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07.12.18

Zahnweh und so viel mehr


Welch ein irres Gefühl, welch ein schöner Schmerz. Seit zweieinhalb Jahren habe ich Zahnschmerzen. Mal mehr, mal weniger, aber immer vorhanden. Er machte mich unleidlich, ungeduldig und manchmal auch aggressiv. Drei Zahnärzte habe ich deswegen aufgesucht. Alle kamen mir mit irgendwelchen komischen Diagnosen, habe geschwafelt, mir ganz andere Zähne gezogen, gefüllt, mich gequält. Nur an diesen einen Schmerz hat sich niemand ran getraut. Heute hat es jemand getan. Ich hatte solche Angst davor. Es war ein Akt da hinzugehen. Alle möglichen Ausreden habe ich mir ausgedacht und gezittert wie ein kleines Kaninchen im Schnee. Doch dann bin ich hin gegangen. Und jetzt, nach dem Eingriff, schmerzt es natürlich unsäglich heftig im Kiefer und ich werde einige Zeit nur Süppchen essen können. Aber!, es ist ein völlig anderer Schmerz. Ein heilender, Schmerzfreiheit versprechender Schmerz. Und der alte? Der ist weg. War schon in der Praxis nach dem Hauptgang einfach weg. Es ist, als sei ein riesiger Nagel aus meinem Gehirn gezogen worden. So leicht ist es in mir drin. Und nicht nur dort, auch andere Befindlichkeitsstörungen haben sich von Jetzt auf Gleich verabschiedet. Schalter machte klick und weg. Ja, das war jetzt erst ein Viertel des Weges, aber ich schwöre, es ist wunderbar.

Warum ich das erzähle? Weil es mir eine Lektion erteilte, die ich eigentlich schon zu kennen glaubte: Manchmal ist man so gefangen in dem bekannten Schmerz, dass jedwede Veränderung Angst macht. Und in diese Angst kreiselt man sich hysterisch ein und steht so sich selbst und der Heilung im Wege. Dann hilft nur springen. Einfach springen.

Vielleicht hilft dieser Gedanke ja jemandem. Und wenn nicht ist auch okay. Ich wollte es einfach teilen. So ganz egoistisch auch.

14.11.18

Morgens


Morgens früh um halb sechs, nach dem Gassi gehen und beim ersten Kaffee. Frau Müller liest sich durch die neuesten Nachrichten und stellt fest, dass auch um diese Uhrzeit die Welt noch kein besserer Ort geworden ist. Warum sollte sie auch. 


09.11.18

Nicht allein


Die Frauenbewegungen haben mich viel gelehrt. Sie haben mich ermutigt, erschüttert, enttäuscht, erschöpft, ermuntert, beschenkt. Ich habe mich in und mit ihnen groß und klein gefühlt. Schwach und mächtig. Aufgehoben und ausgestoßen. Belächelt und ermutigt. 


Das Allerwichtigste jedoch geschah ganz am Anfang und war für alle Bereiche meines Lebens fortan tragend: Ich war nicht allein! Nicht allein mit meinen Gedanken, meinen Zweifeln, meinen Visionen, meinem Körperempfinden, meiner Sprachlosigkeit, meinem Zorn, meinen verwirrenden Erfahrungen als Mädchen und Frau. Und hinter diesem „Du bist nicht allein!“ steckte ja noch ein zweites, nicht weniger Prägendes: „Du bist okay, so wie du bist!“

Ich wünsche mir seitdem, dass jeder Mensch einmal in seinem Leben diese Erfahrung bis zum Grunde auskosten kann. Eine Quelle nie versiegender Energie und Kraft. Die Ressource überhaupt um mit den Widrigkeiten und dem fordernden Durcheinander, dem Auf und Ab eines Menschenlebens auch nur irgendwie angemessen umgehen zu können.

Dazu möchte ich immer noch beitragen.

*Anmerkung
Ja sicher war und bin ich auch Teil ganz anderer gesellschaftlicher Bewegungen meiner jeweiligen Zeit. Aber, an diesem Punkt, war diese schlichtweg am einflussreichsten auf mich.

05.11.18

Ich nenne dich


Ich darf nicht sagen, dass du ein erbärmlicher Vergewaltiger bist, nur weil du eine schwere Kindheit hattest?
Ich darf nicht sagen, dass du Kinder misshandelst, nur weil du eine Frau bist?
Ich darf nicht sagen, dass du unfreundlich, selbstgerecht und ungerecht bist, nur weil du älter bist?
Ich darf nicht sagen, dass du ein Kriegshetzer bist, nur weil meine Vorfahren schon mal mordend durch dein Land getrampelt sind?
Ich darf nicht sagen, dass du lügst wie gedruckt, nur weil du lesbisch bist?
Ich darf nicht sagen, dass du mich beklaut hast, nur weil du ein Obdachloser bist?
Ich darf nicht sagen, dass du ein elendiger Dealer bist, nur weil deine Hautfarbe dunkler ist?
Ich darf nicht sagen, dass ich die Taten, die im Namen deiner Religion verübt werden, verachte, nur weil du wegen deines Glaubens schon mal verfolgt wurdest? Ich darf nicht sagen, dass du ein Täter bis, nur weil du selbst einmal Opfer warst oder bist?
Ich darf dich nicht Rassist nennen, weil du so voller Selbstzweifel und Ängste bist?

Ich darf nicht sagen, dass mir dieses oder jenes, was du sagst und tust, nicht gefällt und ich es total ablehne, nur weil du eh schon in anderen Bereichen deines Lebens diskriminiert, unterdrückt und erniedrigt wurdest/wirst?

Hallo, das ist ja sowas von deppert. Absolut und eindeutig deppert.

Ich nenne dich Vergewaltiger, wenn du einer bist.
Ich nenne dich Kindermisshandlerin, wenn du eine bist.
Ich nenne dich unfreundlich, selbstgerecht und ungerecht, wenn du es bist.
Ich nenne dich Kriegshetzer, wenn du es bist.
Ich nenne dich Lügnerin, wenn du eine bist.
Ich nenne dich Dieb, wenn du einer bist.
Ich nenne dich Dealer, wenn du einer bist.
Ich nenne dich Gewalttäter, wenn du einer bist.
Ich nenne dich Täter, wenn du einer bist.
Ich nenne dich Rassist, wenn du einer bist.

Ich nenne dich so, weil du dich so verhältst und deine Herkunft, dein Geschlecht, dein Alter, deine Religion, dein Status, deine sexuellen Neigungen spielen dabei überhaupt keine Rolle für mich.

ST.S.: In diesem "Benennen" steckt viel "Objektivierung" eines Subjekts durch ein Subjekt. Die Tat selbst ließe sich subjektivieren oder mit ihrem Verb ansprechen. So bliebe der Respekt dem Menschen gegenüber erhalten und ließe ihm/ihr die Perspektive, sich zu ändern.

