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07.02.17

Alter Albtraum

Obwohl ich sechzig Jahre alt bin, habe ich nächtens immer noch ab und an folgenden Albtraum:

Ich stehe vor meiner Pflegmutter, versuche halbsätzig zu erklären, warum ich mein Abitur brauche, da ich doch studieren will. Aus ihrem Mund quellen stöhnende Sätze: „Ich verbiete es dir! Du bist ein Mädchen. Schlampe! Du machst, was ich will! Das bist du mir schuldig! Ich habe so viel für dich getan! Niemals wirst du weiter zur Schule gehen! Du bist so undankbar! Du bringst mich um! Hilfe, sie bringt mich um!“ Sie röchelt. Fällt matschig in sich zusammen. Ich fühle mich klein und hilflos. Erbärmlich. Schuldig. Der Druck in meiner Brust wird immer größer.
Dann stehe ich übergangslos vor der Tür, hinter der die Prüfungen stattfinden. Die Tür ist verschlossen. Ich weiß, wenn ich da jetzt nicht reinkomme, dann war es das mit dem Abitur. Gesichter bilden sich in der Tür und kreischen mich an: Schuldig! Undankbar! Schuldig!“ Meine Pflegemutter schwappt ins Bild. Verzerrt und dunkel. Sie hält den Schlüssel in der Hand, öffnet ein Fenster. Wirft ihn hinaus. Ich sehe hinunter. Ganz weit, weit unten liegt der Schlüssel. Sie säuselt: „Wenn es dir so wichtig ist, dann spring doch! Spring!“

In dem Moment erwache ich immer. In Schweiß gebadet. Atemlos. Panisch. Es braucht eine Weile, bis ich das erlösende Mantra in mir finde: Ich bin erwachsen. Ich habe studiert. Sie ist schon so lange tot. Sie kann mir nicht mehr wehtun. Ich bin erwachsen!

Ja, ich weiß um die (Be)Deutung und die realen Bezüge des Traumes. Hundert Mal durchgearbeitet. Ändert aber nichts daran, dass ich immer noch voller Schrecken aus ihm erwache. Manche Wunden gehen halt tief. Sie heilen nicht, sie vernarben bloß. Und manchmal, da nässen sie. 

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