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29.11.17

Melancholie

Melancholie ist eine zarte Dame, und Schubert ist ganz klar ihr Herold.

Und auch wenn diese Dame die Nebelschleier des endenden Herbstes so mag und sich in den ersten Eissternen am Fenster träumend verliert, so schwingt in mir bei dem Wort „Melancholie“ immer das Bild einer aufblühenden Magnolie mit. Unter dem Duft des sich ankündigenden Schnees zittert schon zaghaft ein leichter Blütenduft.

Melancholie ist nicht gleich bodenloser Traurigkeit und weit, weit entfernt von Depression. Sie ist Verlangsamung, bedachte Blicke und Schrittfolgen. Schwebendes Dahingleiten. Gelassenes Schluchsen.

Mit Mut dem Weh einen Raum geben. Sich leise weinend sanft entleeren. Mit heißen Tränen die schlummernden Blütensamen wiegen.

Melancholie trägt immer auch Hoffnung in sich.

Das macht den Unterschied.


Gefrorene Tränen

24.11.17

Inneres Team

Ich war so viele. Das erschreckte mich. Dann erkannte ich, dass all diese Vielfältigen nur Teile meines Ichs sind, die um einen guten, festen Kern kreisen, und die ich ausschicken und wieder heimholen, beschützen und trösten, einbinden und leiten kann. Wir sind ein tolles und kompetentes Team. Auch die dunklen und schattigen, die fehlgehenden, die überforderten und die sich manchmal verlierenden Teammitglieder werden geliebt. Alle gehören zu mir und sind Teil dessen, was mich als Ich ausmacht. Ich möchte heute keines missen.

Schreiberei

Kurz vor der Geburt eines neuen Textes werde ich huschelig und mach so Sachen wie Ablage, Haushalt, Garten. Dann renn ich an die Tastatur und gebäre tippend. So lange es eben braucht. Manchmal geht das Tage hinter einander. Manchmal ist alles in zwei, drei Stunden fertig. Manchmal ist wochenlang Pause. Dann nutzt es auch nichts, dass ich mich zwingen will. Thema ist da und mein Gehirn arbeitet im Hintergrund und will nicht gestört werden. Ich bin da mittlerweile fast gelassen und vertraue mir.

"Huschelig" sein, meint, im Gegensatz zu sonst, bin ich nicht richtig ganz und gar anwesend, in dem, was ich da gerade so tue. Es gäbe auch kein dringendes Muss (Fenster müssen nicht zweimal hintereinander geputzt werden). Etwas herum wirkeln halt. Ich kenne das, so zwei, drei Tage vor der realen Geburt. Alles ist fertig, alles ist bereit. Aber es ist noch nicht so weit. Bevor meine Kinder auf die Welt kamen, bin ich emsig durch alle Räume, und habe noch dies und das von hier nach dort gerückt und zum dreißigsten Mal die Wickelkommode geordnet und den Kinderwagen poliert. Auf die Frage, was ich denn da eigentlich täte, fiel mir der Begriff "huscheln" ein. Ich huschelte rum. Allerdings ist "huscheln" nicht beliebig. Es hat schon einen Sinn.

Ein alter Vertrauter

Irgendwo hörte ich die letzten Tage den Spruch: „Das Leben ist die längste Nahtoderfahrung.“ Ich komme verflixt nicht drauf, wo er mir vor dir Füße kullerte. Aber, er treibt mich um. Der Satz.

Da der Tod jederzeit und unverhofft an die Tür klopfen kann, oder, besser, eher ohne anzuklopfen überraschend mit der Tür ins Haus fällt; immerhin ist er nicht Gandalf, der höflich mit dem Stock an die Tür pochert und geduldig wartet; scheine ich ihm und er mir ja ständig sehr nahe zu sein. Wenn dem so ist, und ich denke es ist so, dann wäre er ja ein alter Gefährte seit frühesten Tagen. Sollten wir uns dann nicht vertrauter machen? Ab und an plaudern und ein Käffchen miteinander trinken?