Ich verstehe, was du meinst. Und in bestimmten Kontexten benutze ich auch lieber die Verben, damit verständlich wird, dass es mir um diesen Persönlichkeitsanteil geht. Vielleicht hängt mein obiger Blick mit meinem Menschenbild zusammen (und das ich blöderweise immer als bekannt voraussetze *grummel), das davon ausgeht, dass jeder Mensch unendlich viele Facetten hat, die sich zum Teil sogar widersprechen können. Was ich ausdrücken wollte war, ich kann mein Gegenüber sowohl als Täter, als auch als Opfer wahrnehmen und im jeweiligen Kontext so benennen. Oder, anderes Beispiel anhand der zufällig oben formulierten: Ich nenne mein Gegenüber einen Rassisten und kann ihn in einem anderen Kontext trotzdem als einen zuverlässigen Menschen bezeichnen. Ich nenne sie eine Lügnerin und kann doch Seite an Seite mit ihr für ihre Rechte als Lesbe kämpfen. Ich kann die Gewalttaten unter dem verlogenen Deckmäntelchen einer Religion fundamental ablehnen und doch für die staatlich festgeschriebene Freiheit der Religionsausübung sein. Ich kann einen Gewalttäter, Gewalttäter nennen und trotzdem um das verlorene Kind in ihm weinen. Ich kann jemanden Dieb nennen und mich doch für ein menschenwürdigeres Leben für ihn einsetzen. Und, und, und ... ... ... Es widerspricht sich in meiner Welt nicht und kommt sich auch nicht in die Quere. Ist das irgendwie verständlich, was ich ausdrücken möchte?

03.11.18

Morgenstund


Da tobt doch heute Morgen in aller Frühe (4:15h!) ein quietschfideler Junghund auf meinem Bett (und mir) rum und strahlt mich unverschämt gutgelaunt an. Nach einem Spaziergang in ungemütlicher Dunkelheit, einem Rumgebelle vom Feinsten, nach Speise und Trank und dem Einsammeln seines Spielzeuges mit Radau und Gequietsche liegt er nun völlig entspannt zufrieden neben mir. Ich denke, ich muss mit diesem Kerlchen noch mal Klartext über die festgeschriebenen und allereigentlich nicht verhandelbaren Bedingungen von Kost und Logis sprechen.

01.11.18

Melancholie


„Was sind Sie denn heute so verdammt gut gelaunt, Frau Müller? Immerhin ist doch jetzt November. Der Monat der Melancholie und der vorwinterlichen Depressionen.“

„Quatsch. Melancholie erlaube ich mir zu jeder Zeit. Immer dann, wenn es mir passt. Und die Madame Depression bekommt ihren Tee und ihre Aufmerksamkeitshäppchen wenn ich gerade mal Platz im Terminkalender habe. Ich lasse mich doch nicht durch einen Kalender, den ein Mann Namens Gregor nach durchzechter Nacht im Beisein seiner Mätresse beiläufig und willkürlich entworfen hat, dazu verführen meine Gemütslagen nach dessen zeitlichen Vorgaben zu goutieren. Nenene, ein wenig Unabhängigkeit muss schon sein.“

25.10.18

Deine Worte, meine Worte. Immer noch.


Ich sage und schreibe so viel und manchmal überfällt mich der Gedanke, dass doch alles schon gesagt wurde, doch alles schon gedacht sei zu den großen und kleinen Fragen der Menschheit. Dann fühle ich mich wie das Hamsterlein im Rade. Wiederkäue ich Worte und Gedanken aus Jahrhunderten? Unbesehen.

Wenn man Jahrzehnte sich lesend und Erfahrungen sammelnd durchs Leben bewegte, dann kann man nicht mehr unterscheiden, was Deines ist und was das Meine. Warum denkt und schreibt man also? Warum man das macht, das weiß ich nicht. Ich tue es, weil all das Denken und die Worte wohl bisher nicht ausreichten und immer wieder ausgegraben, durchgekaut und neu formuliert werden müssen.

Vielleicht, vielleicht erreichen sie dann auch all jene, die sich ihnen bisher verweigerten. Und ja, ich gestehe es, ganz heimlich, ganz tief in mir drinnen liegt diese kindliche Sehnsucht, das eine Wort zu finden, den einen Satz, der in den Hirnen und Herzen der Menschen explodieren und alles, alles von Grund auf verändern würde. Welch eine Anmaßung!?

Ja, natürlich. Aber auch der Motor, um nicht in ein Schweigen zu verfallen, welches letztendlich dem Tode gleich käme. Deshalb erlaube ich mir, die Buchstabenreihungen wieder und wieder durchzurütteln und neu zu formieren und aus dem Deinen ein Meins zu machen, damit es ein Unser wird.



23.10.18

Liebe ist...


Liebe ist, wenn dein Hund morgens um halb fünf das Quietschetier neben deinem Kopf positioniert, drauf rum kaut und beide dann so einen bestimmten Ton von sich geben und du, noch völlig verschlafen, aus dem Bett und kaum sortiert in deine Klamotten springst und mit ihm in Dunkelheit und tiefstem Nebel Richtung Felder stampfst, dort bemerkend, dass du weder die richtigen Schuhe erwischt, noch der herrschenden Temperatur entsprechend die richtige Jacke übergeworfen hast. Von Schal und Handschuhen ganz zu schweigen. Immerhin, ein Blick an das Ende der Leine bestätigt es, hast du den Hund dabei. :-)

*Anmerkung
Ist nur ein Beispielfoto von Pixabay. Es war vieeeeeel dunkler und nebliger.



22.10.18

Spieglein, Spieglein an der Wand


Eines meiner liebsten Zitate. Ganz früh in meinem Leben fand ich es ganz unvermutet und trage es seitdem mit mir herum. Mein Mut ist nicht weniger geworden seither und doch muss ich manchmal ein wenig nach ihm suchen, bevor ich mich vor den Spiegel stelle. Das ist okay.
Die Begegnung mit mir selbst war und ist mir unterm Strich eine Freude, auch wenn mir ab und an ein garstiges Gesicht aus dem Spiegel entgegen fratzt. Wir kennen uns, sind uns bekannt. Und können uns sein lassen. Auch das ist okay. 



12.10.18

Schuldig

Wenn man mich fragen würde, welche Bilder mir spontan bei den Begriffen „Angst und Besorgnis“ durch den Kopf schießen, so muss ich gestehen, dass es die Bilder von Kindern sind, die, manche erst vier Jahre alt, in den Minen der Demokratischen Republik Kongo nach Kobalt suchen. Warum es gerade diese Bilder sind? Weil sie so offensichtlich den Zusammenhang zwischen dem Reichtum und den Bequemlichkeiten der reichen Industrieländer mit dem unsäglichen Elend der Menschen in anderen Ländern aufzeigen. Auch meinen Reichtum und meine Bequemlichkeiten. Es macht mir einen Druck auf der Brust und ich träume in der Nacht von einem Gerichtsaal, in dem ich weinend ein „nicht schuldig“ flüstere und mir darauf das höhnische Gelächter abertausender kleiner Menschen entgegen dröhnt. Ein Unschuldig gibt es nicht mehr. 
Auch ich wasche meine Hände in Blut und Tränen. 

