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11.12.17

Schneemanns Tod

„In den frühen Morgenstunden lag er schmelzend am Boden. Eine Nacht, nur eine Nacht war ihm vergönnt. Wir gedenken seiner in tiefer Traurigkeit.“

„Frau Müller, man kann es auch übertreiben!“

„Sie nehmen mich nicht ernst! Ich erinnere mich sehr wohl daran, wie sehr es mich als Kind erschüttert hat, dass mein weißer Freund, dem ich das Leben schenkte mit eiskalten Händen und zitternden Fingerchen, so brutal aus seinem Leben gerissen wurde. Die erste Lektion zum Thema Vergänglichkeit. Und so schmerzhaft. Ich heulte Rotz und Wasser. Dachte ich bis dahin noch, meine Erwachsenen seien machtvoll, den Göttern gleich, so stürzten sie nun hinab. Sie konnten ihm nicht helfen und machten ihn nicht heil. Was weiß man denn als kleiner Fratz schon von Temperaturen und Schmelzpunkten. Es war ungeheuerlich und ungerecht.“

„Dramaqueen! Können wir jetzt vielleicht ohne weiteres Geheul endlich frühstücken, bitte?“

„Sie sind kalt, so eiskalt. Und werden trotzdem niemals, niemals so ein wunderschöntoller Schneemann werden!“

* Anmerkung
Könnten wir jetzt bitte damit das Thema Winter für dieses Jahr beenden und direkt zum Frühling übergehen? Wusstet ihr, dass ein guter Schlitten so um die hundert Euro kostet. Die hamse doch nicht alle. 




04.12.17

Deine Gefühle in mir

All die Geschichten und Erzählungen in meiner Kindheit lehrten mich doch vor allem eines:

Egal ob du ein Pfannkuchen, ein kleiner Junge, ein hässliches Entlein, ein Einhorn, ein glupschäugiges Tentakelwesen, ein Drachentöter, eine Prinzessin, eine Lokomotive, ein Drache, eine Königin, ein Monster, eine buntbestrumpfte Heldin, ein sternfangendes armes Hascherl oder ein Stäubchen im weiten Weltall bist: Deinen Schmerz, deine Freude, deine Traurigkeit, deinen Mut, deine Treue, deine Einsamkeit, deinen Verlust, deine Hoffnung, deine Ängste, deine Beharrlichkeit, dein Suchen nach Liebe, Freundschaft, Glück, deine ganze Gefühlswelt eben, all das finde ich auch in mir.

So fing es wohl an mit meinem unverbrüchlichen Wohlwollen für alle Menschen und für alle Kreaturen.

Jetzt bin ich alt und es hat sich nichts daran geändert. Also kommt mir nicht damit, dass ich irgendjemanden nicht mögen oder gar hassen sollte, nur weil er irgendwie anders ist als ich. Ne, tut mir leid, dafür bin ich nicht geschaffen. Dafür gibt es keinen Raum in mir, denn dort tummeln sich immer noch die verrücktesten Wesen aus meiner Kinderzeit in vergnüglich stiller Eintracht. Und das ist gut so.

Hannah Arendt

„Es war ja auch zu schrecklich, was beim Jerusalemer Eichmann-Prozeß herauskam: Da stand keine kalt berechnende Bestie in Menschengestalt im schußsicheren Glaskasten, sondern ein Hanswurst.“

Dieser Satz hat mich damals als junge Frau sehr erschüttert. Das Böse konnte, ja durfte nicht banal sein. Es musste groß, hässlich, entmenschlicht sein. Die Täter abseits jedweder Menschlichkeit.
Nur so erschien mir das Unsägliche überhaupt ertragbar.

Und dann kam dieses Weib und schleuderte mich mitten hinein in ein Gedankengebäude, das in späteren Jahren in der Frage gipfelte: Unter welchen Umständen könntest auch du zur Täterin werden?

Nichts war mehr einfach, nichts war mehr mit leichten, eindimensionalen Antworten. Ich habe sie gehasst für ihre Gedanken und den unbequemen Rattenschwanz, den diese in mir ausgelöst hatten.

Und ich bin ihr dankbar.

Am 04.12.1975 starb Hannah Arendt. Eine Große.

