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30.10.17

Handygedöns

„Schauen Sie auch laufend auf Ihr Handy, Frau Müller?“

„Ähm. Also. Ich bin schon froh, dass ich mich, wenn es irgendwo klingelt, langsam daran erinnere, dass ich auch so ein Ding habe. Meistens ist es dann zu spät und ich muss zurückrufen. Oder, wenn ich es dann mal rechtzeitig raffe, verwirrt es mich total, dass ich wischen soll, um den Anruf anzunehmen. Also muss ich zurückrufen. Und manchmal, da schau ich rein zufällig drauf und es sagt mir freundlicherweise, dass ich einige Anrufe verpasst hätte. Wie kann das sein, ich habe es ja gar nicht klingeln gehört. Also rufe ich zurück. Am besten, man schreibt mich an. Dann rufe ich auch zurück. Oder man kommt einfach vorbei. Ist eh am einfachsten.“


29.10.17

Beiläufiges

Gassi gehen mit Pauli: Nase aus der Tür stecken. Es stürmt, aber es nieselt nur. Regenschirm geht nicht. Also los. Kaum sind wir weit genug weg, fängt es an zu gießen, sowas von. Aber, der Herr hat ja noch nicht gekackt und braucht eine Ewigkeit, viel Schnuppern und verwerfen, bis er den richtigen Platz und dann auch noch die richtige Stellung gefunden. Also, heute Morgen war er sehr, sehr wählerisch. Da kann man nicht drängeln, nur geduldig hinterherlaufen. Im heutigen Fall wohl eher schwimmen. Ich schwöre, ich war schon ewig nicht mehr so bis auf die Haut durchnässt und sogar in den Schuhen schwappte das Regenwasser. Aber wie sagte mein Opa immer: „Regenwasser hilft beim Wachsen.“ Es besteht also Hoffnung. Ich werde jetzt groß.

*Anmerkung
Sobald wir die Haustüre dann hinter uns geschlossen hatten, legte sich der Wind, hörte der Regen auf und ging wieder in ein sanftes Nieseln über.

28.10.17

Überbleibsel

Im Laufe meines Lebens habe ich in unterschiedlichen Wohngemeinschaften, in Studentenwohnheimen, alleine und einige Jahre im Ausland gewohnt. Oft habe ich bei Auszügen fast alles zurück gelassen und ganz neu angefangen. „Fast“ und das ist sonderbar, denn mitgeschleppt über all die Jahrzehnte habe ich, nachdem ich mich mal in meinem jetzigen Hausstand umgesehen und nachgedacht habe, folgende Gegenstände: Einen gusseisernen Schraubstock, ein ebensolches Zweibein (Schuhmacherwerkzeug), ein altes Fotoalbum, eine Lupe und mein Höckerchen. Seit nunmehr über vierzig Jahre begleiten mich diese Gegenstände. Eine komische Auswahl, oder? Nein, eigentlich nicht, denn alle diese Gegenstände stehen für das „glückliche“ Kind in mir. Mein Großvater war vor dem Krieg gelernter Schuhmacher und nebenbei Uhrmacher. Nach dem Krieg war er Kanalarbeiter, aber in seiner Freizeit hat er für die Nachbarschaft immer noch Schuhe hergestellt, besohlt und Uhren repariert. Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich als kleines Kind mit ihm in seiner Werkstatt im Keller verbracht habe. Er hat mir viel beigebracht und er hat mir beim Arbeiten so manche Geschichten aus seinem Leben erzählt. Auch zu den Fotos im uralten Fotoalbum. Seine Geschichte und die seiner Familie. Und auf dem Höckerchen stand ich morgens neben ihm beim Frühstücken, bevor er zur Arbeit ging. Das sind wohlige Erinnerungen. Es gibt auch andere, mächtig dunklere Bilder. Doch die wohligen, die waren und sind eine unglaubliche Ressource.