Sich mit dem Tod vertraut machen. Kein einfacher Gesell und ich hätte eine Menge Fragen an ihn. Hat er einen Plan? Handelt er impulsiv und willkürlich? Ist er nicht manchmal absolut abgenervt von seinem Job? Macht er das alles alleine? Und wenn nicht, wer sind seine Helferlein, seine Boten, seine Zuträger? Weiß er etwas über das große Rätsel des Danach? Schläft er ab und an? Essen? Trinken? Kacken? Verfügt er über eine Sprache, die ich verstehen kann? Ansonsten wird das ja nichts mit Kaffee, Häppchen, Plaudereien. Ist er einsam?

Meine Neugierde ist grenzenlos. Komm doch näher. Beiläufig. Unverbindlich. Sei mein Gast, ohne Auftrag, ohne ein Müssen. Komm und geh, ganz nach Belieben, bis wir irgendwann zusammen weiter ziehen. 

19.11.17

So nicht!

Schreibt mir doch jemand anonym, dass er/sie kompromittierende Fotos von vor Jahren von mir besäße. Aufgenommen in der Zeit, als ich mich noch aktiv in der BDSM Szene rumgetrieben hätte. Ich solle also sehr gut aufpassen, was ich so öffentlich schreiben würde.
Hihi, lieber Herr oder liebe Frau Jemand, her mit den Fotos! Zuschicken oder veröffentlichen; ich kopiere sie mir dann. War eine tolle Zeit und ich habe so wenig Fotos aus diesem Lebensabschnitt! Und da war ich auch noch so rank und schlank gerade. Die Bilder sind bestimmt wunderbar.
Ernsthaft: Das war doch nicht etwa ein klitzekleiner Versuch mich zu erpressen? Ich lach mich schief. Tschuldigung. Ich gehöre zu den ganz wenigen Personen, die sich, sowohl im realen als auch im virtuellen Leben, immer offen und authentisch zu dem bekannt haben, was sie da so trieben und treiben. Ich bin wohl eine der geoutesten Personen seit Jahrzehnten in diesem Bereich. Da ist nix mit Erpressung und so nem Kinderkram. Tut mir sehr leid. Aber, ich bin wohlwollend und biete Ihnen gerne, bei Bedarf (und den vermute ich doch sehr stark), einen Therapieplatz zu meinen üblichen Konditionen an. Wir bekommen Ihr Leben schon wieder auf die Reihe. Wenn Sie es denn wollen. Versprochen.


Erpressung

Anscheinend aktueller denn je. So viele persönliche Nachrichten, die ich nach diesem Beitrag auf Facebook bekommen habe.
Deshalb ziehe ich diesen Text nochmal hoch. Und natürlich: Männern passiert dies ebenso. Keine Frage, da sind mir genügend Fälle bekannt.

Worum es gehen könnte:

-> Man lernt, zum Beispiel, in einem Chatroom einen interessanten Menschen kennen. Man schreibt sich, telefoniert, schickt Bilder hin und her, auch erotische Bilder, man gibt ziemlich viel preis über sich, ist ehrlich, offen, spricht über Träume, Fantasien, Erfahrungen. Man schießt Vertrauen vor.

Man trifft sich und findet sich immer noch nett. Man verbringt eine Nacht zusammen.

Und dann stellst Du, sofort oder etwas später, fest: Nein, es ist doch nicht der Richtige. Irgendwas stimmt nicht. Es fühlt sich nicht gut und rund an. Ist ja nichts Schlimmes. Man spricht miteinander, erklärt sich und geht dann wieder getrennte Wege.

Doch der andere kapiert es nicht. Versucht Dich davon zu überzeugen, dass Du ihm doch noch eine Chance, ein Gespräch, einen weiteren Versuch und/oder irgend so was geben, solltest. Er ist hartnäckig und wird aufdringlicher. Dadurch wird das leichte Gefühl der Unstimmigkeit in Dir aber immer deutlicher und verfestigt sich. Und je mehr Du dies äußerst, umso drängender wird er. Dann ein lautes und klares: NEIN! Basta! Schluss! von Deiner Seite.