03.12.17

Deswegen

„Wie kann man denn über so banale Dinge schreiben, wie den ersten Schnee, das erfolgreiche Zahnen des Kleinkindes, die Freude über eine Postkarte, den Genuss des ersten Schluckes Kaffee in frühen Morgenstunden, das Plappern der Spatzen im Vogelhaus und ähnliche Dinge, wenn da draußen Kriege toben, Menschen verhungern, unter bestialischen Arbeitsbedingungen schuften, an Einsamkeit sterben?“

„Deswegen, genau deswegen. Ressourcen schaffen, aufladen. Es sind die vorgeblich kleinen Dinge, die uns nähren und die der äußeren Kälte trotzen. Die täglichen Freuden, die Zärtlichkeiten in unserem Blick auf Welt, der liebevolle und liebende Umgang mit uns und all denn Facetten unserer realen, hautnahen Umwelt sind das Bollwerk gegen all den Hass und den Schmerz. Wie sonst sollte Hoffnung überleben und weiter getragen werden?“

29.11.17

Melancholie

Melancholie ist eine zarte Dame, und Schubert ist ganz klar ihr Herold.

Und auch wenn diese Dame die Nebelschleier des endenden Herbstes so mag und sich in den ersten Eissternen am Fenster träumend verliert, so schwingt in mir bei dem Wort „Melancholie“ immer das Bild einer aufblühenden Magnolie mit. Unter dem Duft des sich ankündigenden Schnees zittert schon zaghaft ein leichter Blütenduft.

Melancholie ist nicht gleich bodenloser Traurigkeit und weit, weit entfernt von Depression. Sie ist Verlangsamung, bedachte Blicke und Schrittfolgen. Schwebendes Dahingleiten. Gelassenes Schluchsen.

Mit Mut dem Weh einen Raum geben. Sich leise weinend sanft entleeren. Mit heißen Tränen die schlummernden Blütensamen wiegen.

Melancholie trägt immer auch Hoffnung in sich.

Das macht den Unterschied.


Gefrorene Tränen

24.11.17

Inneres Team

Ich war so viele. Das erschreckte mich. Dann erkannte ich, dass all diese Vielfältigen nur Teile meines Ichs sind, die um einen guten, festen Kern kreisen, und die ich ausschicken und wieder heimholen, beschützen und trösten, einbinden und leiten kann. Wir sind ein tolles und kompetentes Team. Auch die dunklen und schattigen, die fehlgehenden, die überforderten und die sich manchmal verlierenden Teammitglieder werden geliebt. Alle gehören zu mir und sind Teil dessen, was mich als Ich ausmacht. Ich möchte heute keines missen.

Schreiberei

Kurz vor der Geburt eines neuen Textes werde ich huschelig und mach so Sachen wie Ablage, Haushalt, Garten. Dann renn ich an die Tastatur und gebäre tippend. So lange es eben braucht. Manchmal geht das Tage hinter einander. Manchmal ist alles in zwei, drei Stunden fertig. Manchmal ist wochenlang Pause. Dann nutzt es auch nichts, dass ich mich zwingen will. Thema ist da und mein Gehirn arbeitet im Hintergrund und will nicht gestört werden. Ich bin da mittlerweile fast gelassen und vertraue mir.

"Huschelig" sein, meint, im Gegensatz zu sonst, bin ich nicht richtig ganz und gar anwesend, in dem, was ich da gerade so tue. Es gäbe auch kein dringendes Muss (Fenster müssen nicht zweimal hintereinander geputzt werden). Etwas herum wirkeln halt. Ich kenne das, so zwei, drei Tage vor der realen Geburt. Alles ist fertig, alles ist bereit. Aber es ist noch nicht so weit. Bevor meine Kinder auf die Welt kamen, bin ich emsig durch alle Räume, und habe noch dies und das von hier nach dort gerückt und zum dreißigsten Mal die Wickelkommode geordnet und den Kinderwagen poliert. Auf die Frage, was ich denn da eigentlich täte, fiel mir der Begriff "huscheln" ein. Ich huschelte rum. Allerdings ist "huscheln" nicht beliebig. Es hat schon einen Sinn.

Ein alter Vertrauter

Irgendwo hörte ich die letzten Tage den Spruch: „Das Leben ist die längste Nahtoderfahrung.“ Ich komme verflixt nicht drauf, wo er mir vor dir Füße kullerte. Aber, er treibt mich um. Der Satz.