Die sprachlose Generation

„Meine Mutter. Wie muss das gewesen sein, 1956, als junge Frau mit einem Kind im Bauch, dass unehelich auf die Welt kommen würde? War da Liebe? Gab es da überhaupt Raum für Freude? Wann hat sie es der Familie gesagt? War da ein Streicheln und Summen durch die Bauchdecke hindurch? Die Geburt? War sie da alleine? War da dann ein Willkommen, vor dem Verleugnen? Sie hat es mir nie erzählt. Ist diesen Fragen immer ausgewichen, bis zum Schluss. Es hat sehr lange gedauert, bis ich ihr sagen konnte: Ich bin gerne deine Tochter und ich danke dir dafür, dass du mich hast leben und überleben lassen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie es wirklich verstanden hat. Da waren so viel elendige verwobene Scham und Schuld und Zorn in ihr. Einen Teil davon habe ich ihr wohl in den letzten Wochen ihres Lebens abgenommen. Das Gehen fiel ihr leichter. Ich habe es gerne und in Liebe getan.“

26 Jahre ist das jetzt her. Sie starb viel zu früh. Denke ich noch an sie? Ja, immer öfters. Ich weiß so wenig aus ihrem Leben. Sie gehörte zu der Generation der Frauen, die nie, aber wirklich nie über die Zeit des Krieges und über die Jahre danach gesprochen hat. Wie hat sie diese Zeit erlebt? Sie war ein junges Mädchen. Ihre Mutter starb und sie musste zu einer fremden Familie in Obhut, denn der Vater war ja an der Front. Diese fremde Familie wurde dann ihre Familie, da der Vater mit der Frau und deren Kinder nach dem Krieg zusammen lebte. Was hat dies alles mit ihr gemacht? Sie hat nie, nie darüber gesprochen. Wie ist das, wenn man das all die Jahrzehnte mit sich schleppt? War da irgend jemand, dem sie sich anvertrauten konnte? Ihr Vater? Mein Vater? Wohl eher nicht. Haben die Frauen untereinander darüber gesprochen?
Würde sie es mir heute erzählen? Ich weiß es nicht. Aber ich rede mit ihr. Versuche, in den inneren Dialogen, ihr eine Stimme zu geben.

Ich wäre froh, wenn wir mehr Zeit zusammen gehabt hätten.

Ja, ich habe viele Bilder aus dieser Zeit, auf denen sie mit mir lacht. Aber, ich habe auch Geschichten, Erzählungen von Anverwandten aus diesen Jahren, die anderes berichteten. Mit hat sie nie etwas erzählt, obwohl ich immer wieder fragte als junge Frau. Sie hat immer abgelenkt und dann war so ein Zorn in ihrer Stimme und so eine Traurigkeit in ihren Augen. Diese Tür war und blieb immer zu.
Die Familie. Sie haben sie und mich aufgenommen und wenn ich alles zusammen zähle, dann war ich dort unterm Strich und trotz der Enge und der Armut wohl ein willkommenes Kind. Dafür bin ich dankbar. 


Alter

„Alter. Was bedeutet dies für Sie konkret, Frau Müller?“

„Man könnte sagen: Gevatter Tod machte sich lautstark bemerkbar und drängelte sich immer wieder in den Vordergrund. Aufmerksamkeit heischend ließ und lässt er nicht locker. Noch bin ich nicht ganz versöhnt mit ihm, noch weigere ich mich hartnäckig ihn als Freund an meinen Tisch zu laden. Aber, ich arbeite daran. Immerhin höre ich ihm schon mal aufmerksamer zu, wie er da vor meiner Tür vor sich hin brabbelt und reiche ihm ab und an ein Tässchen Tee nach draußen.“

„Ach? Geht das auch ein bisschen weniger schmalzig, Frau Müller?“

„Klar, als ich jünger war, hätte ich Ihnen für diesen Ton in Ihrer Stimme den Kaffee übern Kopf gekippt. Heute, in meinem Alter, denke ich nur, dass dies doch reine Verschwendung sei, stelle die Ohren auf Durchzug, lege noch ein Würfelzuckerstückchen drauf und genieße meinen Kaffee.“

26.10.17

Rumgeschnipsel

Manchmal überfällt mich diese innere Unruhe und oft mach ich dann was mit meinem Haaren. In den Wechseljahren war das ganz extrem. Dann war eine lange Weile Pause. Jetzt war es mal wieder soweit. Da ich mich ja schon ziemlich lange kenne, weiß ich natürlich, dass dem äußeren Rumgestyle immer ein innerer Entscheidungskonflikt zugrunde liegt. Es steht was an, es will sich nur noch nicht gebären lassen. Wenn ich mich recht entsinne, war Oktober/November immer eine Zeit des Umbruches in meinem Leben. Komisch, eigentlich sollte man erwarten, dass eher der Frühling eine Widderfrau zu neuen Wegen inspiriert. 