11.10.18

Arbeiterkind an der Uni


Die Vorfahren auf Seiten meiner Mutter waren Landarbeiter in der Wetterau. Tagelöhner auch. Ihr Vater war dann nach dem Krieg Kanalarbeiter. Bei der Stadt angestellt. Welch ein Aufstieg! Und ich ging später zur Uni. Meine Mutter hatte bis zum Schluss nicht richtig verstanden, was eine Universität ist. Sie fragte mich immer, wie meine Klassenkameraden denn seien und ob ich mit den Lehrern klar kam. Als ich mein Diplom machte, war da niemand, der sich wirklich verstehend darüber freute. Andererseits war ich politisch aktiv an der Uni und habe recht früh als Tutorin gearbeitet. Das glich manches aus. Die Uni war mir Heimat. Ein Kosmos für sich. Viele meiner Netzwerke basieren auch heute noch auf dieser Zeit. Arbeiterkind an der Uni? Ja, es war spürbar. Mein Sohn studiert heute. Mit großer Selbstverständlichkeit. 


Schrebergarten


Kleingartenvereine - mein Opa hat sie gehasst! Er hatte immer einen Garten, gepachtetes Land von der Stadt (Frankfurt/Main). Ewig lang in Niederrad, direkt neben der Kläranlage (ich habe somit schon als Kind sehr viel über Scheiße gelernt) und dann später am Bornheimer Hang. Beides verlor er, weil die Stadt andere Baupläne hatte. Welch geiles Erlebnis an den Wochenenden in der Morgendämmerung, vor ihm auf seinem kleinen Motorrad sitzend (ja, das ging damals noch), von Bornheim nach Niederrad zu düsen. Er immer laut singend. Dort Kartoffelkäfer klaubend, Unkraut rupfen, süßes Obst ernten, frische Brotkanten und Wurstschnipsel zusammen mit ihm vor der Hütte essend - bleibende und prägende Erinnerungen. Ohne den Garten hätten wir wohl nicht überleben können. 


Weltmädchentag


Immer noch passend zum Weltmädchentag: Ich wuchs in den frühen, wichtigen Jahren mit lauter Frauen auf und mit einem Mann. Meinem Opa. Von den Frauen lernte ich Organisation, Logistik, Management in tiefster Armut, Mitgefühl, knallhartes Überlebenstraining. Von ihm lernte ich Stolz, politisches Denken, Lesen und Schreiben, Skatspielen, Geschichte, Klassenbewusstsein, die Lust am Leben und Lieben, den Blick in den Spiegel, Zivilcourage und Seilspringen. Die Mischung war insgesamt gut, die Möglichkeiten daraus etwas zu machen vielfältig. Trotz aller Armut und mancher Ungerechtigkeiten: Ich war ein glückliches und reich beschenktes Kind. Die beste Basis für all den Mist und den Trubel, der danach noch kam.

Ich will, dass jedes Kind auf der Welt real und praktisch die gleichen Rechte und Chancen bekommt. Jedes Kind.


09.10.18

Herbstbeginn


Dunkelheit, dicker Nebel. Es ist schon ziemlich kühl. Aus dem Nichts tauchen zwei knurrende Huskys auf, deren Besitzer sich schlaftrunken überrascht gegen den Leinenzug stemmt. Sein Morgengruß kommt auch eher knurrend genervt. Nach unsrer Begegnung ist er dann wohl hellwach. Mein Kleiner tobt, macht den dicken Maxe... und ich sehne mich nach der ersten Tasse Kaffee. Felderhopsen im Herbst.

02.10.18

Potential


KleinMadame singt. Hingebungsvoll. Laut. Oft mit eigenwilligen Texten. Ausdauernd. Mit entsprechenden Gesten und Tanzschritten untermalt. Einkaufen mit ihr ist dann immer eine helle Freude. Heute durfte sich Ikea und Supermarkt über ihre Darbietungen freuen. Wir haben bis jetzt noch keinen Hinweis darauf, ob sie Publikum dabei überhaupt im Blick hat, da sie es ja auch zuhause ganz für sich alleine so handhabt. Zu stören scheint es sie auf alle Fälle so überhaupt nicht. Sie hat ein großes Potential mal eine richtige "Rampensau" zu werden. Ich finde das toll. Total begeistert. 
Von wem sie das hat? Keine Ahnung. Von mir nicht, denn ich mag eher die leisen Töne und laut singen tue ich selten. Irgendwo in der langen Ahnenkette muss sich da ein Gen versteckt haben, das jetzt bei ihr aufpoppt und sich entfaltet. Was ein Glück!  

15.07.18

Zu einfach


Was mich traurig macht: Menschen aus meiner Generation, die ich lange Jahre, gar Jahrzehnte als freundlich, klug, belesen und liebenswert empfand, rutschen immer öfters in die rechtsradikale Ecke. Was ist das? Ein Aufgeben? Ein sich ergeben in die scheinbare Leichtigkeit eindimensionaler Welterklärungen? Erschöpfung? Mir waren, wenn schon denn schon, die lieber, die aus ebensolchen Gründen im Alter anfingen in die Kirche zu gehen und Gutes an ihren Mitmenschen zu tun.
Habe ich mich geirrt in diesen Menschen? Nein. Ich hatte wohl nur nicht im Blick, wie verführerisch, bei mangelnder Resilienz, die einfachen Erklärungsmodelle nach einem erschöpfenden Leben sein können. Akzeptieren kann ich es aber nicht und mein Wohlwollen erreicht hier seine Grenzen.

09.07.18

Klassenbewusstsein?


Als junges Mädchen fragte ich meinen Großvater, was denn Klassenbewusstsein sei. Er meinte darauf, dass sei das Wissen, woher man käme, für wen man lerne und kämpfe und wem man diene. Das mit dem Dienen verstand ich ja nun gar nicht. Er versuchte es mir zu erklären: Schau, wenn du später entgegen aller Widrigkeiten als eine der wenigen Frauen aus deiner Klasse an die Uni kommen wirst, dann darfst du deine Wurzeln nie vergessen. Deine Aufgabe wird es sein, all dein Wissen an diejenigen weiter zu geben, die nicht das Glück, den Mut und die Ausdauer zum Lernen hatten wie du. Bleib bei ihnen, teil dein Wissen, lerne und lehre mit ihnen. Welchen Sinn sollte dein Studium denn sonst haben? Damit du reich wirst? In tollen Kleidern rum läufst und in schicken Häusern wohnen kannst? Das ist Dummzeugs, Kind. Du gehörst niemals zu denen, du gehörst zu den Deinen. Und das werden sie dich spüren lassen. Sowohl jene als auch diese.