Und dann sagt dieser Depp doch so Sachen wie: „Du solltest dir schon noch mal überlegen, was du da sagst - immerhin wäre es dir sicher nicht angenehm, wenn deine Kinder, Mutter, Freunde, Arbeitgeber (beliebig auszufüllen) etwas von dem erfahren würden, was du so treibst. Wenn sie deine Texte an mich lesen würden, deine Bilder sehen würden, von deinen Neigungen wüssten, etc., etc., etc.…“ <-

HALLO! Ganz klar und deutlich: Dies ist Erpressung und nichts anderes. Punkt. Und es ist ein Straftatbestand. Anzeige angesagt und berechtigt.

Lass Dich von so was nicht einschüchtern! In der Regel hat so ein Mensch, wenn seine Machenschaften auffliegen würden, wesentlich mehr zu verlieren als Du. Er spielt mit Deinen Ängstlichkeiten, die oft doch nur seine eigenen sind. Ein armes Schwein ist das, sonst nix! Wenn Du klar und locker bleibst, wird er sich verkrümeln. Wenn nicht, zeige ihn spätestens jetzt an.

Und! Nach einem klaren und eindeutigen „Nein!“ von Deiner Seite reagiere nicht, also gar nicht! mehr, auf Nachrichten oder sonst was von ihm.
Lass Dich niemals von solchen Idioten erpressen und einschüchtern!

Und wenn Du alleine nicht weiter weißt, dann hol Dir Hilfe. Gleich und sofort!
....

*Anmerkung
Mein persönlicher Weg war immer: Ich mache mich nicht erpressbar. Das meint, ich sorge dafür, dass ich das, was ich tue und denke auch jederzeit und überall offen kommunizieren kann. Wenn ich das nicht zu können meine, dann überlege ich mir, warum es nicht geht: Vielleicht ist es (noch) nicht die richtige Zeit, vielleicht will vorher etwas gelöst werden, vielleicht benötigt es ein anderes Umfeld, eine andere Herangehensweise, eine andere Form der Umsetzung, oder was ganz anders. Wenn ich es ändern kann, dann ändere ich es. Wenn ich es nicht ändern kann, dann, ja dann verzichte ich. Weil der Rattenschwanz an Stress und Angst und Durcheinander, der unweigerlich bei Erpressbarkeit und Erpressung auftaucht, viel mehr Energie braucht und mehr Schaden anrichten kann, als ein Verzicht. Damit fahre ich mein Leben lang sehr gut.

15.11.17

Kein Zurück.


"Urvertrauen" - geschreddert bis auf den letzten Krümel. Bei so vielen von uns. Ich war als junge Frau suchend durch die Welt gehastet und hatte wunderbare Orte gefunden, grün, blau, bunt, leise, stürmisch, laut, erfüllt von einer tiefen Stille. Sooooo schön. Und dann stand ich an so einem Ort, eingekuschelt in all die alle Sinne berührende Schönheit und Natürlichkeit und ... und weinte, weil ich erkannte, dass meine Sehnsucht eine unerfüllbare war. Es gab kein Zurück, es gab kein Reset. Die Tür in eine glückliche Kindheit war ein für alle Mal geschlossen.
Und ich nahm mich ja überall mit hin. Egal wie schön alles war, ich war immer noch ich. Zerschlagen, gedemütigt, verstoßen, verlassen, hungrig. Zwei Möglichkeiten gab es damals: In ein dunkles, tiefes Loch zu springen und zu fallen, fallen, fallen. Oder einen Schritt beiseite zu gehen und alles noch einmal ganz anders aufzuspielen.
"Urvertrauen"? Wem kann ich ohne Wenn und Aber vertrauen? Mir. Denn ich kenne meine Stärken und meine Schwächen. Kenne meine Angst und meine Freude. Kenne meine hellen, grauen und tiefschwarzen Seiten. Kann ich mich, so, in all dieser Unvollkommenheit lieben? Ja. Kann ich mir vertrauen? Ja. Heimat bin ich mir selbst. 
Nein, das ist keine Versicherung gegen kommenden Schmerz und neues Leid und weitere Zweifeln und Fallen. Es war am Anfang nur ein klitzekleines Häufchen Steine. Winzig. Über all die Jahre hat sich dieses damalige Bild immer mehr verfestigt und aus den Steinchen wurde ein oft tragendes, manchmal kippeliges und ab und an auch immer noch recht brüchiges Fundament. Und doch halfen und helfen mir diese Bilder, einen Kern ganz tief in mir drin zu bilden, den man mir in der frühen Kindheit nicht zu bilden erlaubte. Dieser Kern macht all das aus, was ich bin. Auf ihn kann mich verlassen, auch wenn alles andere zerbricht, dieser Kern hält.