25.10.17

Elterngedöns

Sehr interessant. Bevor ich den Artikel las, führte ich folgendes Gespräch mit KleinMadame:

„Oma, ich habe drei Eltern!“

„Ach ja?! Wer sind die denn?“

„Die Mama, den Dadda, dich." denktdenktdenkt "Und den Opa, den Onkel Saba und die Tante Soma.“

„Das sind dann aber mehr als drei.“

Sie denkt wieder nach…

„Stimmt, da gibt es ja auch noch den Pauli, den Onkel Sohrab und meinen Freund, der Luis. Und die Oma Gina und den anderen Opa. Und die Melissa? Ich habe aber viele Eltern. Bestimmt sind das zehn! Mein Bruder ist aber kein Eltern, der ist mein Bruder.“

KleinMadame hat wohl heimlich den Text gelesen

Wiederkäuen

Ich sage und schreibe so viel und manchmal überfällt mich der Gedanke, dass doch alles schon gesagt wurde, doch alles schon gedacht sei zu den großen und kleinen Fragen der Menschheit. Dann fühle ich mich wie das Hamsterlein im Rad. Wiederkäue ich Worte und Gedanken aus Jahrhunderten? Unbesehen. Wenn man Jahrzehnte sich lesend und Erfahrungen sammelnd durchs Leben bewegte, dann kann man nicht mehr unterscheiden, was Ihres ist und was das Meine. Warum denkt und schreibt man also? Warum man das macht, das weiß ich nicht. Ich tue es, weil all das Denken und die Worte wohl bisher nicht ausreichten und immer wieder ausgegraben, durchgekaut und neu formuliert werden müssen. Vielleicht, vielleicht erreichen sie dann auch all jene, die sich ihnen bisher verweigerten. Und ja, ich gestehe es, ganz heimlich, ganz tief in mir drinnen liegt diese kindliche Sehnsucht, das eine Wort zu finden, den einen Satz, der in den Hirnen und Herzen der Menschen explodieren und alles, alles von Grund auf verändern würde. Welch eine Anmaßung!? Ja, natürlich. Aber auch der Motor, um nicht in ein Schweigen zu verfallen, welches letztendlich dem Tode gliche. Deshalb erlaube ich mir, die Buchstabenreihungen wieder und wieder durchzurütteln und neu zu formieren und aus dem Deinen ein Meins zu machen, damit es ein Unser wird.

Sprich, damit ich dich verstehen kann!
Handle, damit ich dich sehen kann!
Höre, damit ich dich berühren kann!
Tanze, damit ich dich atmen kann! 

23.10.17

Entfesselung

Zaghaft gleiten wir in den Morgen
Lösen die Fesseln der Nacht
Vertreiben ihre Alben
Behalten die nährenden Träume

22.10.17

Ungelöst

Da geht gerade in Fb ein Video um, in dem ein kleines Mädchen in Windeln verzückt vor sich hin tanzt. Lebensfreude pur und meine spontane Reaktion auf den Clip: Lachen und Freude. Die Kommentare darunter gehen von „Oh, wie süß!“ bis zu „Das ist doch Futter für Pädophile. Das darf man nicht zeigen!“. Und letzteres Argument macht mich irgendwie grummelnd und dockt an anscheinend Ungelöstes bei mir an.

Persönlichkeitsrechte des Kindes, Recht am eigenen Bild – okay, darüber kann ich diskutieren. Ich würde von unseren Kindern solche Bilder oder Filme niemals öffentlich stellen, aus Respekt davor, dass es sie irgendwann mächtig stören könnte. Aber diese Angst vor dem Missbrauch des Filmchens als Wixvorlage für Kinderschänder? Ich weiß ja nicht.

Auf der einen Seite: Ja, den Missbrauch gibt es. Auf der anderen Seite:  Haben wir den Dreck jetzt schon im eigenen Kopf? Müssen wir uns solche Bilder mit Täterblick anschauen, um zu schützen?

