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21.02.17

Intimitäten

„Sie hören doch als Therapeutin, zumal als Sexualtherapeutin, bestimmt eine Menge sehr privater Dinge. Erzählen Sie uns doch bitte heute einfach mal etwas sehr Intimes von sich, Frau Müller.“

„Ach? Das habe ich in meinen Büchern vor einigen Jahren doch schon getan. Intimer geht ja wohl nun nicht. Das langt für die nächsten drei Leben!“ 

„Nun, vielleicht etwas Aktuelles?“

„Na gut. Am Ende des Duschvorganges haue ich immer schon den Kaltwasserknopf übergangslos auf eiskalt. Früher habe ich das geräuschlos hingenommen. Seit einiger Zeit kreische ich dabei wie ein pubertierendes  Mädchen, wenn der Wolf so unvermutet aus dem Gebüsch auf sie zuspringt. Das ist wohl das Alter.“

„Ähm. Nun. Ja. Danke.“

Sinnlose Gespräche

„Haben Sie irgendwelche weiteren privaten Versicherungen laufen, Frau Müller?“

„Hatte nie welche.“

„Die müssen Sie dann nämlich kündigen, Frau Müller!“

„Ich hatte und habe keine weiteren privaten Versicherungen!“

„Wieso haben Sie keine, Frau Müller? Das ist aber doch sehr unverantwortlich!“

„Ähm. Sie haben doch gerade gesagt, ich müsste sie dann eh kündigen. Also ist es doch egal.“

„Das ist doch nicht egal! Wie sollen Sie die denn kündigen können, wenn Sie gar keine haben? Was soll ich denn jetzt hier ankreuzen?

„Ähm, dass ich keine habe?“

„Da steht aber doch: „Die Antragstellerin verpflichtet sich alle weiteren privaten Versicherungen zu kündigen.“

„Aber wenn ich doch keine habe, kann ich mich auch nicht zur Kündigung verpflichten, oder?“

„Sie sind in keiner Weise kooperativ, Frau Müller, in keiner Weise!“

Manche Gespräche sind für die Katz.

20.02.17

Frauenlinie

Es waren immer die Frauen, die mein Leben beeinflussten: Die zunächst nicht anwesende Mutter, die dominante Oma, die verhuschten Tanten, die eklige Pflegemutter, die Freundinnen, die Weiber an der Uni, die Frauen mit ihren Geschichten, die Altvorderen, die Geliebten, die Gehassten, die Wegbegleiterinnen. Männer kamen vor, natürlich. Doch sie alle mussten sich messen an dem Großvater und dem geträumten Vaterbild. Bestanden hat da kaum einer. Es bleibt eine Handvoll wertvoll. Doch die Frauen sind verwoben in mir.  

18.02.17

Verführung

Es ist so schön kuschelig in deinen Kisten, Schächtelchen und Schubladen. Du weißt genau, wo alles liegt, wo es hin gehört, wo du Neues schnell und unkompliziert einordnen kannst. Da verwirrt dich gar nix. Das macht dich wohlig und bietet dir Schutz und Sicherheit. Da draußen, da ist es so ganz anders. Da gibt es keine Garantie für irgendwas. Da schwappen unbekannte Emotionen rum, kommen dir nah, kriechen in dich rein, docken womöglich noch irgendwo an. Bringen Unordnung und Chaos. Bähhh!

Aber, verdammt, einmal drüber nachgedacht, dann lässt es dich nicht mehr los. Es ist so ziehend. Es riecht so nach Abenteuer. Nach Wind und Sturm und hohen Wellen. Nach Risiko und Ungewissheit. Gar nach Lust und Lebensfreude?! 

Iggitt! Widerlich. ... ... ... widerlich ... ...

Verführerisch. 