12.11.17

Kindesmund

„Oma! Ich kann so gar nicht schlafen!“

„Du könntest Schäfchen zählen. Das soll helfen.“

„Oma, du sagst Quatsch. Es ist doch dunkel draußen, da kann ich keine Schäfchen zählen. Ich sehe die doch gar nicht.“

„Mama, warum erzählt die Oma denn so einen Quatsch?“

„Ich weiß nicht. Frag sie doch selbst.“

„Vielleicht, weil sie schon so eine urururalte dicke kleine Oma ist?“


Wie schön, dass man dann ganz gelassen wie ein Jungspund die Treppe hinunterhüpfen und die Tür hinter sich schließen kann. *kicher

Wo die Liebe hinfällt

Mutter Deutsche, Vater Sinto

Da erzählt eine junge Frau in einem Zeitungsartikel von ihren Erfahrungen als Mensch, der von beiden Kulturen mit Argwohn angesehen wird und wie sie sich diskriminiert fühlte als Kind von allen Seiten. Berichtet über ihren ganz eigenen Weg und wie sie aufgrund ihrer Erfahrungen heute mit den eigenen Kindern umgeht und sie zu starken und selbstbewussten Persönlichkeiten erzieht.

Ich kenne diese Zerrissenheit von so vielen Geschichten aus meinem Leben und aus meinem sozialen Umfeld. Früher nannte man diese Kinder Bastarde. Pah! Ich habe mich davon nie beeindrucken lassen. Meine Kinder sind aufgewachsen mit dem Credo: Ihr seid diejenigen, die durch ihr Leben diesen ganzen Scheiß von getrennten Welten und Kulturen überwinden werdet. Nehmt euch das jeweils Beste aus dem ganzen Angebot und mischt es zu einer Grenzen überwindenden Haltung. Ihr seid das Bollwerk gegen all diesen nationalen Hass, gegen all den Mist wie Rassismus und verquerten Patriotismus, gegen längst verkrustete und menschenrechtsverachtende Traditionen. Ihr seid diejenigen, die sich einen Scheiß um Herkunft und Nationalitäten kümmern werden. Es tangiert euch nicht, denn ihr seid Kinder einer Welt. Eurer Welt. Weltenbürger.

Na ja, das klingt wohl etwas sehr pathetisch. Letztendlich liegt darunter eine ganz einfache Haltung: Liebe hat sich noch nie geschert um all das trennende Dummzeugs. Überall auf der Welt sah und sehe ich Menschen, die sich nicht abhalten lassen zu lieben. Über alle Grenzen, Traditionen und kulturelle Normen hinweg. Das ist gut. Das bringt reinigende Bewegung in Erstarrtes und schafft Raum für Neues. Langsam, aber stetig. Diesen Menschen gehört mein Respekt und meine Hochachtung. Sie sind der Quell meiner Hoffnung.  

11.11.17

Trübe Tage

O trübe diese Tage nicht
O trübe diese Tage nicht,
Sie sind der letzte Sonnenschein,
Wie lange, und es lischt das Licht
Und unser Winter bricht herein.
Dies ist die Zeit, wo jeder Tag
Viel Tage gilt in seinem Wert,
Weil man's nicht mehr erhoffen mag,
Dass so die Stunde wiederkehrt.
Die Flut des Lebens ist dahin,
Es ebbt in seinem Stolz und Reiz,
Und sieh, es schleicht in unsern Sinn
Ein banger, nie gekannter Geiz;
Ein süßer Geiz, der Stunden zählt
Und jede prüft auf ihren Glanz –
O sorge, dass uns keine fehlt,
Und gönn' uns jede Stunde ganz.