Da der Tod jederzeit und unverhofft an die Tür klopfen kann, oder, besser, eher ohne anzuklopfen überraschend mit der Tür ins Haus fällt; immerhin ist er nicht Gandalf, der höflich mit dem Stock an die Tür pochert und geduldig wartet; scheine ich ihm und er mir ja ständig sehr nahe zu sein. Wenn dem so ist, und ich denke es ist so, dann wäre er ja ein alter Gefährte seit frühesten Tagen. Sollten wir uns dann nicht vertrauter machen? Ab und an plaudern und ein Käffchen miteinander trinken?

Sich mit dem Tod vertraut machen. Kein einfacher Gesell und ich hätte eine Menge Fragen an ihn. Hat er einen Plan? Handelt er impulsiv und willkürlich? Ist er nicht manchmal absolut abgenervt von seinem Job? Macht er das alles alleine? Und wenn nicht, wer sind seine Helferlein, seine Boten, seine Zuträger? Weiß er etwas über das große Rätsel des Danach? Schläft er ab und an? Essen? Trinken? Kacken? Verfügt er über eine Sprache, die ich verstehen kann? Ansonsten wird das ja nichts mit Kaffee, Häppchen, Plaudereien. Ist er einsam?

Meine Neugierde ist grenzenlos. Komm doch näher. Beiläufig. Unverbindlich. Sei mein Gast, ohne Auftrag, ohne ein Müssen. Komm und geh, ganz nach Belieben, bis wir irgendwann zusammen weiter ziehen. 

19.11.17

So nicht!

Schreibt mir doch jemand anonym, dass er/sie kompromittierende Fotos von vor Jahren von mir besäße. Aufgenommen in der Zeit, als ich mich noch aktiv in der BDSM Szene rumgetrieben hätte. Ich solle also sehr gut aufpassen, was ich so öffentlich schreiben würde.
Hihi, lieber Herr oder liebe Frau Jemand, her mit den Fotos! Zuschicken oder veröffentlichen; ich kopiere sie mir dann. War eine tolle Zeit und ich habe so wenig Fotos aus diesem Lebensabschnitt! Und da war ich auch noch so rank und schlank gerade. Die Bilder sind bestimmt wunderbar.
Ernsthaft: Das war doch nicht etwa ein klitzekleiner Versuch mich zu erpressen? Ich lach mich schief. Tschuldigung. Ich gehöre zu den ganz wenigen Personen, die sich, sowohl im realen als auch im virtuellen Leben, immer offen und authentisch zu dem bekannt haben, was sie da so trieben und treiben. Ich bin wohl eine der geoutesten Personen seit Jahrzehnten in diesem Bereich. Da ist nix mit Erpressung und so nem Kinderkram. Tut mir sehr leid. Aber, ich bin wohlwollend und biete Ihnen gerne, bei Bedarf (und den vermute ich doch sehr stark), einen Therapieplatz zu meinen üblichen Konditionen an. Wir bekommen Ihr Leben schon wieder auf die Reihe. Wenn Sie es denn wollen. Versprochen.


Erpressung

Anscheinend aktueller denn je. So viele persönliche Nachrichten, die ich nach diesem Beitrag auf Facebook bekommen habe.
Deshalb ziehe ich diesen Text nochmal hoch. Und natürlich: Männern passiert dies ebenso. Keine Frage, da sind mir genügend Fälle bekannt.

Worum es gehen könnte:

-> Man lernt, zum Beispiel, in einem Chatroom einen interessanten Menschen kennen. Man schreibt sich, telefoniert, schickt Bilder hin und her, auch erotische Bilder, man gibt ziemlich viel preis über sich, ist ehrlich, offen, spricht über Träume, Fantasien, Erfahrungen. Man schießt Vertrauen vor.

Man trifft sich und findet sich immer noch nett. Man verbringt eine Nacht zusammen.

Und dann stellst Du, sofort oder etwas später, fest: Nein, es ist doch nicht der Richtige. Irgendwas stimmt nicht. Es fühlt sich nicht gut und rund an. Ist ja nichts Schlimmes. Man spricht miteinander, erklärt sich und geht dann wieder getrennte Wege.