Also, das mit dem Dienen finde ich auch heute noch sehr pathetisch formuliert. Aber trotzdem prägte dieses Gespräch grundlegend meine Haltung zur Welt und zu den Menschen. Vieles von diesem Ansatz fand ich später real gelebt in den Casa di Cultura in Italien, in den Anfängen der Frauenbewegungen in den 70ern, in den Stadtteilgruppen, den regionalen Netzwerken der Bürgerbewegungen. Ich fand es nicht bei den Grünen und auch nicht bei den anderen Parteien.

Geblieben ist mir über all die Jahrzehnte das Bedürfnis und die Freude daran, die Komplexität der inneren und äußeren Welt gerade den Menschen näher zu bringen, die aufgrund ihrer Lebensumstände von der lebenslangen Teilhabe an Bildungsprozessen abgeschnitten scheinen. Ein Austausch von Wissen, von dem beide Seiten profitiert hatten und haben. Es erdet mich immer wieder und macht mich wohlig. In diesem Sinne ist für mich Klassenbewusstsein ein Teil von Heimat: Das Gefühl, hier gehöre ich hin.

25.06.18

„Sie predigen Wasser und trinken Wein.“


Hochgepriesen ist er,
Fromme Bücher liest er,
Hinaus in's Freie geht er,
Doch nichts von Gott versteht er,
Als Heuchler stets gefällt er,
Ehr' und Titel hält er,
Geheimen Luxus führt er.
Manch' sanftes Herz verführt er,
Von Gottes Gnaden spricht er,
Die höchsten Schwüre bricht er.
Wo er geht, da schleicht er.
Den frommen Schein bewacht er,
Das dumme Volk verlacht er.

Heinrich Martin (1818 - 1872)
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Als Bastardkind (unehelich) in den 50er Jahren bei den Großeltern aufwachsend, lernte ich quasi vom ersten Tag an alles, was man über die scheinheilige Doppelmoral so mancher Politiker und die Bigotterie der Pfaffen lernen konnte. Mein Opa nahm kein Blatt vor den Mund, nur weil da auf einmal ein Kind anwesend war. Er wusste sehr genau, welche sittenstrengen Kirchgänger und Prediger sich in welchen Puffs vergnügten und welche Kommunalpolitiker mit wem für welchen Preis das „Eine-Hand-wäscht-die-andere“ Spiel spielten. Und von fast allen kannte er ihre Verstrickungen mit den Nazis in den Jahren davor. Als kleines Dingelchen saß ich meistens zu seinen Füßen, spielte vor mich hin und hörte doch zu. Als ich älter war, fing ich an nachzufragen, und habe bis heute nicht mehr damit aufgehört. An der verlogenen, moralinen Doppelmoral so mancher Honoratioren auf dieser Erde hat sich übrigens bis dato nichts verändert.

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Doppelmoral · Bigotterie · Doppelzüngigkeit · Heuchelei · Scheinheiligkeit · Unaufrichtigkeit · Verlogenheit



14.06.18

Dinosprache


„Komm, wir räumen jetzt auf.“

KleinMadame murmelt irgendwas vor sich hin.

„Kind, kannst du nicht klar und deutlich sprechen?“

„Du hast dich geirrt, Oma. Das war kein Parasaurolophus, sondern ein Argentinosaurus. Das sieht man doch am Skelettaufbau.“

„Und was hat das jetzt mit dem Aufräumen zu tun?“

„Das ist aber viel wichtiger. Stell dir vor, du gehst aufs Feld und dann kommt da so ein Dino angerannt und du weißt nicht wie der heißt. Wie willst du dich denn da mit ihm unterhalten. Die sprechen bestimmt alle eine andere Sprache.“

„Die können alle Englisch. Punkt. Wir räumen jetzt auf!“

KleinMadame gibt komische Laute von sich.

„Kind, ich verstehe dich nicht!“

„Das war jetzt Englisch. Und du hast es nicht verstanden! Du musst jetzt Englisch lernen!“

„Nein, wir r ä u m e n jetzt auf!“

„Ich räume auf, Oma, und du lernst Englisch. Sonst kannst du nicht mehr aufs Feld gehen. Wegen der Dinos. Das ist gefährlich. Ohne mit denen reden zu können, ist es gefährlich!“

Okay, damit kann ich leben.

09.06.18


„Du hast zwei unterschiedlich farbige Socken an. Das ist hübsch“

„Oh nein, meine Mutter hat das schon wieder vermasselt.“

Das Kind ist 32 Jahre alt, sitzt im Stadtparlament und wohnt bei Mama. Manchmal ergeben sich Erklärungen ganz von selbst. *andenkoppklatsch

05.06.18

Der Blick


In den fünfziger Jahren gab es immer diese Sirenen Übungen. Der starre panische Blick mancher meiner Erwachsenen und deren zitternden Hände währenddessen haben mich als Kind sehr erschreckt. Als junge Erwachsene sah ich den gleichen Ausdruck in den Augen der chilenischen Flüchtlinge, wenn es an der Tür klopfte. Und ich sah ihn später in den Gesichtern von Folteropfern immer dann, wenn eine Stimme einen bestimmten Tonfall hatte. Ich sah ihn in den Gesichtern kleiner Flüchtlingskinder zu Silvester und in den Gesichtern misshandelter Kinder beim Zuknallen eines Fensters. Ich sah ihn in den Gesichtern alter Frauen, wenn man zu schnell auf sie zuging. Ich sah ihn bei den Frauen in den Sprechstunden, wenn Berührungen zufällig stattfanden. Und immer öfters sehe ich ihn heute, wenn ich unterwegs bin, in den Bahnen, Geschäften und auf den Ämtern. Ich werde diesen Blick nicht los. Er verfolgt mich ein Leben lang, hat sich eingefressen in meine Seele.

31.05.18

Fronleichnam


Als Kind dachte ich, es hieße „Froher Leichnam“ und stellte mir den skelettartigen Tod tanzend mit den Toten vor. Das fand ich amüsant. Später erklärte man mir im Religionsunterricht, dass es das Hochfest des Leibes und Blutes Christi sei und ich verband es mit Kannibalismus und dachte, es passt schon.
Heute habe ich keine Bilder mehr dazu in mir und lebe damit sehr frohgemut.

25.05.18

Kino


„Haben Sie Probleme mit dem Altern, Frau Müller?“

„Ich bin jetzt 62 und freu mich immer noch wie eine Schneekönigin, dass ich im Kino nicht mehr nach meinem Ausweis gefragt werde. Hat sich also in all den Jahrzehnten nicht so viel geändert.“

08.05.18

Spiegelschau


Ach, wisst ihr,
ich bin klein, dick 
und jetzt werde ich 
auch noch runzelig. 
Schau ich in den Spiegel, 
dann lieb ich dieses Weib 
immer noch. 
Das zählt, nur das.




