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28.10.17

Die sprachlose Generation

„Meine Mutter. Wie muss das gewesen sein, 1956, als junge Frau mit einem Kind im Bauch, dass unehelich auf die Welt kommen würde? War da Liebe? Gab es da überhaupt Raum für Freude? Wann hat sie es der Familie gesagt? War da ein Streicheln und Summen durch die Bauchdecke hindurch? Die Geburt? War sie da alleine? War da dann ein Willkommen, vor dem Verleugnen? Sie hat es mir nie erzählt. Ist diesen Fragen immer ausgewichen, bis zum Schluss. Es hat sehr lange gedauert, bis ich ihr sagen konnte: Ich bin gerne deine Tochter und ich danke dir dafür, dass du mich hast leben und überleben lassen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie es wirklich verstanden hat. Da waren so viel elendige verwobene Scham und Schuld und Zorn in ihr. Einen Teil davon habe ich ihr wohl in den letzten Wochen ihres Lebens abgenommen. Das Gehen fiel ihr leichter. Ich habe es gerne und in Liebe getan.“

26 Jahre ist das jetzt her. Sie starb viel zu früh. Denke ich noch an sie? Ja, immer öfters. Ich weiß so wenig aus ihrem Leben. Sie gehörte zu der Generation der Frauen, die nie, aber wirklich nie über die Zeit des Krieges und über die Jahre danach gesprochen hat. Wie hat sie diese Zeit erlebt? Sie war ein junges Mädchen. Ihre Mutter starb und sie musste zu einer fremden Familie in Obhut, denn der Vater war ja an der Front. Diese fremde Familie wurde dann ihre Familie, da der Vater mit der Frau und deren Kinder nach dem Krieg zusammen lebte. Was hat dies alles mit ihr gemacht? Sie hat nie, nie darüber gesprochen. Wie ist das, wenn man das all die Jahrzehnte mit sich schleppt? War da irgend jemand, dem sie sich anvertrauten konnte? Ihr Vater? Mein Vater? Wohl eher nicht. Haben die Frauen untereinander darüber gesprochen?
Würde sie es mir heute erzählen? Ich weiß es nicht. Aber ich rede mit ihr. Versuche, in den inneren Dialogen, ihr eine Stimme zu geben.

Ich wäre froh, wenn wir mehr Zeit zusammen gehabt hätten.

Ja, ich habe viele Bilder aus dieser Zeit, auf denen sie mit mir lacht. Aber, ich habe auch Geschichten, Erzählungen von Anverwandten aus diesen Jahren, die anderes berichteten. Mit hat sie nie etwas erzählt, obwohl ich immer wieder fragte als junge Frau. Sie hat immer abgelenkt und dann war so ein Zorn in ihrer Stimme und so eine Traurigkeit in ihren Augen. Diese Tür war und blieb immer zu.
Die Familie. Sie haben sie und mich aufgenommen und wenn ich alles zusammen zähle, dann war ich dort unterm Strich und trotz der Enge und der Armut wohl ein willkommenes Kind. Dafür bin ich dankbar. 


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