Doch der andere kapiert es nicht. Versucht Dich davon zu überzeugen, dass Du ihm doch noch eine Chance, ein Gespräch, einen weiteren Versuch und/oder irgend so was geben, solltest. Er ist hartnäckig und wird aufdringlicher. Dadurch wird das leichte Gefühl der Unstimmigkeit in Dir aber immer deutlicher und verfestigt sich. Und je mehr Du dies äußerst, umso drängender wird er. Dann ein lautes und klares: NEIN! Basta! Schluss! von Deiner Seite.

Und dann sagt dieser Depp doch so Sachen wie: „Du solltest dir schon noch mal überlegen, was du da sagst - immerhin wäre es dir sicher nicht angenehm, wenn deine Kinder, Mutter, Freunde, Arbeitgeber (beliebig auszufüllen) etwas von dem erfahren würden, was du so treibst. Wenn sie deine Texte an mich lesen würden, deine Bilder sehen würden, von deinen Neigungen wüssten, etc., etc., etc.…“ <-

HALLO! Ganz klar und deutlich: Dies ist Erpressung und nichts anderes. Punkt. Und es ist ein Straftatbestand. Anzeige angesagt und berechtigt.

Lass Dich von so was nicht einschüchtern! In der Regel hat so ein Mensch, wenn seine Machenschaften auffliegen würden, wesentlich mehr zu verlieren als Du. Er spielt mit Deinen Ängstlichkeiten, die oft doch nur seine eigenen sind. Ein armes Schwein ist das, sonst nix! Wenn Du klar und locker bleibst, wird er sich verkrümeln. Wenn nicht, zeige ihn spätestens jetzt an.

Und! Nach einem klaren und eindeutigen „Nein!“ von Deiner Seite reagiere nicht, also gar nicht! mehr, auf Nachrichten oder sonst was von ihm.
Lass Dich niemals von solchen Idioten erpressen und einschüchtern!

Und wenn Du alleine nicht weiter weißt, dann hol Dir Hilfe. Gleich und sofort!
....

*Anmerkung
Mein persönlicher Weg war immer: Ich mache mich nicht erpressbar. Das meint, ich sorge dafür, dass ich das, was ich tue und denke auch jederzeit und überall offen kommunizieren kann. Wenn ich das nicht zu können meine, dann überlege ich mir, warum es nicht geht: Vielleicht ist es (noch) nicht die richtige Zeit, vielleicht will vorher etwas gelöst werden, vielleicht benötigt es ein anderes Umfeld, eine andere Herangehensweise, eine andere Form der Umsetzung, oder was ganz anders. Wenn ich es ändern kann, dann ändere ich es. Wenn ich es nicht ändern kann, dann, ja dann verzichte ich. Weil der Rattenschwanz an Stress und Angst und Durcheinander, der unweigerlich bei Erpressbarkeit und Erpressung auftaucht, viel mehr Energie braucht und mehr Schaden anrichten kann, als ein Verzicht. Damit fahre ich mein Leben lang sehr gut.

15.11.17

Kein Zurück.


"Urvertrauen" - geschreddert bis auf den letzten Krümel. Bei so vielen von uns. Ich war als junge Frau suchend durch die Welt gehastet und hatte wunderbare Orte gefunden, grün, blau, bunt, leise, stürmisch, laut, erfüllt von einer tiefen Stille. Sooooo schön. Und dann stand ich an so einem Ort, eingekuschelt in all die alle Sinne berührende Schönheit und Natürlichkeit und ... und weinte, weil ich erkannte, dass meine Sehnsucht eine unerfüllbare war. Es gab kein Zurück, es gab kein Reset. Die Tür in eine glückliche Kindheit war ein für alle Mal geschlossen.
Und ich nahm mich ja überall mit hin. Egal wie schön alles war, ich war immer noch ich. Zerschlagen, gedemütigt, verstoßen, verlassen, hungrig. Zwei Möglichkeiten gab es damals: In ein dunkles, tiefes Loch zu springen und zu fallen, fallen, fallen. Oder einen Schritt beiseite zu gehen und alles noch einmal ganz anders aufzuspielen.
"Urvertrauen"? Wem kann ich ohne Wenn und Aber vertrauen? Mir. Denn ich kenne meine Stärken und meine Schwächen. Kenne meine Angst und meine Freude. Kenne meine hellen, grauen und tiefschwarzen Seiten. Kann ich mich, so, in all dieser Unvollkommenheit lieben? Ja. Kann ich mir vertrauen? Ja. Heimat bin ich mir selbst. 
Nein, das ist keine Versicherung gegen kommenden Schmerz und neues Leid und weitere Zweifeln und Fallen. Es war am Anfang nur ein klitzekleines Häufchen Steine. Winzig. Über all die Jahre hat sich dieses damalige Bild immer mehr verfestigt und aus den Steinchen wurde ein oft tragendes, manchmal kippeliges und ab und an auch immer noch recht brüchiges Fundament. Und doch halfen und helfen mir diese Bilder, einen Kern ganz tief in mir drin zu bilden, den man mir in der frühen Kindheit nicht zu bilden erlaubte. Dieser Kern macht all das aus, was ich bin. Auf ihn kann mich verlassen, auch wenn alles andere zerbricht, dieser Kern hält.