(Theodor Fontane)



Es wird jetzt langsam schon so früh kuschelig. Ich mag das. Besonders wenn es draußen stürmt und tobt. Zeit für Gedanken. Zeit für Erinnerungen. Frühjahr und Herbst sind mir die liebsten Jahreszeiten. Die Unruhe draußen beflügelt meine innere Ruhe. ... ... ... ... Meistens. Manchmal.



08.11.17

Gespräch

Vor langer Zeit. Gefunden, durchgekaut und für kitschig und doch wahrhaftig gefunden. Teilenswert? Ich denke schon. Und sei es nur, um Puzzleteile anzubieten.

„Manchmal fürchte ich mich vor dir!“

„Warum denn das, Liebster?“

„Weil du stark bist, weil du nimmst und nicht nur gibst.“

„Ja, ich bin stark, weil ich weiß, dass alles im Leben seinen Preis hat und es immer einen Ausgleich geben wird. Für alles. Darum kann ich sowohl geben als auch, im passenden Moment, nehmen.“

„Weil du egoistisch bist, weil du für dich sorgst.“

„Ja, ich bin egoistisch. Und ich sorge für mich. Wer Liebster, sollte es denn sonst tun? Ich und nur ich bin für all mein Tun und Denken und all mein Nicht-Tun und Nicht-Denken verantwortlich. Immer und überall. Da gibt es keinen Gott und kein anderes Wesen, die mir diese Freiheit abnehmen könnten. Diese Eigenverantwortlichkeit ist mir zugehörig, sie macht mich zu dem, was ich bin. Ich kann sie vergessen, beiseiteschieben wollen – sie ist trotzdem da.“

„Weil du kämpfst, aus einen einzigen Grunde: Für dich und deine Brut.“

„Ja, ich kämpfe. Für mich, meine Brut, und für mein Rudel. Wer zu mir gehört, dessen Wohlbefinden ist mir wie mein eigenes. Genauer: Mein Wohlbefinden ist unauflöslich mit dem Wohlbefinden aller mit mir Verbundenen verknotet. Wird dieses Wohlbefinden bedroht, dann, ja dann kann ich auch beißen. Nicht sofort, nicht als das Mittel der ersten Wahl. Aber, wenn es denn sein muss, wenn ein bestimmtes nicht mehr erträgliches Maß überschritten wird durch ein winziges kleines Tröpfchen, dann, ja, sicher. Keine Frage, dann kann es hart und heftig werden.“

„Weil du spielst mit einem einzigen Ziel: Du willst gewinnen.“

„Ja, natürlich spiele ich Spiele um zu gewinne. Warum sollte ich sie denn sonst spielen?“

„Weil du klug bist und immer alles bis zum Grunde durchdenken willst.“

„Ja, ich bin klug. Natürlich hege und pflege ich meine Klugheit und nähre sie. Dies sichert zum einen mein Überleben und zum anderen ist es das einzige Gut, dass mir niemand nehmen kann. Und es würde meine Intelligenz beleidigen, wenn ich Dinge nicht bis zum Grunde durchdenken würde. Auch wenn mir die Abgründe und die sich daraus ergebenden Konsequenzen dann manchmal nicht gefallen.“

„Weil dein Mitleid sich in Grenzen hält, wenn es um dein Überleben geht.“

„Ja, manchmal bin ich ohne Mitleid. Aber, dies sagt nichts über meine Fähigkeit zum Mitgefühl aus. Ich fühle immer mit und trage den Schmerz des anderen in mir. Das ändert jedoch nichts daran, dass ich Schmerz auch gebe und verteile. Bewusst oder unbewusst. Viel wichtiger erscheint mir jedoch, dass ich vergeben kann. Den anderen und mir.“

