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28.01.18

Was bleibt.


Als junger Mensch traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag: Das Böse hat keinen Schwanz, keine Hörner und keine dämonische Fratze. Es hat ein ganz alltägliches Gesicht. Es lächelt freundlich, streicht seinem Kind liebevoll übers Haar, kehrt die Straße am Samstag pünktlich, hilft dem Nachbar bei der Apfelernte und der alten Frau über die Straße. Geht munter und frohgelaunt zur Arbeit und tritt dort mit federleichtem Gewissen den fremden Menschen vor sich in den Dreck, zerfetzt einem anderen die Gedärme und verabredet sich dabei lachend mit den Kumpels zur Skatrunde am kommenden Samstagabend. Es werden Häppchen und Witzchen serviert.
Mein Blick wurde schärfer durch diese Erkenntnis, das wohlwollende Blinzeln im Spiegel kritischer. Meine Seele aber schwang sich ein in ein leises Wimmern, das bis heute nicht mehr verstummt ist.  

27.01.18

Fantasie


„Ich habe Fantasie, Oma.“

„Weißt du denn, was das ist, diese Fantasie?“

„In meinem Kopf kann ich mir vorstellen, dass ich fliegen kann. Und hexen kann ich da auch. Das kannst du aber nicht sehen. Das ist Fantasie.“

Ich liebe dieses Kind.



Die Befreiung von Auschwitz


Ich bin ein Kind aus der Zeit, in der man nicht über das sprach, was geschehen war. Ich bin ein Kind derer, die ihr eigenes Entsetzen und den Schrecken ob aller Schrecknisse ganz tief in sich vergraben hatten und diese doch an mich weitergaben. Ich bin eine aus der Generation, die Worte finden musste für all das, was nicht in Worte zu fassen möglich schien.
Eine meiner tiefsten Überzeugungen ist, dass die nachfolgenden Generationen hinsehen müssen, genau zuhören müssen, damit sie besser verstehen können, was heute passiert.
Du kannst es nicht mehr hören? Du willst es nicht mehr sehen? Das hat mit dir doch alles nichts zu tun? Dann, mein Freund, hast du nicht genau hingehört, nicht genau hingesehen, nicht verstandenen, dass du dafür zu sorgen hast, dass so etwas nie wieder geschieht. 


Die Befreiung

23.01.18

Statussymbole

Meine gutmeinenden Freunde nannten und nennen mich öfters seltsam und naiv. Ich erkenne zum Beispiel keine Statussymbole. Meint, ob das Hemd von diesem oder jenem Designer oder aus der Kaufhalle oder dem Flohmarkt ist, ich stecke es in die Waschmaschine, wie andere Klamotten auch. Es überlebt es, oder nicht. Ich habe keine Ahnung, ob der Zettel im Kragen jeweils was Besonderes aussagt.

Ob das eine wichtige, prominente Persönlichkeit ist, oder nicht, ich erkenne das nicht bzw. es hat so gar keine Wirkung auf mich oder in mir. Ich gucke, ob sie freundlich ist, ob wir uns unterhalten können, ob sie Humor hat und auch über sich selbst lachen kann. Sowas wie Herzklopfen, Hemmungen, oder so ein Zeugs, so jemanden gegenüber hatte ich nie.

Ob das eine Rolex ist oder eine 10 Euro Uhr, das erkenne ich nicht. Zeigt sie die richtige Uhrzeit, dann ist gut.

Ich finde viele Dinge schön und wunderbar. Label oder Preis sind mir da wurscht.

Ich finde viele Menschen schön und wunderbar. Ihr sozialer oder materieller Status interessiert mich dabei überhaupt nicht.

Und wenn jemand ein Arschloch ist, dann ist er ein Arschloch. Egal wer er ist oder was er an Labels/Statussymbolen so vorzeigen kann. Und mit ihm will ich mich nicht gemein tun. Unter keinen Umständen und zu keinem noch so tollen Preis oder Vorteil.

Vielleicht ist es diese Haltung oder das Fehlen eben einer bestimmten anderen, die es irgendwie verhindert (hat), dass ich mich gut verkaufe und mit List und Tücke dumm und dämlich verdient habe in meinem Leben.

Ja, kann sein. Macht mich das traurig? Nöh. Will ich daran etwas verändern? Nöh, eigentlich nicht. Habe ja keinen Leidensdruck. War und bin ich glücklich und zufrieden, so wie ich halt bin? Unterm Strich? Ja. Schlicht und einfach, ja.