26.04.18

Pauli


Gestern Nacht ist Pauli gestorben. 2006 geboren, Straßenköterleben in Spanien, seit 2010 mein treuer Begleiter. Ich bin traurig.

Für meine Enkelkinder, die mit ihm aufwuchsen, ein großer Verlust. 

Das Leben spielt manchmal ein Scheißspiel. 

15.04.18

Erinnerungen


Mit zunehmendem Alter stelle ich fest, dass frühe Erinnerungen wieder plastischer werden und mir Dinge einfallen, die ich für lange Zeit vergaß. Es ist wie surfen in der eigenen Doku, Regisseurin und Darstellerin in einem. Manche der Bilderfolgen widersprechen meinen bisherigen, so handsam konstruierten Filmausschnitten. Manche verwirren, manche entzücken mich und bei einigen wird mit kotzübel.

Erinnerungen sind ein komisches Ding. Konstruiert aus dem jeweiligen Jetzt, Erfahrungen einbeziehend oder ausschließend, so wie es die innere Balance gerade braucht. Vertrauenswürdig ist was anderes. Doch es gibt einen roten Faden. Unübersehbar. Und unterm Strich bleibt die Erkenntnis: Was für ein geiles, schräges, abgefahrenes Leben dieses Weib bisher geführt hat. Darauf lässt sich gut aufbauen.



18.02.18

Der wesentliche Unterschied


Soll ich ihn noch einmal erklären, diesen Unterschied? Gerne.

Zwei völlig unterschiedliche Menschenbilder:

Auf der einen Seite jenes, das Menschen hierarchisch einteilt in Rassen und Ethnien, denen aufgrund eben dieser, oft recht fantasievollen und willkürlichen, Einteilung ein höherer, niedriger oder gar kein Menschenstatus und den dazugehörigen Rechten zugestanden wird.

Auf der anderen Seite jene, die Menschen, unabhängig von Äußerlichkeiten und Zufälligkeiten der Geburt, Gleichheit und Vielfalt zugestehen und für die alle! Menschen die gleichen Rechten haben.

Es liegen Universen zwischen diesen Menschenbildern und den dazugehörigen Denk- und Handlungsmustern.

Über die unzähligen Varianten dieser Muster der zweiten Seite streite, diskutiere und plaudere ich gerne. Manchmal lerne ich dadurch neue Aspekte kennen. Das finde ich gut. Manchmal kritisiere ich und manchmal kommt die Kritik an, manchmal nicht. Manche von denen sind meine Freunde, manche nicht. Mit manchen würde ich mein Leben teilen, mit anderen nicht.

Mit Menschen, die dem ersten Menschenbild anhängen spreche und diskutiere ich auch. Bis zu einem bestimmten Punkt. Diese Menschen möchte ich nicht in meinem rein privaten Umfeld dulden. Ich würde niemals mein Leben mit ihnen teilen.

17.02.18

Versorgung


Mal was ganz Persönliches: Nach Wochen mit immer heftiger werdenden Stapelinfektionen mit sehr hohem Fieber und ständigem Auf und Abs ist unser Kleiner jetzt endlich wieder fieberfrei, isst und trinkt mit Freude und erobert sich gut gelaunt seine Umgebung. In diesen Wochen haben wir viel Unterstützung und Hilfe bekommen, von Ärzten und vom Kindernotdienst in Gelnhausen. Für mich ist das nichts Selbstverständliches. Das wird es nie sein. Ich habe zu viele Kinder an vielen Orten dieser Welt leiden und sterben sehen, weil keine adäquate medizinische Hilfe zu bekommen war. Es gab sie schlichtweg nicht.

Ja, ich bin dankbar, dass es dies in meinem Land gibt. Das ist nicht mein Verdienst. Ich habe einfach nur Glück, dass ich hier geboren wurde und hier leben darf.

Ich wünsche mir, dass wir alle dafür sorgen, dass dies so bleibt und noch besser wird. Und dass irgendwann alle Menschen auf der Welt auf diese Hilfe und Unterstützung in ihrer nahen Umgebung frei und selbstverständlich zugreifen können.

Danke.

Internet


Das Schöne am Internet ist, dass ich mitten in der Nacht mit jemandem am anderen Ende der Welt den Sonnenaufgang via Skype erleben kann.

Das Zweitschönste ist, dass, wenn man nachts virtuell um die Welt wandert, man ganz und gar kostenlos all seine Fremdsprachenkenntnisse aufgebessert bekommt.

Das Drittschönste ist, dass man es, immer wenn man will, einfach abschalten kann.

Zivilcourage


Weil es, neben Solidarität, eines meiner Lieblingsworte ist und weil wir sie so sehr gerade in diesen Zeiten brauchen: Zivilcourage

Was mir zu diesem Wort spontan einfällt: Eier in der Hose, Herz in der Hand, Mitgefühl, Position beziehen, Widerstand, Solidarität.

Über den eigenen Tellerrand schauen und gehen, gesunder Egoismus, Gerechtigkeitsgefühl, Eigenverantwortung, Liebe.

Sich einsetzen, Verweigerung, selbst Denken, aufklären. Das Leben in die eigenen Hände nehmen, im Regen tanzen, sich wehren.

Zu den eigenen Überzeugungen stehen, standhalten, Gehorsam verweigern, Nein sagen, Ja sagen. Aufstehen, wo andere sitzen bleiben.

Reden, schreiben, laut werden, wo andere schweigen. Nicht weg sehen. Dableiben, wo andere weglaufen. Hand reichen. Eigene Entscheidungen treffen.

Visionen. Konsequenzen selbstbewusst in Kauf nehmen. Freude und Lachen. Sich seiner selbst bewusst sein.

Für etwas sein.

Sich nicht entmutigen lassen ...und ... und ?? ... Oh, der Mut ... ja, dazu gehört wohl Mut.