„Weil der Tod dich nicht schreckt.“

„Ja, der Tod macht mir keine Angst. Er gehört für mich zum Leben. Das eine gibt es ohne den anderen nicht. Ich habe ihn in so vielen Variationen gesehen, gerochen und geschmeckt. Er ist mir ein Vertrauter und er ist nicht mein Feind. Er, und nur er, schenkt mir dieses Gefühl: Das Leben ist wunderschön! Hier und Jetzt.“

„Weil du liebst, wie du liebst.“

„Ja, ich liebe. Auf meine Art. Und ich schere mich dabei nicht um Alter, Geschlecht, Herkunft, äußere Attribute und sonstigen Mist. Ich liebe. Sehe mich an und umfasse mich und kann mich aushalten und lieben, so wie ich gerade bin. Und aus dieser Liebe zu mir wächst und wächst und wächst die Liebe für andere. Ein Fass ohne Boden, ja.“

„Weil deine Sinnlichkeit keine Scham kennt.“

„Ja, meine Sinnlichkeit ist ein unendliches Meer von Möglichkeiten. Da ist vieles schon gelebt und da liegt noch so vieles ungekostet brach. Scham? Für wen? Aus welchem Grunde? Ich schaue mich an und ich liebe mich. Solange dieses Wohlwollen mir gegenüber durch meine Sinnlichkeit nicht tangiert wird, gibt es keinen Grund für jedwede Form von Scham.“

„Weil du alles gibst und alles willst.“

„Ja, ich gebe mich hin. Bedingungslos. Und ja, ich nehme jemanden in mich hinein. Bedingungslos. Dann, und nur dann, wenn jemand derart Teil meines Lebens ist, gebe und will ich alles. Alles andere wäre doch nur Makulatur, oder? Reine Energieverschwendung.“

„Weil du schön bist in einer Art, die mir den Atem nimmt.“

„Ja, ich bin schön. In den Momenten, in denen ich in Balance bin, bin ich schön. Auch das kann beängstigend sein.“

„Und darum fürchte ich mich.“

„Aber, du, du brauchst mich nicht fürchten, Liebster. Denn du bist doch bei mir.“

Opas Geburtstag

Jedes Jahr, immer wieder, immer noch. Und ich könnte es auch heute nicht anders formulieren.

Hallo Opa!

Heute wäre dein Geburtstag und wie jedes Jahr an diesem Tag spukst du vermehrt durch meinen Kopf und mein Gemüt. Ich vermisse dich so sehr, auch wenn du oft der Quell meines Leidens und meines Zorns warst. Du warst ein solch elendiger Patriarch und hast deinen „Weiber“haushalt mit strenger Hand geführt. Nur mir gegenüber warst du immer freundlich zugewandt und so wurde ich das Mädchen mit der weißen Fahne im Haushalt und immer vorgeschickt, wenn deine Töchter etwas von dir wollten.


Du warst derjenige, der mir Lesen und Schreiben beibrachte, denn als alter Gewerkschaftler warst du der festen Überzeugung, dass Bildung die Grundlage für jede Veränderung sei. Du hast Bücher über Bücher angeschleppt und mir damit so viele neue Welten eröffnet.

Du hast mir vom Krieg erzählt und von der Nazidiktatur. Schonungslos in deiner bildgewaltigen Offenheit. Es war dir egal, dass ich da manchmal in meiner kindlichen Seele überfordert war und für und um dich und all die anderen Menschen nächtelang weinte.



Du warst derjenige, der mich jeden Sonntagvormittag zum „Skat kloppen“ mitschleppte und später fuchsteufelswild wurde, wenn ich dir dabei dein tolles Blatt durch Schusseligkeit verpatzte.

Du brachtest die Familie in Verlegenheit und machtest mich stolz, als du dem Pfarrer nach meiner Konfirmation mit den lauten Worten „So einem verlogenen Pack reiche ich in diesem Leben nicht mehr die Hand!“ den Handschlag verweigertest.