12.11.17

Kindesmund

„Oma! Ich kann so gar nicht schlafen!“

„Du könntest Schäfchen zählen. Das soll helfen.“

„Oma, du sagst Quatsch. Es ist doch dunkel draußen, da kann ich keine Schäfchen zählen. Ich sehe die doch gar nicht.“

„Mama, warum erzählt die Oma denn so einen Quatsch?“

„Ich weiß nicht. Frag sie doch selbst.“

„Vielleicht, weil sie schon so eine urururalte dicke kleine Oma ist?“


Wie schön, dass man dann ganz gelassen wie ein Jungspund die Treppe hinunterhüpfen und die Tür hinter sich schließen kann. *kicher

Wo die Liebe hinfällt

Mutter Deutsche, Vater Sinto

Da erzählt eine junge Frau in einem Zeitungsartikel von ihren Erfahrungen als Mensch, der von beiden Kulturen mit Argwohn angesehen wird und wie sie sich diskriminiert fühlte als Kind von allen Seiten. Berichtet über ihren ganz eigenen Weg und wie sie aufgrund ihrer Erfahrungen heute mit den eigenen Kindern umgeht und sie zu starken und selbstbewussten Persönlichkeiten erzieht.

Ich kenne diese Zerrissenheit von so vielen Geschichten aus meinem Leben und aus meinem sozialen Umfeld. Früher nannte man diese Kinder Bastarde. Pah! Ich habe mich davon nie beeindrucken lassen. Meine Kinder sind aufgewachsen mit dem Credo: Ihr seid diejenigen, die durch ihr Leben diesen ganzen Scheiß von getrennten Welten und Kulturen überwinden werdet. Nehmt euch das jeweils Beste aus dem ganzen Angebot und mischt es zu einer Grenzen überwindenden Haltung. Ihr seid das Bollwerk gegen all diesen nationalen Hass, gegen all den Mist wie Rassismus und verquerten Patriotismus, gegen längst verkrustete und menschenrechtsverachtende Traditionen. Ihr seid diejenigen, die sich einen Scheiß um Herkunft und Nationalitäten kümmern werden. Es tangiert euch nicht, denn ihr seid Kinder einer Welt. Eurer Welt. Weltenbürger.

Na ja, das klingt wohl etwas sehr pathetisch. Letztendlich liegt darunter eine ganz einfache Haltung: Liebe hat sich noch nie geschert um all das trennende Dummzeugs. Überall auf der Welt sah und sehe ich Menschen, die sich nicht abhalten lassen zu lieben. Über alle Grenzen, Traditionen und kulturelle Normen hinweg. Das ist gut. Das bringt reinigende Bewegung in Erstarrtes und schafft Raum für Neues. Langsam, aber stetig. Diesen Menschen gehört mein Respekt und meine Hochachtung. Sie sind der Quell meiner Hoffnung.  

11.11.17

Trübe Tage

O trübe diese Tage nicht
O trübe diese Tage nicht,
Sie sind der letzte Sonnenschein,
Wie lange, und es lischt das Licht
Und unser Winter bricht herein.
Dies ist die Zeit, wo jeder Tag
Viel Tage gilt in seinem Wert,
Weil man's nicht mehr erhoffen mag,
Dass so die Stunde wiederkehrt.
Die Flut des Lebens ist dahin,
Es ebbt in seinem Stolz und Reiz,
Und sieh, es schleicht in unsern Sinn
Ein banger, nie gekannter Geiz;
Ein süßer Geiz, der Stunden zählt
Und jede prüft auf ihren Glanz –
O sorge, dass uns keine fehlt,
Und gönn' uns jede Stunde ganz.