04.02.18

Blitzlicht am frühen Morgen


Manchmal weiß ich nicht mehr, weshalb, wofür, warum ich mich immer wieder darum bemühe, Menschen mit meinen blubbernden Worten und Gedanken zu erreichen. Dann bin ich müde, traurig, verzweifelt und nur noch am Weinen. Vier kleine Videos habe ich mir gerade angesehen. Hintereinander. Noch etwas unausgeschlafen und dadurch distanzlos, so dass sie mir voll ins Gehirn knallten. Amateuraufnahmen wohl alle und deshalb sehr realistisch direkt. Nein, ich werde sie nicht verlinken, ich werde sie nur beschreiben, denn Schreiben rettet mich gerade. Im ersten Video ohrfeigt ein Mann in einer Gruppe von schweigend dabei sitzenden Menschen eine junge Frau. Er tut es immer wieder und schreit dabei irgendwas in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Die Frau wehrt sich nicht. Immer wenn sie den Kopf hebt, schlägt er wieder zu. Keiner der Anwesenden rührt sich. Im zweiten Video hat ein Vater seine kleine Tochter (sechs bis acht Jahre alt schätze ich) gefilmt, nachdem sie ihr erstes Tier getötet hat. Einen jungen Hirsch wohl. Sie zittert und kann nur völlig hechelnd flüstern. Er sagt ihr, wie toll sie das gemacht habe. Seine Stimme ist so ruhig und sanft. Sie kann das hilflose Zittern nicht kontrollieren, sie bebt am ganzen Körper, ihre Augen sind entsetzt aufgerissen. Doch sie folgt seinen Anweisungen und geht zu dem zuckenden Tier, hebt seinen Kopf am Geweih hoch und posiert. Im dritten Video sieht man einen Zusammenschnitt von Gewaltszenen gegen Frauen durch ihre Männer, Partner auf der Straße. Es sieht nach Amateuraufnahmen aus, verwackelt, etwas unscharf. In einer Szene schleift der Mann die Frau über die Straße. Unerwartet sieht man, dass sie ein Kind im Arm festhält. Er tritt und schlägt sie und trifft dabei auch immer wieder das kleine Kind. Im vierten Video, das wohl in Syrien gedreht wurde, versuchen Helfer kleine Kinder unter schweren Trümmern auszugraben. Man hört das eine Kind erbärmlich schreien. Andere sind wohl schon tot.
Diese Filmchen sind aus ganz unterschiedlichen Ländern/Kulturen und Zusammenhängen. Sie haben eines gemeinsam: Sie fressen sich in meine Magengrube und ich komme mir gerade so lächerlich vor mit all meinem Geschreibsel und Gemeckere über meine, unsere täglichen popligen Sorgen und Nöte hier. Ich komme mir so deppert naiv vor, wenn ich dann immer wieder versuche mein selbst gebasteltes positives Menschenbild in Bilder und Worte zu fassen gegen all den Hass und das Elend und gegen das Entsetzliche, was Menschen den Menschen antun. Vielleicht bin ich einfach nur blöd und feige und tue das alles nur um meine eigene Seele vor dem wimmernden Wahnsinn zu retten. Heute ist kein guter Morgen, nein, so gar nicht.
Ich könnte es natürlich auch sein lassen. Mir solche Dinge nicht mehr anschauen.
Nein, das kann ich nicht. Es sein lassen. Das geht nicht. Ich kann nicht so tun, als gäbe es solche Dinge nicht.
Nein, ich kann auch nicht aufhören an das Gute, Mitmenschliche, Mitgefühl im Menschen zu glauben. Denn die Menschen, die diese Filme teilen, sind ja gegen das, was dort geschieht. Sie wollen aufmerksam machen, wollen, dass dies aufhört. Und die Helfer, die die Kinder ausgegraben haben, tun dies voller Tränen und Verzweiflung. Aber sie tun es. Nein, es gibt auch diese andere Seite. Und es gibt so viele davon. Es gibt sie, gibt sie, gibt sie.
Verarsch ich mich selbst? Ich weiß es nicht.

03.02.18

Bisexualität


Schubladen, immer brauchen wir Schubladen.

Auf der anderen Seite sind Begriffe, auf die wir uns einigen können, natürlich hilfreich in der Kommunikation.  

Bisexualität erschien mir schon als junger Mensch das Selbstverständlichste auf der Welt. Ich lernte mühsam, dass dem wohl nicht so sei. Akzeptiert habe ich es aber bis heute nicht. Warum auch? Meine Liebe und mein Begehren machen sich nicht fest an Äußerlichkeiten. Weder an Status, noch an Herkunft und schon gar nicht am Geschlecht. Ich liebe. Ich begehre. Mal überschneidet sich das, mal nicht. Schön und wunderbar war/ist es in jedem Fall.

Und jetzt im Alter? Da ist es immer noch ganz und gar selbstverständlich. Bereichernd. 




Selbst- und Fremdbild


„Selbstbewusstsein setzt die Unabhängigkeit der eigenen Wertschätzung von fremden Urteilen voraus.“

Ist ja so ein Klassiker und erscheint mir auch richtig und doch nicht ganz und gar rund.

Das Schätzen des eigenen Wertes. Ich schätze nicht, ich weiß darum und dieses Wissen schätze ich. Trotzdem lege ich auch Wert auf mein Wissen um das Fremdbild von mir, da ich einen Vergleich zwischen Fremd- und Eigenbild ab und an benötige für die Feineinstellungen meines Selbstbildes.

Von der Wertung, der (Be) Urteilung meines Gegenübers bin ich nicht abhängig, doch gehört zur Eigenwahrnehmung immer auch der Spiegel durch die Fremdwahrnehmung. Es geht gar nicht anders, weil ich das „Ich“ nur wahrnehmen kann, eben weil es ein „Du“ gibt. Da gibt es schon eine Form von Abhängigkeit, auch wenn es nicht gefallen mag.

Im Alter wird das schwieriger, da das Fremdbild geprägt ist von Vorurteilen und unsinnigen Glaubenssätzen. "Alt sein" hat immer noch einen negativen Beigeschmack. 

01.02.18

Schreibmaschine


Erinnere mich. Meine erste Schreibmaschine. Ich habe sie geliebt. Auf ihr habe ich all meine Hausarbeiten und Referate geschrieben. Zur Diplomarbeit dann die erste elektrische Schreibmaschine. Das war Luxus pur. Die hatte dann ein Tipp Ex Band schon integriert. Muss man sich vorstellen: Korrekturlesen, Satz umstellen und dann kannst du alles noch einmal abtippen, weil der Seitenumbruch nicht mehr stimmt. Das war Hand- und Kopfarbeit in perfekter Kombination.


28.01.18

Was bleibt.


Als junger Mensch traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag: Das Böse hat keinen Schwanz, keine Hörner und keine dämonische Fratze. Es hat ein ganz alltägliches Gesicht. Es lächelt freundlich, streicht seinem Kind liebevoll übers Haar, kehrt die Straße am Samstag pünktlich, hilft dem Nachbar bei der Apfelernte und der alten Frau über die Straße. Geht munter und frohgelaunt zur Arbeit und tritt dort mit federleichtem Gewissen den fremden Menschen vor sich in den Dreck, zerfetzt einem anderen die Gedärme und verabredet sich dabei lachend mit den Kumpels zur Skatrunde am kommenden Samstagabend. Es werden Häppchen und Witzchen serviert.
Mein Blick wurde schärfer durch diese Erkenntnis, das wohlwollende Blinzeln im Spiegel kritischer. Meine Seele aber schwang sich ein in ein leises Wimmern, das bis heute nicht mehr verstummt ist.  

27.01.18

Fantasie


„Ich habe Fantasie, Oma.“

„Weißt du denn, was das ist, diese Fantasie?“

„In meinem Kopf kann ich mir vorstellen, dass ich fliegen kann. Und hexen kann ich da auch. Das kannst du aber nicht sehen. Das ist Fantasie.“

Ich liebe dieses Kind.