Nein, das ist für mich kein theoretisches Konstrukt oder Problemchen. Als Begleiterin von KleinMadame werde ich täglich damit konfrontiert: Sie zieht sich am liebsten überall aus und läuft und tanzt nackt durch ihre Welt. So schnell kannst du gar nicht gucken, Schwupps, sind die Kleider weg und sie rennt. Im Sommer mitten auf der Fressgass in Frankfurt zum Beispiel. Oder bei uns im einsichtbaren Hof. Ja natürlich, da könnten dann Leute mit Handy und überhaupt. Auf der anderen Seite stehen ihre Lebensfreude und ihre Freude am eigenen Körper und die guten Gefühle, wenn die Luft die Haut berührt. Und autonomes Pinkeln geht so auch viel leichter.

Bei mir immer eine völlige Verunsicherung. Ich habe ein paar Mal versucht, ihr zu erklären, warum ich es für wenig sinnvoll halte, dass sie jetzt nackt so im Öffentlichen rum hüpft. Dabei merkte ich, wie dämlich sich meine Begründungen in ihren Ohren anhören müssen. Auch völlig überfordernd für ihr Alter. Und auch ich spürte ja, dass es einfach nicht rund ist. Was ich da so von mir gab, war ja Erwachsenenscheiß. Es fühlte sich an, als würde ich etwas sehr Gutes und Wunderbares mit einer Form von Anpassung an etwas Schlechtes und Widerliches deckeln. Irgendwie bin ich da ihr gegenüber mehr oder weniger sprachlos.

Vielleicht weil ich ja innerlich unter anderem auch das Gefühl habe, die Gewalttätigen und Missbraucher hätten schon gewonnen und meinem Kopf übernommen, weil ich deren Blick auf Welt übernehme.

Ich könnte ihr ihre Nacktheit außerhalb des Hauses natürlich schlichtweg verbieten und das Verbot mit Gewalt durchsetzen. Aber, und dieses Aber ist ein dickes, es käme mir schlichtweg anmaßend und extrem übergriffig vor und würde so gar nicht, so überhaupt nicht, zu unserem Zusammenleben passen.

Bisher siegte deshalb immer die Lebensfreude und sie einfach so sein lassen, wie sie sich wohlfühlt.

Aber, es gibt ihn natürlich, diesen möglichen Missbrauch. Unleugbar. In tausendundeinem Zusammenhang, in unendlich vielen Kontexten, in völlig unerwarteten Situationen. Kommt man oft gar nicht so locker drauf. Braucht ja nicht mal Nacktheit dazu. Soll ich mich jetzt in jede mögliche und unmögliche Situation vorauseilend in Täterdenken hineindenken. Da werde ich ja bekloppt.

Verdammt.

Ungelöst. 

21.10.17

Zimmerweg 17

Erinnerungen

„In vier Wohnungen wurden Wohnkollektive gegründet. Nach deren Vorbild sind die noch heute üblichen „betreuten Jugendwohngemeinschaften“ entstanden.“

In einer dieser Wohngruppen, im Zimmerweg, Westend, Frankfurt habe ich gelebt. Nicht aus einem Heim kommend, sondern aus einer Pflegefamilie. Ich hatte im „Spiegel“ über diese Wohngruppen gelesen und gedroht, dass wenn man mich in ein Mädchenwohnheim (Sachsenhausen) stecken würde, dann würde ich abhauen. Norbert Stein, der damalige Hauptbetreuer der Wohngruppe, schaffte es dann, dass man einen „offiziellen“ Platz dort für mich schaffte. Mein erstes Zimmer war eine vorherige Abstellkammer. War okay. Die Zeit in dieser Wohngruppe war aufregend und lehrreich. Ich war die einzige, die weiterhin regelmäßig die Schule besuchte und Abitur machte. Außenseiterin auch hier. Getragen (und wohl auch gerettet vor manchen Fallstricken wie Drogen und Kleinkriminalität) hat mich in dieser Zeit meine Mitgliedschaft in der „Kommunistischen Schülergruppe“. Standfest und sehr blauäugig, aber hoch motiviert, raste ich damals durch dieses Leben: Lernen, lernen, lernen. Ja, ich bin den Menschen, die mich damals begleitet haben, immer noch dankbar. Hätte eine Menge schiefgehen können.

Farbsehtest

mit KleinMadame:

"Guck mal, was siehst du da?"

"Ich sehe nichts. Da sind nur bunte Punkte. Soll ich da was sehen? Was ist das? Sehe nichts. Punkte?"

Während wir uns besorgt über das Ergebnis unterhalten, murmelt sie, in einem Bilderbuch blätternd, vor sich hin: "Da war ne Ente, ein Hase, ein Fischlein und ein Haus. Wohnen die alle in dem Haus?"

