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11.12.17

Schneemanns Tod

„In den frühen Morgenstunden lag er schmelzend am Boden. Eine Nacht, nur eine Nacht war ihm vergönnt. Wir gedenken seiner in tiefer Traurigkeit.“

„Frau Müller, man kann es auch übertreiben!“

„Sie nehmen mich nicht ernst! Ich erinnere mich sehr wohl daran, wie sehr es mich als Kind erschüttert hat, dass mein weißer Freund, dem ich das Leben schenkte mit eiskalten Händen und zitternden Fingerchen, so brutal aus seinem Leben gerissen wurde. Die erste Lektion zum Thema Vergänglichkeit. Und so schmerzhaft. Ich heulte Rotz und Wasser. Dachte ich bis dahin noch, meine Erwachsenen seien machtvoll, den Göttern gleich, so stürzten sie nun hinab. Sie konnten ihm nicht helfen und machten ihn nicht heil. Was weiß man denn als kleiner Fratz schon von Temperaturen und Schmelzpunkten. Es war ungeheuerlich und ungerecht.“

„Dramaqueen! Können wir jetzt vielleicht ohne weiteres Geheul endlich frühstücken, bitte?“

„Sie sind kalt, so eiskalt. Und werden trotzdem niemals, niemals so ein wunderschöntoller Schneemann werden!“

* Anmerkung
Könnten wir jetzt bitte damit das Thema Winter für dieses Jahr beenden und direkt zum Frühling übergehen? Wusstet ihr, dass ein guter Schlitten so um die hundert Euro kostet. Die hamse doch nicht alle. 




04.12.17

Deine Gefühle in mir

All die Geschichten und Erzählungen in meiner Kindheit lehrten mich doch vor allem eines:

Egal ob du ein Pfannkuchen, ein kleiner Junge, ein hässliches Entlein, ein Einhorn, ein glupschäugiges Tentakelwesen, ein Drachentöter, eine Prinzessin, eine Lokomotive, ein Drache, eine Königin, ein Monster, eine buntbestrumpfte Heldin, ein sternfangendes armes Hascherl oder ein Stäubchen im weiten Weltall bist: Deinen Schmerz, deine Freude, deine Traurigkeit, deinen Mut, deine Treue, deine Einsamkeit, deinen Verlust, deine Hoffnung, deine Ängste, deine Beharrlichkeit, dein Suchen nach Liebe, Freundschaft, Glück, deine ganze Gefühlswelt eben, all das finde ich auch in mir.

So fing es wohl an mit meinem unverbrüchlichen Wohlwollen für alle Menschen und für alle Kreaturen.

Jetzt bin ich alt und es hat sich nichts daran geändert. Also kommt mir nicht damit, dass ich irgendjemanden nicht mögen oder gar hassen sollte, nur weil er irgendwie anders ist als ich. Ne, tut mir leid, dafür bin ich nicht geschaffen. Dafür gibt es keinen Raum in mir, denn dort tummeln sich immer noch die verrücktesten Wesen aus meiner Kinderzeit in vergnüglich stiller Eintracht. Und das ist gut so.

Hannah Arendt

„Es war ja auch zu schrecklich, was beim Jerusalemer Eichmann-Prozeß herauskam: Da stand keine kalt berechnende Bestie in Menschengestalt im schußsicheren Glaskasten, sondern ein Hanswurst.“

Dieser Satz hat mich damals als junge Frau sehr erschüttert. Das Böse konnte, ja durfte nicht banal sein. Es musste groß, hässlich, entmenschlicht sein. Die Täter abseits jedweder Menschlichkeit.
Nur so erschien mir das Unsägliche überhaupt ertragbar.

Und dann kam dieses Weib und schleuderte mich mitten hinein in ein Gedankengebäude, das in späteren Jahren in der Frage gipfelte: Unter welchen Umständen könntest auch du zur Täterin werden?

Nichts war mehr einfach, nichts war mehr mit leichten, eindimensionalen Antworten. Ich habe sie gehasst für ihre Gedanken und den unbequemen Rattenschwanz, den diese in mir ausgelöst hatten.

Und ich bin ihr dankbar.

Am 04.12.1975 starb Hannah Arendt. Eine Große.

03.12.17

Deswegen

„Wie kann man denn über so banale Dinge schreiben, wie den ersten Schnee, das erfolgreiche Zahnen des Kleinkindes, die Freude über eine Postkarte, den Genuss des ersten Schluckes Kaffee in frühen Morgenstunden, das Plappern der Spatzen im Vogelhaus und ähnliche Dinge, wenn da draußen Kriege toben, Menschen verhungern, unter bestialischen Arbeitsbedingungen schuften, an Einsamkeit sterben?“

„Deswegen, genau deswegen. Ressourcen schaffen, aufladen. Es sind die vorgeblich kleinen Dinge, die uns nähren und die der äußeren Kälte trotzen. Die täglichen Freuden, die Zärtlichkeiten in unserem Blick auf Welt, der liebevolle und liebende Umgang mit uns und all denn Facetten unserer realen, hautnahen Umwelt sind das Bollwerk gegen all den Hass und den Schmerz. Wie sonst sollte Hoffnung überleben und weiter getragen werden?“