Vorhersage

Einer meiner Lehrer, den ich sehr verehrte im pubertierendem Überschwang, und von dem ich viel Grundlegendes in Geschichte und Deutsch lernte, sagte mir so um die Abi Zeit: „Du kannst die Welt nicht retten. Ich gebe dir noch zwei, maximal drei Jahre, bis du das erkennen wirst. Dann wirst du dich vermutlich umbringen.“ Nun, vierzig Jahre später, bleibt festzustellen: Er irrte sich. Ich habe dies, so wie manches andere, doch glatt überlebt. 

Beiläufige Anmerkungen

Das Altern hat so seine Nebenwirkungen (Anmerkungen, beiläufig gesetzt)

Langfristige Zielsetzungen finde ich mit zunehmendem Alter schwieriger. Der große Wurf in eine weite Zukunft erscheint mir immer öfters ein klein wenig gewagt.

Das Momentane, Überschaubare und damit auch vermutet realistisch Händelbare tritt irgendwie immer mehr in den Vordergrund.

Das letzte große Ziel „Sterben in Würde und ohne Schmerzen im Kreise der Liebsten“ schleicht sich leise murmelnd in jede Zukunftsplanung ein und relativiert mächtig.

Die peu à peu klarer werdenden Erinnerungen an lang Vergangenes, die sich entblößenden Linien und Muster des bisher Gelebten drängeln sich Aufmerksamkeit heischend in den Prozess der jeweils jetzigen Entscheidungsfindung.

Kreuzungen verzehnfachen sich und verschwimmen im Blick der über Nacht sich anscheinend selbst verdickenden Brillengläser.

Ich verlangsame mich und verweile länger. 

17.02.17

Öffentlich Veröffentlichtes

„Frau Müller, Sie schreiben hier ja auch über sehr pruivate Dinge und stellen dies als Blog ins Netz. Warum tun Sie das?“

„Weil ich es kann? Nein, ernsthaft: Es gibt Gedankenfetzen, die ich gerne in geschriebene Worte fasse und von denen ich, in meiner grenzenlosen Überheblichkeit, annehme, dass sie eigene anregende Assoziationsketten bei den Leserinnen und Lesern bewirken könnten. Außerdem geht es mir darum aufzuzeigen, dass jeder Mensch voll verquerter Widersprüche, Ängste und Zweifel steckt und trotzdem, auch für sich selbst, liebenswert ist. Hinzu kommt, dass meine Texte, die ich ansonsten veröffentliche oft recht intellektuell und abgeklärt rüber kommen und ich aufzeigen möchte, dass hinter all diesen Wortgebilden eine völlig normale Menschin steckt, die sich mit geschriebenen Worten auch absolut kruden Gedanken mit Hingabe hingeben und sich in Dramen ebenso wie in kindlicher Freude genussvoll tümmeln kann. Und über, drunter, überhaupt: Es macht einfach Spaß!“

„Es finden sich ja auch manchmal sehr intime Dinge in Ihren Notizen hier. Berichten Sie über alles, entblößen Sie sich total?“

„Nein, ich mach mich nicht nackisch. Auch nicht in meinen Blogs. Es gibt Gedanken, Gefühle, Momente, die sind für mich nicht öffentlich kommunizierbar. Das will ich auch nicht. Diese Dinge gehören ausschließlich in den inneren Monolog, in die private Kladde oder in einen realen Dialog mit den jeweils dazu gehörigen Menschen. Ich schreibe, auch meine für jeden zugängliche Blogs, sehr bewusst und entscheide in jedem Fall, ob ich dies oder jenes öffentlich kommunizieren will oder eben nicht. Da bleibt so manches unveröffentlicht, und das ist auch verdammt gut so.“

Gute Laune

Und wenn Frau Müller dann mit verbissenem Gesicht und knirschendem Kiefer dem Hund folgend im Regen durch die Felder stampft, Verfluchungen vor sich hinmurmelnd, die die Hölle vor Scham zu Eis gefrieren lassen könnten, der Wind pfeift  und der Bauer aus der Scheune mit einem herzlichen "Grüß Gott, Frau Müller, wunderbarer Scheißwettertag heut, gell!" grüßt, die Brille beschlägt und sie dann über nen uralten  Apfel auf den Hintern kullert - dann, ja dann muss Frau Müller doch kichern und, schwupp, ist die gute Laune wieder da.