Die Befreiung von Auschwitz


Ich bin ein Kind aus der Zeit, in der man nicht über das sprach, was geschehen war. Ich bin ein Kind derer, die ihr eigenes Entsetzen und den Schrecken ob aller Schrecknisse ganz tief in sich vergraben hatten und diese doch an mich weitergaben. Ich bin eine aus der Generation, die Worte finden musste für all das, was nicht in Worte zu fassen möglich schien.
Eine meiner tiefsten Überzeugungen ist, dass die nachfolgenden Generationen hinsehen müssen, genau zuhören müssen, damit sie besser verstehen können, was heute passiert.
Du kannst es nicht mehr hören? Du willst es nicht mehr sehen? Das hat mit dir doch alles nichts zu tun? Dann, mein Freund, hast du nicht genau hingehört, nicht genau hingesehen, nicht verstandenen, dass du dafür zu sorgen hast, dass so etwas nie wieder geschieht. 


Die Befreiung

23.01.18

Statussymbole

Meine gutmeinenden Freunde nannten und nennen mich öfters seltsam und naiv. Ich erkenne zum Beispiel keine Statussymbole. Meint, ob das Hemd von diesem oder jenem Designer oder aus der Kaufhalle oder dem Flohmarkt ist, ich stecke es in die Waschmaschine, wie andere Klamotten auch. Es überlebt es, oder nicht. Ich habe keine Ahnung, ob der Zettel im Kragen jeweils was Besonderes aussagt.

Ob das eine wichtige, prominente Persönlichkeit ist, oder nicht, ich erkenne das nicht bzw. es hat so gar keine Wirkung auf mich oder in mir. Ich gucke, ob sie freundlich ist, ob wir uns unterhalten können, ob sie Humor hat und auch über sich selbst lachen kann. Sowas wie Herzklopfen, Hemmungen, oder so ein Zeugs, so jemanden gegenüber hatte ich nie.

Ob das eine Rolex ist oder eine 10 Euro Uhr, das erkenne ich nicht. Zeigt sie die richtige Uhrzeit, dann ist gut.

Ich finde viele Dinge schön und wunderbar. Label oder Preis sind mir da wurscht.

Ich finde viele Menschen schön und wunderbar. Ihr sozialer oder materieller Status interessiert mich dabei überhaupt nicht.

Und wenn jemand ein Arschloch ist, dann ist er ein Arschloch. Egal wer er ist oder was er an Labels/Statussymbolen so vorzeigen kann. Und mit ihm will ich mich nicht gemein tun. Unter keinen Umständen und zu keinem noch so tollen Preis oder Vorteil.

Vielleicht ist es diese Haltung oder das Fehlen eben einer bestimmten anderen, die es irgendwie verhindert (hat), dass ich mich gut verkaufe und mit List und Tücke dumm und dämlich verdient habe in meinem Leben.

Ja, kann sein. Macht mich das traurig? Nöh. Will ich daran etwas verändern? Nöh, eigentlich nicht. Habe ja keinen Leidensdruck. War und bin ich glücklich und zufrieden, so wie ich halt bin? Unterm Strich? Ja. Schlicht und einfach, ja.

22.01.18

In mir

Draußen köchelt der Nebel
Kalte Schleier gebären
Wehendes Flüstern
In mir
Alt Weiblein erbricht tränenfeucht
Erinnerungsfetzen wild tanzend
Kaum fassbar
In mir
Buntscheckige Blätter klebrig verweilen
Auf marmoriertem Grund
Gedämmte Lebensbahnen
In mir
Verlaufene Sonne hüstelt nebenbei
Noch zierende Glut
Schamhaft verschreckt
In mir
Winter hinter verödeten Ecken
Hämisch lockendes Winken
Es fröstelt
Im Draußen
In mir

Der alte Topf

Ich bin ein halbes Leben lang mit der Vorstellung rum gelaufen, dass ich einen alten, verbeulten Topf in mir trüge, dessen Deckel man nie, niemals! abheben dürfte, weil die darin verborgenen Gefühle alles um mich drumherum niederreißen, überwältigen, vielleicht sogar töten würden. Ich hatte sehr viel Angst vor diesem Topf und bemühte mich immer krampfhaft, den Deckel drauf zu halten. Das kostete mich so viel Energie, so schrecklich viel Energie.

Dann träumte ich eines Nachts, dass der verdammte Deckel sich unter meinen Händen auflösen würde. Ich erstarrte und starb fast vor Angst. Doch heraus schwebten nur ganz unterschiedliche Formen in tausend verschiedenen Farben.

Manche waren wunderhübsch und entzückend schön, manche gar grässlich und unnatürlich dunkel in sich selbst verrenkt. Sie huschten und schwirrten um mich drumherum, lockten und flohen, und ich begann sie alle einzufangen und aufzuessen. Alle, wirklich alle. Das war so lecker und tat mir so gut. Ich war auf einmal pappsatt. Meine Angst vor dem Topf war weg. Er übrigens auch.

Nur manchmal, an düsteren Wintertagen, überfällt mich so eine Furcht, denn dann stelle ich mir für einen winzigen Augenblick vor, wie entsetzlich es wohl gewesen wäre, wenn der Deckel sich damals aufgelöst hätte und es wäre nichts, aber auch gar nichts in dem Topf gewesen. Es gruselt mich dann ganz fürchterlich. Für einen kurzen Moment.

20.01.18

Wenn ich zaubern könnte

Manchmal träume ich davon, ich könnte zaubern:

„Rassismus ist eine Meinung und die, die darf man haben!“

Zisch, und ab als Schwarzer in die Ghettos einer amerikanischen Großstadt.

„Flüchtlinge wollen doch nur von unserem Wohlstand profitieren!“

„Zisch, und ab ins Flüchtlingslager Dadaab im Nordosten Kenias.

„Was hat mein Handy mit Kinderarbeit zu tun?!“

Zisch, und ab in die Kobaltminen im Kongo. Und weil ich so freundlich bin, gibt es eine Verjüngungskur runter auf sieben Jahre.“

„Die sollen doch zuhause bleiben und ihr Land wieder aufbauen!“

Zisch, und ab nach Ost-Ghuta in Syrien.

„Hatz IVler sind doch alles nur Schmarotzer!“

Zisch, und ab als Alleinerziehende(r) von zwei kleinen Kindern nach Bremerhaven-Lehe.

„Die hat das doch gewollt!“

Zisch, und ab in die Situation mit umgekehrter Rollenverteilung.

„Wer will, der kann auch!“

Zisch, und ab in die Slums von Kalkutta.

Und, und, und …

Wie kann man es sich nur anmaßen, über das Leid und den Schmerz von anderen Menschen zu urteilen, wenn man selbst satt und vollgefressen/gesoffen durchs eigene Leben torkelt? 