Du warst derjenige, der immer am Radio und dann später im Fernsehen Nachrichten hörte und sie mir geduldig erklärt hat. Du warst derjenige und einzige, der sich freute und verstand, als ich gegen jede Familientradition Abitur machte und studierte. Du warst derjenige, der meinen Mann willkommen hieß und ihm klar machte, dass dich persönlich Nationalitäten und Herkunft einen Scheiß interessierten, wenn da nur ein ganzer Kerl endlich seiner Enkelin, zu ihrer Sicherheit, ein paar Zügeln anlegen würde. Ihr zwei Machos habt euch prima verstanden. 

Du warst derjenige, der meinen Sohn so sehr liebte und tatsächlich seinen Hintern bewegte und so oft bei uns war wegen ihm. Du warst derjenige, der mich immer ermutigte und erdete, wenn ich vor Zorn glühte wegen all der Ungerechtigkeiten in der Welt und der mich stärkte, als ich immer weiter und weiter in diese Welt hinausging und sie mir per trampen und Gelegenheitsjobs eroberte.

 
Du warst derjenige, der immer ein Ohr für mich hatte und an dessen Tisch ich später immer freundliches Verständnis und Speisen aus meiner Kindheit vorfand. Du warst allerdings auch derjenige, der meinen Vater vor mir verschwieg, meinen Bruder ablehnte und mich nach dem Tod deiner Frau in die graue Welt der Pflegeeltern schickte.


Du warst auch derjenige, der weg sah, wenn deine Frau mir mit dem Kochlöffel den Hintern versohlte und mich bis in die späten Abendstunden vor dem Teller mit pampigem Rosenkohl sitzen ließ.

Wir haben vieles später geklärt und nichts blieb ungesagt vor deinem Tod. Für vieles bin ich dir dankbar. Manches konnte ich dir verzeihen, einiges jedoch nicht vergeben.

Du fehlst mir so sehr und das tragende Bild heute in meinem Kopf ist die Fahrt zwischen unserem freien Schrebergarten und dem so weit entfernten Zuhause auf deinem kleinen Moped. Laut singend – dir war so gar nichts peinlich, niemals und nirgendwo - hieltst du mich kleinen Fratz dabei fest vor dir auf dem Sitz und zeigtest mir deine Stadt mit all ihren schönen und schauerlichen Geschichten.

Ich habe so viel gelernt von dir, im Guten, wie im Schlechten und ich bin unendlich dankbar dafür, dass du mich eine Weile in meinem Leben begleitet hast. Du fehlst, verdammt, du fehlst. 

Diskriminierung – alter Hut in alten Schläuchen

Weil meine Tochter wieder öfters in so einer besonderen Tonlage gefragt wird, aus welchem Land sie denn geflohen sei, zitiere ich mich gerne nochmals selbst, auch um mich und andere daran zu erinnern, dass dies alles ja nix Neues ist:

"Als ich den Vater meiner Kinder heiratete (Iraner) verabschiedete sich die Hälfte meines Freundeskreises. "Ausländerschlampe" war noch eines der freundlichen Argumente. Als meine kleine Tochter sich ein Sintimädchen zur besten Freundin auserkor, durfte ich mir in Elterngesprächen fürsorglichbedenkliche Warnungen über diesen "schlechten" Umgang anhören. Als mein kleiner Sohn in der Grundschule mit seinem besten Freund (Eritrea) Arm in Arm herumlief, musste ich zu einem Gespräch mit der Klassenlehrerin, die meinte, mich darauf hinweisen zu müssen, dass dies doch vielleicht erste Ansätze von Homosexualität sein könnten, denn man wisse ja so gar nix über die sexuellen Neigungen der Negerkinder. Ich weiß nicht, wie oft ich in der Grundschule war, um meine Tochter aus dem Deutschunterricht für Ausländerkinder heraus zu holen, in der man sie einfach mal pro forma hineingesteckt hatte. Als mein Sohn, schon festes und erfolgreiches Mitglied im Nationalkader und in der Bundesliga war, insistierte der Vorstand des Verbandes bei einer Pressekonferenz auf die Herkunft und wollte nicht kapieren, dass der junge Mann einfach ein Frankfurter sei.