Türkei. Damals

Heute Nacht habe ich mich an meinen ersten Besuch in der Türkei Anfang der siebziger Jahre erinnert. Wie jung war ich und wie naiv.

In Van (wie kommt man nur auf so eine Idee, da mit einem damals schon uralten VW Bus hinzureisen? Jung, unbekümmert, neugierig!) hatten wir einen freundlichen älteren Herrn, dem ein kleines Ladengeschäft gehörte, in dem wir einkaufen wollten, kennen gelernt und gingen dort öfters hin um plaudernd einen Tee mit ihm zu trinken.

Eines Abends waren viele aufgeregte Leute und große Autos vor dem Geschäft und als ich mich nach vorne durchgekämpft hatte, sah ich, wie martialisch aussehende Typen meinen Bekannten mit Gewalt zu einem Transporter schleppten. Er blutete am Kopf und konnte kaum laufen. Ich war so empört, so entsetzt, dass ich auf sie zu rannte und wissen wollte, was denn los sei und verlangte, dass sie gefälligst stehen bleiben und mit mir reden sollten. Ich bekam einen Schlag ins Gesicht, und, passt auf, ich schlug reflexartig zurück und schrie dabei wohl, dass sie mit mir so nicht umgehen könnten, und  solche Auftritte seien ja wohl der Hammer an Unrecht.

Boah, war ich kindisch damals. Nachdem ich noch ein paar Schläge abbekommen hatte und mich immer weiter in meine Empörung hinein steigerte, zogen mich mehrere Frauen einfach weg und eine hielt mir schlicht den Mund zu. Ich denke, ich hatte Glück damals.

Unseren Bekannten haben wir nicht wieder gesehen.

Meine kindliche Empörung ist seitdem jedoch nie verebbt, Strategie und Taktik im Umgang mit solchen Situationen haben sich allerdings danach sehr schnell verfeinert.

Das war ganz tief in meinem Gedächtnis vergraben, die Geschehnisse in der Türkei in den letzten Tagen haben es wohl hoch gespült und jetzt treiben die Bilder mich um. Dabei wird mir wieder einmal klar: Es ist mir egal, wer da gerade an der Macht ist, welcher „Seite“ da jemand angehört. Wer da meint die Wahrheit gerade für sich gepachtet zu haben. So geht Mensch mit Menschen nicht um. Es ist Unrecht, schlicht und einfach nur Unrecht. Damals wie heute. Hier wie dort und dort und dort. 

14.02.17

Sohn

Manchmal, ja manchmal steh ich nur da, mit staunendem Herzen und denke: "Jesses, das ist mein Sohn!" und dann ziehen Bilder und Erinnerungen durch meinen Kopf und alles fühlt sich so rund und stimmig an. Das Innen, wie das Außen. Und es durchströmt mich eine grenzenlose Dankbarkeit.


Und dann werfen mir Leute so Sätze hin wie "Kampfsportler. Musste das denn sein?" und ich denke daran, wie ich den kleinen Jungen auf dem Arm hatte und dachte: „Kämpfen muss er können, damit er sich immer wieder im Leben frei entscheiden kann, dass er nicht kämpfen muss.“ Und genau so ist es. Er muss sich nicht streiten, kämpfen, schlagen. Muss sich gar nichts mehr beweisen, weil er es schon hundertmal auf der Matte bewiesen hat. Das macht ihn zu einem liebevollen und sanften Menschen Und das ist gut. Einfach nur gut. 

10.02.17

Was ich bin

Diesen Tag widme ich dem ganzen Mist, der mir jemals im Leben passiert ist. Denn gerade der hat mich dazu gebracht zu lernen, zu suchen, zu fragen, zu verstehen und zu vergeben. Ohne all den Mist wäre ich nicht die, die ich heute bin. Deshalb hier und jetzt ein donnerndes "Hurra!" und ein zwinkerndes Danke all den diversen Misthaufen (und Mistkäferchen), die sich auf den Wegen und Abzweigungen in meinem Leben gehäufelt haben.