16.01.18

Früher! Ach?

„Früher war alles besser und heute ist alles so viel schlimmer.“

Ja, junger Mann, ich sehe die aktuellen Schrecknisse. Jedoch sehe ich hier auch einen Denkfehler, wenn man meint, das sei alles so neu: Es ist heute eben nicht schlimmer als es früher schon war. Manches ist anders in seiner Schrecklichkeit, doch es ist der gleiche Schrecken.

In meinem Leben gab es die Nachwehen der Zeit von 33 bis 45, die Gräuel im Gulag, Biafra, Ruanda, Griechenland, Chile, Kosovo … die medizinischen Versuche an Heimkindern, der RAF Terror und seine Folgen, Gewalt gegen Frauen und Kinder, das Elend der Vertriebenen, die Brutalität in den sogenannten heilen Familien, hinter Kirchentüren und in Jugendeinrichtungen, die Folterzentren rund um den Globus, die Kriege überall auf der Welt, und, und, und ... ...

Nein, der Mensch war schon immer auch ein elendiges Mistvieh von unvorstellbarer Grausamkeit.

Wir bekommen heute nur mehr mit davon. Können hören und sehen und lesen. Das macht diesen Eindruck, es sei alles so viel schlimmer. Und natürlich die Propaganda jedweder Couleur, die unsere hochgezüchtete Angst braucht, um sich an ihr zu mästen.

Nein, es ist nicht schlimmer, nur sind sich heute viel mehr Menschen darüber bewusst, dass an dem, was um sie herum geschieht, überhaupt etwas Schlimmes sein könnte. Und genau das, dieses wachsende Gefühl für Unrecht überall auf der Welt, macht mir Hoffnung.


Hier zu leben

„In welchem Land würden Sie gerne leben, Frau Müller?“

„In diesem Land. Ich bin froh und dankbar, dass ich hier geboren wurde, aufgewachsen bin und immer noch lebe. Hier gab es in meiner Lebenszeit weder Krieg, noch Hungersnöte. Es gab keine Diktatur, keine Ermächtigung, keine lebensbedrohlichen Militäraktionen. Ich konnte zur Schule gehen, studieren, mich einbringen mit bürgerlichem Engagement. Ich musste nicht um mein Leben oder das Leben der Meinigen fürchten. Wenn ich mich gegen den Mainstream wandte, konnte ich dies offen und ohne einen nachhaltigen körperlichen Schaden zu nehmen tun. Ich konnte Form und Ausgestaltung meines Lebens eigenverantwortlich wählen.“

„Das ist aber sehr blauäugig, Frau Müller! In Ihrer Lebenszeit gab es die Zeit des Berufsverbotes, die Folgen von Hartz IV, Aufrüstung, Not und Elend der Arbeitslosigkeit, Diskriminierungen jedweder Art. und, und, und … unsere Demokratie, unsere Geschichte der letzten Jahrzehnte strotzen nicht gerade nur von Erfolgsgeschichten, sondern haben auch ihre dunklen Seiten und Schattenwelten.“

„Das bestreite ich nicht. In keiner Weise. Aber ich konnte und kann mich einbringen. Kann mich laut und öffentlich dagegen wehren. Kann mich engagieren und kämpfen. Kann wählen, ob ich hinnehme oder nicht. Das mag für viele Menschen, weil es so selbstverständlich ist, nichts Besonderes sein. Für mich war und ist es etwas Besonderes, weil es das eben nicht überall auf der Welt gab und gibt. Rückblickend kann ich doch sehen, was sich im Laufe von fast sechzig Jahren geändert hat. Und vieles davon ist gut. Es könnte noch besser sein, manches ist erschreckend schrecklich, aber es ist eben auch vieles gut.“

„Doch jetzt scheint sich einiges, auch hier, zu verändern, oder?“

„Meine Komfortzone in diesem, meinem Land hatte und hat natürlich seinen Preis. Bezahlt haben und bezahlen tun den die Menschen in anderen Ländern durch, in vielen Fällen durch uns oder mit unserer Hilfe geförderte, verdeckte, initiierte, Ausbeutung, Hunger und Krieg.

Ihr Tod, Leid und Elend ermöglichten unter anderem meinem Land und auch mir die Schaffung der Rahmenbedingungen für ein annähernd freiheitliches und friedliches Leben, in denen es möglich war mit Themen wie z.B. Gleichberechtigung, Inklusion, Rechtssicherheit, Aufbruch traditioneller Rollenbilder in Familie und Arbeitswelt, Bürgerinitiativen, Meinungsfreiheit, Erziehung, Selbstverwirklichung und vielen mehr real zu experimentieren und diese Schritt für Schritt neu zu gestalten.

Es war absehbar, dass dies in einer globalisierten Welt nicht immer so weiter gehen könne und ich, wir uns an der Bezahlung des Preises irgendwann würden beteiligen müssen. Diese Zeit kommt nun. Ich sehe dies jedoch als große Chance: Lassen wir die Menschen, die jetzt zu uns kommen, teilhaben an den Kenntnissen und Errungenschaften der letzten sechzig Jahre. Teilen wir mit ihnen unsere Lebensart, unsere gewonnenen und verfestigten Werte und unseren Wohlstand. Aus der sich daraus ergebenden Mélange werden wir letztendlich langfristig als Menschheit alle nur profitieren können. Davon bin ich zutiefst überzeugt.“

14.01.18

Ermutigung für alle

Zum neuen Jahr

Ein geschenktes Lächeln; ein Streicheln mit Augen und Händen; ein offenes Ohr zur rechten Zeit; ein sattgrüner Zweig im Regen; ein rosabunter Sonnenaufgang; ein unverhoffter Besuch; Vogelgezwitscher im Morgengrau; eine kleine liebevolle Geste; eine Hand, die sich in deine schiebt; ein Stück Kuchen von der Nachbarin; ein unerwarteter Gruß; gemeinsames Lachen; ein Schmerz, der einfach verschwindet; ein Stück Musik, das dich wärmt; ein schöner Abend mit Freunden; die innere Leichtigkeit nach dem überraschenden Erreichen eines Zieles; ein glitzernder Stein im Bach; die Hose, die auf einmal wieder passt; nackte Füße im warmen Sand; der kichernde Blick in den Spiegel; die leuchtenden Augen deines Gegenübers; das erste Lachen deines Kindes; die summenden Worte eines Gedichtes; der erste Schnee im Jahr; eine erstaunlich niedrige Rechnung; knospendes Grün auf den Feldern; das Wohligsein in einem Moment der absoluten Stille; und, und, und ... tausendunendliche winzige Momente des Glücks, die Du nur manchmal schlichtweg übersiehst, weil Du im hastenden Großen und Ganzen Dir verloren gegangen bist.

Es sind genau die kleinen Dinge, die das Leben und Dich zu dem machen was ihr seid: einzigartig und wunderbar!