Mit Erwartungsdruck wird das nie was mit ihr. Ich freue mich schon auf die Schulzeit.

*Anmerkung
Sie macht das auch, wenn es ums Zählen geht. Wenn sie bemerkt, dass ich aufmerksam zuhöre, dann schleudert sie die Zahlen in einem irren Gemisch raus. 72964138. Und strahlt mich an. "Guck mal, ich habe die Macht zu zählen wie ich will." Aber! wenn sie mit ihren Freunden Verstecken spielt zum Beispiel, dann zählt sie locker richtig durch bis Zehn. Flexibilität. Und ja, sie hat die Macht.

14.10.17

Zielerreichung

Am Ende eines Jahres ziehe ich ja immer private Bilanz und setze neue Ziele für das nächste Jahr. Nun sind wir ja erst am Beginn des letzten Viertels dieses Jahres und ich muss schon jetzt feststellen, dass ich eines der großen, privaten Ziele wohl nicht erreichen werde: Umzug in ein eigenes, größeres Haus mit Kind und Kegel oder, alternativ, eine eigene kleine Wohnung für mich in der Stadt, so quasi als letzte, feste Residenz in diesem Leben. Beides wird absehbar jedoch nicht passieren. Die Miet- und vor allem die Kaufpreise sind explodiert und wir hatten auch unerwartete hohe Ausgaben für andere, notwendigere Dinge. Und so richten wir uns nun doch noch für eine weitere Weile in diesem, von mir trotz allem so sehr geliebten Haus und Umfeld ein. „Einrichten“ bedeutet, aller Dreck und alles Zurückgelassene aus der vergangenen, zwölfjährigen Geschichte dieses Hauses wird endgültig entsorgt. Die Container geben sich quasi die Hand beim Stellungswechsel im Hof. Wir renovieren da und dort ein wenig und machen es vor allem weiter kindersicher. Ich verbleibe hier, mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Und das ich bleibe, freut so manches liebe Wesen hier am Ort.
Ich weiß.  

Durchfluss

Ganz sicher irgendwie ungerecht und unfair, aber es ist mein Eindruck: In den letzten 12 Jahren sind eine Menge Menschen wohnend durch dieses Haus gegangen. Es gab schöne und auch anstrengende gemeinsame Zeiten. Alle waren ganz unterschiedlich und einzigartig. Doch etwas verbindet sie: Beim Ausziehen, da haben sie mir immer alle ihren Dreck zurückgelassen. Ich meine, wirklichen Dreck. Wie viele Müllsäcke ich schon gepackt und entsorgt habe?! Containerweise. Ja, wirkliche und reale Container. Und auch die Renovierung der abgewohnten Räume, die Räumung der Keller – immer mein Problem und meine Arbeit. Und so arbeite ich mich wieder mal durchs Haus. Ich könnte kotzen. 

Alles gut

Ich weiß nicht, wie oft ich in meinem Leben dasaß und heulend dachte, wie schön und einfach wäre doch alles, wenn ich nur da und dort meine Entscheidungen anders getroffen hätte. Ich hätte wohl große Karriere an der Uni machen können, schönes Haus im Taunus, dufte Pension und vielleicht noch Mann/Frau, die mich jetzt im Alter betüttelt. Dann gehe ich für eine kleine Weile rein in diese Gedankenwelt und langsam, langsam wird mir ganz schlecht, denn den Preis, den ich für diese wohlgestaltete Welt hätte zahlen müssen, wäre einfach zu hoch gewesen. Ich würde das Wesen im Spiegel doch gar nicht mehr erkennen. Dann atme ich tief durch, lache meinem jetzigen Spiegelbild freundlich zu, umarme die Frau von damals liebevoll und schwöre mir, dass ich nie wieder ein Fusselchen Energie in solch absurde Gedanken stecken werde. ... Bis zum nächsten Mal. Alles gut.

Aber, es gibt Situationen, Umstände, da hat man keine Wahl, Frau Müller!