Das was ich jetzt bin, bin ich, weil ich aus all den genetischen Vorgaben und Ressourcen, aus allen Erfahrungen und allen jeweiligen Gegebenheiten im Laufe meines Lebens mir ein Ich geformt habe, das ich liebe und achte, das nicht perfekt und auch nicht statisch ist, das Fehler macht und Wunder kreiert, Höchstleistungen bring und kläglich versagt. Das liebt und hasst, zärtlich ist und zornig, das gerecht und ungerecht ist bis zum Anschlag, das kämpft und stöhnt und lacht und weint und auf  Müllkippen Blumen wachsen lässt. Das alles und vieles, vieles mehr bin ich und kein Wesen hat mich aus irgendwas oder aus irgendeinem Grund nach ihrem oder seinem Vorbild erschaffen. Diese Begrenzung und die damit verbundenen Determiniertheiten lehne ich, wohl wissend um den damit einher gehenden Verlust einer zeitweilig wärmenden Wohligkeit, für mich ab.

07.02.17

Alter Albtraum

Obwohl ich sechzig Jahre alt bin, habe ich nächtens immer noch ab und an folgenden Albtraum:

Ich stehe vor meiner Pflegmutter, versuche halbsätzig zu erklären, warum ich mein Abitur brauche, da ich doch studieren will. Aus ihrem Mund quellen stöhnende Sätze: „Ich verbiete es dir! Du bist ein Mädchen. Schlampe! Du machst, was ich will! Das bist du mir schuldig! Ich habe so viel für dich getan! Niemals wirst du weiter zur Schule gehen! Du bist so undankbar! Du bringst mich um! Hilfe, sie bringt mich um!“ Sie röchelt. Fällt matschig in sich zusammen. Ich fühle mich klein und hilflos. Erbärmlich. Schuldig. Der Druck in meiner Brust wird immer größer.
Dann stehe ich übergangslos vor der Tür, hinter der die Prüfungen stattfinden. Die Tür ist verschlossen. Ich weiß, wenn ich da jetzt nicht reinkomme, dann war es das mit dem Abitur. Gesichter bilden sich in der Tür und kreischen mich an: Schuldig! Undankbar! Schuldig!“ Meine Pflegemutter schwappt ins Bild. Verzerrt und dunkel. Sie hält den Schlüssel in der Hand, öffnet ein Fenster. Wirft ihn hinaus. Ich sehe hinunter. Ganz weit, weit unten liegt der Schlüssel. Sie säuselt: „Wenn es dir so wichtig ist, dann spring doch! Spring!“

In dem Moment erwache ich immer. In Schweiß gebadet. Atemlos. Panisch. Es braucht eine Weile, bis ich das erlösende Mantra in mir finde: Ich bin erwachsen. Ich habe studiert. Sie ist schon so lange tot. Sie kann mir nicht mehr wehtun. Ich bin erwachsen!

Ja, ich weiß um die (Be)Deutung und die realen Bezüge des Traumes. Hundert Mal durchgearbeitet. Ändert aber nichts daran, dass ich immer noch voller Schrecken aus ihm erwache. Manche Wunden gehen halt tief. Sie heilen nicht, sie vernarben bloß. Und manchmal, da nässen sie. 

Handarbeit

Erinnere mich gerade daran, dass ich damals das erste Mädchen an unserer Schule war, das sich mit Händen und Füßen gegen den Handarbeitsunterricht gewehrt hatte. Damals war das noch getrennt, die Mädchen hatten Handarbeit, die Jungens Werken. Nachdem alle völlig abgenervt waren, erhielt ich dann die Sondererlaubnis für den Werkunterricht. Jesses, war ich stolz auf meinen ersten Linolschnitt.
Danach erlaubten mir die Jungs auch in den Pausen mit ihnen Fußball zu spielen.