22.01.18

In mir

Draußen köchelt der Nebel
Kalte Schleier gebären
Wehendes Flüstern
In mir
Alt Weiblein erbricht tränenfeucht
Erinnerungsfetzen wild tanzend
Kaum fassbar
In mir
Buntscheckige Blätter klebrig verweilen
Auf marmoriertem Grund
Gedämmte Lebensbahnen
In mir
Verlaufene Sonne hüstelt nebenbei
Noch zierende Glut
Schamhaft verschreckt
In mir
Winter hinter verödeten Ecken
Hämisch lockendes Winken
Es fröstelt
Im Draußen
In mir

Der alte Topf

Ich bin ein halbes Leben lang mit der Vorstellung rum gelaufen, dass ich einen alten, verbeulten Topf in mir trüge, dessen Deckel man nie, niemals! abheben dürfte, weil die darin verborgenen Gefühle alles um mich drumherum niederreißen, überwältigen, vielleicht sogar töten würden. Ich hatte sehr viel Angst vor diesem Topf und bemühte mich immer krampfhaft, den Deckel drauf zu halten. Das kostete mich so viel Energie, so schrecklich viel Energie.

Dann träumte ich eines Nachts, dass der verdammte Deckel sich unter meinen Händen auflösen würde. Ich erstarrte und starb fast vor Angst. Doch heraus schwebten nur ganz unterschiedliche Formen in tausend verschiedenen Farben.

Manche waren wunderhübsch und entzückend schön, manche gar grässlich und unnatürlich dunkel in sich selbst verrenkt. Sie huschten und schwirrten um mich drumherum, lockten und flohen, und ich begann sie alle einzufangen und aufzuessen. Alle, wirklich alle. Das war so lecker und tat mir so gut. Ich war auf einmal pappsatt. Meine Angst vor dem Topf war weg. Er übrigens auch.

Nur manchmal, an düsteren Wintertagen, überfällt mich so eine Furcht, denn dann stelle ich mir für einen winzigen Augenblick vor, wie entsetzlich es wohl gewesen wäre, wenn der Deckel sich damals aufgelöst hätte und es wäre nichts, aber auch gar nichts in dem Topf gewesen. Es gruselt mich dann ganz fürchterlich. Für einen kurzen Moment.

20.01.18

Wenn ich zaubern könnte

Manchmal träume ich davon, ich könnte zaubern:

„Rassismus ist eine Meinung und die, die darf man haben!“

Zisch, und ab als Schwarzer in die Ghettos einer amerikanischen Großstadt.

„Flüchtlinge wollen doch nur von unserem Wohlstand profitieren!“

„Zisch, und ab ins Flüchtlingslager Dadaab im Nordosten Kenias.

„Was hat mein Handy mit Kinderarbeit zu tun?!“

Zisch, und ab in die Kobaltminen im Kongo. Und weil ich so freundlich bin, gibt es eine Verjüngungskur runter auf sieben Jahre.“

„Die sollen doch zuhause bleiben und ihr Land wieder aufbauen!“

Zisch, und ab nach Ost-Ghuta in Syrien.

„Hatz IVler sind doch alles nur Schmarotzer!“

Zisch, und ab als Alleinerziehende(r) von zwei kleinen Kindern nach Bremerhaven-Lehe.

„Die hat das doch gewollt!“

Zisch, und ab in die Situation mit umgekehrter Rollenverteilung.

„Wer will, der kann auch!“

Zisch, und ab in die Slums von Kalkutta.

Und, und, und …

Wie kann man es sich nur anmaßen, über das Leid und den Schmerz von anderen Menschen zu urteilen, wenn man selbst satt und vollgefressen/gesoffen durchs eigene Leben torkelt? 

16.01.18

Früher! Ach?

„Früher war alles besser und heute ist alles so viel schlimmer.“

Ja, junger Mann, ich sehe die aktuellen Schrecknisse. Jedoch sehe ich hier auch einen Denkfehler, wenn man meint, das sei alles so neu: Es ist heute eben nicht schlimmer als es früher schon war. Manches ist anders in seiner Schrecklichkeit, doch es ist der gleiche Schrecken.

In meinem Leben gab es die Nachwehen der Zeit von 33 bis 45, die Gräuel im Gulag, Biafra, Ruanda, Griechenland, Chile, Kosovo … die medizinischen Versuche an Heimkindern, der RAF Terror und seine Folgen, Gewalt gegen Frauen und Kinder, das Elend der Vertriebenen, die Brutalität in den sogenannten heilen Familien, hinter Kirchentüren und in Jugendeinrichtungen, die Folterzentren rund um den Globus, die Kriege überall auf der Welt, und, und, und ... ...

Nein, der Mensch war schon immer auch ein elendiges Mistvieh von unvorstellbarer Grausamkeit.

Wir bekommen heute nur mehr mit davon. Können hören und sehen und lesen. Das macht diesen Eindruck, es sei alles so viel schlimmer. Und natürlich die Propaganda jedweder Couleur, die unsere hochgezüchtete Angst braucht, um sich an ihr zu mästen.

Nein, es ist nicht schlimmer, nur sind sich heute viel mehr Menschen darüber bewusst, dass an dem, was um sie herum geschieht, überhaupt etwas Schlimmes sein könnte. Und genau das, dieses wachsende Gefühl für Unrecht überall auf der Welt, macht mir Hoffnung.