(Theodor Fontane)



Es wird jetzt langsam schon so früh kuschelig. Ich mag das. Besonders wenn es draußen stürmt und tobt. Zeit für Gedanken. Zeit für Erinnerungen. Frühjahr und Herbst sind mir die liebsten Jahreszeiten. Die Unruhe draußen beflügelt meine innere Ruhe. ... ... ... ... Meistens. Manchmal.



08.11.17

Gespräch

Vor langer Zeit. Gefunden, durchgekaut und für kitschig und doch wahrhaftig gefunden. Teilenswert? Ich denke schon. Und sei es nur, um Puzzleteile anzubieten.

„Manchmal fürchte ich mich vor dir!“

„Warum denn das, Liebster?“

„Weil du stark bist, weil du nimmst und nicht nur gibst.“

„Ja, ich bin stark, weil ich weiß, dass alles im Leben seinen Preis hat und es immer einen Ausgleich geben wird. Für alles. Darum kann ich sowohl geben als auch, im passenden Moment, nehmen.“

„Weil du egoistisch bist, weil du für dich sorgst.“

„Ja, ich bin egoistisch. Und ich sorge für mich. Wer Liebster, sollte es denn sonst tun? Ich und nur ich bin für all mein Tun und Denken und all mein Nicht-Tun und Nicht-Denken verantwortlich. Immer und überall. Da gibt es keinen Gott und kein anderes Wesen, die mir diese Freiheit abnehmen könnten. Diese Eigenverantwortlichkeit ist mir zugehörig, sie macht mich zu dem, was ich bin. Ich kann sie vergessen, beiseiteschieben wollen – sie ist trotzdem da.“

„Weil du kämpfst, aus einen einzigen Grunde: Für dich und deine Brut.“

„Ja, ich kämpfe. Für mich, meine Brut, und für mein Rudel. Wer zu mir gehört, dessen Wohlbefinden ist mir wie mein eigenes. Genauer: Mein Wohlbefinden ist unauflöslich mit dem Wohlbefinden aller mit mir Verbundenen verknotet. Wird dieses Wohlbefinden bedroht, dann, ja dann kann ich auch beißen. Nicht sofort, nicht als das Mittel der ersten Wahl. Aber, wenn es denn sein muss, wenn ein bestimmtes nicht mehr erträgliches Maß überschritten wird durch ein winziges kleines Tröpfchen, dann, ja, sicher. Keine Frage, dann kann es hart und heftig werden.“

„Weil du spielst mit einem einzigen Ziel: Du willst gewinnen.“

„Ja, natürlich spiele ich Spiele um zu gewinne. Warum sollte ich sie denn sonst spielen?“

„Weil du klug bist und immer alles bis zum Grunde durchdenken willst.“

„Ja, ich bin klug. Natürlich hege und pflege ich meine Klugheit und nähre sie. Dies sichert zum einen mein Überleben und zum anderen ist es das einzige Gut, dass mir niemand nehmen kann. Und es würde meine Intelligenz beleidigen, wenn ich Dinge nicht bis zum Grunde durchdenken würde. Auch wenn mir die Abgründe und die sich daraus ergebenden Konsequenzen dann manchmal nicht gefallen.“

„Weil dein Mitleid sich in Grenzen hält, wenn es um dein Überleben geht.“

„Ja, manchmal bin ich ohne Mitleid. Aber, dies sagt nichts über meine Fähigkeit zum Mitgefühl aus. Ich fühle immer mit und trage den Schmerz des anderen in mir. Das ändert jedoch nichts daran, dass ich Schmerz auch gebe und verteile. Bewusst oder unbewusst. Viel wichtiger erscheint mir jedoch, dass ich vergeben kann. Den anderen und mir.“

„Weil der Tod dich nicht schreckt.“

„Ja, der Tod macht mir keine Angst. Er gehört für mich zum Leben. Das eine gibt es ohne den anderen nicht. Ich habe ihn in so vielen Variationen gesehen, gerochen und geschmeckt. Er ist mir ein Vertrauter und er ist nicht mein Feind. Er, und nur er, schenkt mir dieses Gefühl: Das Leben ist wunderschön! Hier und Jetzt.“