Doch, du hast immer die Wahl. Du hättest dich doch auch verleugnen, anpassen, schleimend und kriechend dann verrecken können, oder? Manchmal ist uns diese Wahl gar nicht bewusst, weil wir sie nicht sehen können, weil wir ganz bei uns sind. Ja, es gibt Lebensumstände, in denen uns die Gesellschaft und die Verhältnisse begrenzen, ausbeuten, misshandeln. Daran kann man in konkreten Situationen oft nichts ändern. Aber, was wir daraus und damit machen, wie wir das Geschehen wahrnehmen, das ist ganz alleine unsere Entscheidung. Hinein geboren, zum Beispiel in Armut, Elend, Dreck und Krieg kannst du dich all dem ergeben und elendig sterben dran, oder du wehrst dich, strebst und kämpfst dafür, diese Rahmenbedingungen langfristig zu verändern. Manchmal verreckst du dann auf diesem Wege auch. Aber, ich, ganz für mich, würde es nicht mehr ein "elendiges" Sterben nennen und könnte mich auch im Tod noch liebevoll umarmen für meine Entscheidungen. 

13.10.17

Bücherkisten

Heute packe ich Bücherkisten. Auf dem Dachboden stehen schon eine Menge, da kommen jetzt nur mindestens zwanzig dazu. Ich mache das mit einem traurigen Herzen und doch mit einem guten Gefühl. Traurig, weil da soooo viele Lieblingsstücke dabei sind, die ich über all die Jahrzehnte gerettet habe und froh bin ich, dass ich sie nicht ganz weggeben muss, weil mein Sohn sie später bei sich haben möchte.
Warum mache ich es überhaupt? Ich reagiere immer sensibler auf Bücherstaub und geschlossene Regale kann ich mir in dieser Größenordnung nicht leisten. Und dann lese ich eh kaum noch in ihnen, da mir die Schrift mittlerweile bei den meisten viel zu klein ist. Und dann gibt es ja auch die kleinen Kinder und ihre Bücher breiten sich bei mir aus und ich brauche auch mehr offenen Platz, und ... und ... ... Ach, mir ist ein bissl weh ums Herz, trotz alledem. Ich olles Sensibelchen *snief

Treue

Kennt ihr das?: Du stehst vor dem Kleiderschrank. Da hängen eine Menge schöner Teile drin. Auch alle passend. Schöne Stoffe, gute Schnitte, angenehme Farben. Blick und Hände streichen drüber. Sehr schön.
Und dann sitzt du quietschfidel am Kaffeetisch und hast wieder dein uraltes Shirt an, fühlst dich wohl und auf den kritischen Blick deines Gegenübers, es sind ja wirklich mittlerweile kleinste Löcher drin, die Farbe ist auch schon mehr als verschwommen und da und dort sind klitzekleine Flecken, die sich hartnäckig einer Entfernung verweigern, murmelst du ein offensichtlich unglaubwürdiges „Nur heute nochmal.“.
Ich kann eben nicht anders. Ich käme mir wie eine Verräterin vor. Das Teil, und ja, es gibt noch zwei, drei andere, begleitet mich seit der Geburt meines ersten Kindes.  Das kann man doch nicht eiskalt ungetragen im dunklen, dunklen Schrank alleine liegen lassen. So einsam. Oder, innerlich kreische ich panisch auf allein bei dem unbarmherzigen Gedanken, gar entsorgen?! Nein, so kaltherzig könnte ich nicht sein.
Bin froh, wenn der Winter kommt, dann kann ich es unter den edlen Pullovern tragen und keine hochgezogenen Augenbrauen meines Gegenüberbers nerven mich schon am frühen Morgen.

06.10.17

Sein

Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe, und dann verliere, was ich habe?
Erich Fromm

„Frage an eine Frau: Was bist du, wenn du die Rollen als Tochter, Ehefrau und Mutter abziehst?“

„Spontan in Substantiven: Ich bin Mensch, Liebende, Heilerin, Abenteuerin, Lernende, Lehrende, Suchende, Wissende, Kind, Alte, Neugierige, Schreibende, Denkende, Verrückte, Gebende, Nehmende, Nichts, Alles, Zweifelnde, Gefäß, Viele, Chemisches Laboratorium, Fleischhülle, Langweilige, Zornige, Lachende, Glückliche, Zufriedene, Sterbliche, ...“

„Oh, doch so vieles.“

„Ja, und noch mehr.


Glaubenssatz meines Großvaters: "Was du bist, kann dir keiner nehmen, kein Herr, kein Führer, kein Papst, kein Gott.". Er hat ihn mir eingetrichtert. Vielleicht sein Resümee aus den Erfahrungen der Nazizeit und des Krieges.