Hier zu leben

„In welchem Land würden Sie gerne leben, Frau Müller?“

„In diesem Land. Ich bin froh und dankbar, dass ich hier geboren wurde, aufgewachsen bin und immer noch lebe. Hier gab es in meiner Lebenszeit weder Krieg, noch Hungersnöte. Es gab keine Diktatur, keine Ermächtigung, keine lebensbedrohlichen Militäraktionen. Ich konnte zur Schule gehen, studieren, mich einbringen mit bürgerlichem Engagement. Ich musste nicht um mein Leben oder das Leben der Meinigen fürchten. Wenn ich mich gegen den Mainstream wandte, konnte ich dies offen und ohne einen nachhaltigen körperlichen Schaden zu nehmen tun. Ich konnte Form und Ausgestaltung meines Lebens eigenverantwortlich wählen.“

„Das ist aber sehr blauäugig, Frau Müller! In Ihrer Lebenszeit gab es die Zeit des Berufsverbotes, die Folgen von Hartz IV, Aufrüstung, Not und Elend der Arbeitslosigkeit, Diskriminierungen jedweder Art. und, und, und … unsere Demokratie, unsere Geschichte der letzten Jahrzehnte strotzen nicht gerade nur von Erfolgsgeschichten, sondern haben auch ihre dunklen Seiten und Schattenwelten.“

„Das bestreite ich nicht. In keiner Weise. Aber ich konnte und kann mich einbringen. Kann mich laut und öffentlich dagegen wehren. Kann mich engagieren und kämpfen. Kann wählen, ob ich hinnehme oder nicht. Das mag für viele Menschen, weil es so selbstverständlich ist, nichts Besonderes sein. Für mich war und ist es etwas Besonderes, weil es das eben nicht überall auf der Welt gab und gibt. Rückblickend kann ich doch sehen, was sich im Laufe von fast sechzig Jahren geändert hat. Und vieles davon ist gut. Es könnte noch besser sein, manches ist erschreckend schrecklich, aber es ist eben auch vieles gut.“

„Doch jetzt scheint sich einiges, auch hier, zu verändern, oder?“

„Meine Komfortzone in diesem, meinem Land hatte und hat natürlich seinen Preis. Bezahlt haben und bezahlen tun den die Menschen in anderen Ländern durch, in vielen Fällen durch uns oder mit unserer Hilfe geförderte, verdeckte, initiierte, Ausbeutung, Hunger und Krieg.

Ihr Tod, Leid und Elend ermöglichten unter anderem meinem Land und auch mir die Schaffung der Rahmenbedingungen für ein annähernd freiheitliches und friedliches Leben, in denen es möglich war mit Themen wie z.B. Gleichberechtigung, Inklusion, Rechtssicherheit, Aufbruch traditioneller Rollenbilder in Familie und Arbeitswelt, Bürgerinitiativen, Meinungsfreiheit, Erziehung, Selbstverwirklichung und vielen mehr real zu experimentieren und diese Schritt für Schritt neu zu gestalten.

Es war absehbar, dass dies in einer globalisierten Welt nicht immer so weiter gehen könne und ich, wir uns an der Bezahlung des Preises irgendwann würden beteiligen müssen. Diese Zeit kommt nun. Ich sehe dies jedoch als große Chance: Lassen wir die Menschen, die jetzt zu uns kommen, teilhaben an den Kenntnissen und Errungenschaften der letzten sechzig Jahre. Teilen wir mit ihnen unsere Lebensart, unsere gewonnenen und verfestigten Werte und unseren Wohlstand. Aus der sich daraus ergebenden Mélange werden wir letztendlich langfristig als Menschheit alle nur profitieren können. Davon bin ich zutiefst überzeugt.“

14.01.18

Ermutigung für alle

Zum neuen Jahr

Ein geschenktes Lächeln; ein Streicheln mit Augen und Händen; ein offenes Ohr zur rechten Zeit; ein sattgrüner Zweig im Regen; ein rosabunter Sonnenaufgang; ein unverhoffter Besuch; Vogelgezwitscher im Morgengrau; eine kleine liebevolle Geste; eine Hand, die sich in deine schiebt; ein Stück Kuchen von der Nachbarin; ein unerwarteter Gruß; gemeinsames Lachen; ein Schmerz, der einfach verschwindet; ein Stück Musik, das dich wärmt; ein schöner Abend mit Freunden; die innere Leichtigkeit nach dem überraschenden Erreichen eines Zieles; ein glitzernder Stein im Bach; die Hose, die auf einmal wieder passt; nackte Füße im warmen Sand; der kichernde Blick in den Spiegel; die leuchtenden Augen deines Gegenübers; das erste Lachen deines Kindes; die summenden Worte eines Gedichtes; der erste Schnee im Jahr; eine erstaunlich niedrige Rechnung; knospendes Grün auf den Feldern; das Wohligsein in einem Moment der absoluten Stille; und, und, und ... tausendunendliche winzige Momente des Glücks, die Du nur manchmal schlichtweg übersiehst, weil Du im hastenden Großen und Ganzen Dir verloren gegangen bist.

Es sind genau die kleinen Dinge, die das Leben und Dich zu dem machen was ihr seid: einzigartig und wunderbar!