blick mancher meiner Erwachsenen und deren zitternden Hände währenddessen haben mich als Kind sehr erschreckt. Als junge Erwachsene sah ich den gleichen Ausdruck in den Augen der chilenischen Flüchtlinge, wenn es an der Tür klopfte. Und ich sah ihn später in den Gesichtern von Folteropfern immer dann, wenn eine Stimme einen bestimmten Tonfall hatte. Ich sah ihn in den Gesichtern kleiner Flüchtlingskinder zu Silvester und in den Gesichtern misshandelter Kinder beim Zuknallen eines Fensters. Ich sah ihn in den Gesichtern alter Frauen, wenn man zu schnell auf sie zuging. Ich sah ihn bei den Frauen in den Sprechstunden, wenn Berührungen zufällig stattfanden. Und immer öfters sehe ich ihn heute, wenn ich unterwegs bin, in den Bahnen, Geschäften und auf den Ämtern. Ich werde diesen Blick nicht los. Er verfolgt mich ein Leben lang, hat sich eingefressen in meine Seele.