Ach, da tauchen gerade noch so viel mehr Erinnerungen auf. Nein, Leute, erzählt mir nix davon, dass dies alles neu sei und mit den aktuellen Zahlen von Flüchtlingen zu tun hätte. Hat es nicht. Hatte es nie. Da geht es um etwas ganz anderes und das schon, seitdem ich auf der Welt bin: Rassismus. In all seinen widerwärtigen Formen. Nix Neues in meinem Land, so gar nix Neues."

Neu ist: Der Ton verschärft sich und die Grenze zwischen verbalen und körperlichen Übergriffen wird dünner.

05.11.17

Dramaqueens

Gestern Großeinkauf mit Tochter, Enkelin und Enkel im Lidl. Voll. KleinMadame hatte ihren eigenen kleinen Einkaufswagen. Kaum hatten wir das Geschäft betreten, fing sie an lauthals zu jammern: „Ich muss Pipi!“. Nun, wir wussten, dass die Dringlichkeit nicht ganz so groß sein könne, hatte sie doch gerade. Außerdem erkannten wir die Dramaqueen an den ausprobierenden unterschiedlichen Modulationen des gleichen Satzes und übten uns in Gelassenheit. Das war ein großer Ansporn für KleinMadame. Sie zog alleine los durch die Gänge und variierte den Satz spielerisch und voller Genuss in Lautstärken und Tonhöhen.  Die Blicke der Leute auf uns und ihr sichtbares Getuschel forderte unsere ganze Contenancefähigkeit. Es erinnerte mich an eine ähnliche Situation mit meiner Tochter im gleichen Alter. Übervolle U-Bahn und sie wollte irgendwas, was ich ihr verweigerte. Daraufhin schrie sie so erbärmlich den Satz: „Immer schlägst du mich, Mama!“ in allen ihr nur möglichen Modulationsvarianten. Die absolute Aufmerksamkeit aller! Mitfahrenden hatte sie auf alle Fälle. Und sie genoss es, währenddessen ich am liebsten irgendwie im Boden versunken wäre. Nein, ich habe sie nicht gebremst, damals nicht und gestern auch nicht, und nein, ich habe auch nicht mit ihr darüber diskutiert, dass dies ja wohl nichts mit unseren Realitäten zu tun hätte. Ich habe sie einfach machen lassen und wir sind dann beide mit hoch erhobenen Kopf an unserer Haltestelle ausgestiegen. Ach ja, sie hörte übrigens draußen sofort damit auf und war ein einziger Sonnenschein. KleinMadame übrigens auch. Auf das Angebot, doch jetzt im Gebüsch zu pisseln, meinte sie nur: „Oma, ich war doch gerade erst!“ 

Sonntägliches Allerlei

„Oma, ich gehe jetzt raus spielen.“

„Ähm, es regnet doch!“

„Ja, toll!“

Na gut, Pfützenspringen ist mit richtiger Bekleidung ja auch was Wunderbares. Also zieht Kind sich regenfest an und Pauli und ich setzen uns auf die Treppenstufe vor das Haus und schauen der Springerin begeistert zu. ... … … Ich brauche dringendst Gummistiefel. Das Angebot von KleinMadame, doch ein Paar von den ihren zu nehmen, scheiterte leider an der Größe. Ansonsten fand ich das Angebot aber sehr großzügig. … … … Pauli fand den Regen nicht so verführerisch. Nach einer Minirunde verzog er sich maulend ins Haus. Inspiriert durch das platschende Wasser, habe ich ihn dann endlich mal wieder geduscht. Er ist jetzt ein empörter, jedoch sauberer Hund. 


04.11.17

Klarheit

„Du kannst das arme Ding doch nicht an den Haaren die Treppe runter schleifen!“

„OMA, das ist doch nur eine Puppe! Mama, die Oma glaubt wirklich, das würde der Puppe weh tun. Die Oma ist aber dumm.“

Ich muss mir keine Sorgen um das Kind machen, so gar nicht. :-)