„Weil du liebst, wie du liebst.“

„Ja, ich liebe. Auf meine Art. Und ich schere mich dabei nicht um Alter, Geschlecht, Herkunft, äußere Attribute und sonstigen Mist. Ich liebe. Sehe mich an und umfasse mich und kann mich aushalten und lieben, so wie ich gerade bin. Und aus dieser Liebe zu mir wächst und wächst und wächst die Liebe für andere. Ein Fass ohne Boden, ja.“

„Weil deine Sinnlichkeit keine Scham kennt.“

„Ja, meine Sinnlichkeit ist ein unendliches Meer von Möglichkeiten. Da ist vieles schon gelebt und da liegt noch so vieles ungekostet brach. Scham? Für wen? Aus welchem Grunde? Ich schaue mich an und ich liebe mich. Solange dieses Wohlwollen mir gegenüber durch meine Sinnlichkeit nicht tangiert wird, gibt es keinen Grund für jedwede Form von Scham.“

„Weil du alles gibst und alles willst.“

„Ja, ich gebe mich hin. Bedingungslos. Und ja, ich nehme jemanden in mich hinein. Bedingungslos. Dann, und nur dann, wenn jemand derart Teil meines Lebens ist, gebe und will ich alles. Alles andere wäre doch nur Makulatur, oder? Reine Energieverschwendung.“

„Weil du schön bist in einer Art, die mir den Atem nimmt.“

„Ja, ich bin schön. In den Momenten, in denen ich in Balance bin, bin ich schön. Auch das kann beängstigend sein.“

„Und darum fürchte ich mich.“

„Aber, du, du brauchst mich nicht fürchten, Liebster. Denn du bist doch bei mir.“

Opas Geburtstag

Jedes Jahr, immer wieder, immer noch. Und ich könnte es auch heute nicht anders formulieren.

Hallo Opa!

Heute wäre dein Geburtstag und wie jedes Jahr an diesem Tag spukst du vermehrt durch meinen Kopf und mein Gemüt. Ich vermisse dich so sehr, auch wenn du oft der Quell meines Leidens und meines Zorns warst. Du warst ein solch elendiger Patriarch und hast deinen „Weiber“haushalt mit strenger Hand geführt. Nur mir gegenüber warst du immer freundlich zugewandt und so wurde ich das Mädchen mit der weißen Fahne im Haushalt und immer vorgeschickt, wenn deine Töchter etwas von dir wollten.


Du warst derjenige, der mir Lesen und Schreiben beibrachte, denn als alter Gewerkschaftler warst du der festen Überzeugung, dass Bildung die Grundlage für jede Veränderung sei. Du hast Bücher über Bücher angeschleppt und mir damit so viele neue Welten eröffnet.

Du hast mir vom Krieg erzählt und von der Nazidiktatur. Schonungslos in deiner bildgewaltigen Offenheit. Es war dir egal, dass ich da manchmal in meiner kindlichen Seele überfordert war und für und um dich und all die anderen Menschen nächtelang weinte.



Du warst derjenige, der mich jeden Sonntagvormittag zum „Skat kloppen“ mitschleppte und später fuchsteufelswild wurde, wenn ich dir dabei dein tolles Blatt durch Schusseligkeit verpatzte.

Du brachtest die Familie in Verlegenheit und machtest mich stolz, als du dem Pfarrer nach meiner Konfirmation mit den lauten Worten „So einem verlogenen Pack reiche ich in diesem Leben nicht mehr die Hand!“ den Handschlag verweigertest.

Du warst derjenige, der immer am Radio und dann später im Fernsehen Nachrichten hörte und sie mir geduldig erklärt hat. Du warst derjenige und einzige, der sich freute und verstand, als ich gegen jede Familientradition Abitur machte und studierte. Du warst derjenige, der meinen Mann willkommen hieß und ihm klar machte, dass dich persönlich Nationalitäten und Herkunft einen Scheiß interessierten, wenn da nur ein ganzer Kerl endlich seiner Enkelin, zu ihrer Sicherheit, ein paar Zügeln anlegen würde. Ihr zwei Machos habt euch prima verstanden. 

Du warst derjenige, der meinen Sohn so sehr liebte und tatsächlich seinen Hintern bewegte und so oft bei uns war wegen ihm. Du warst derjenige, der mich immer ermutigte und erdete, wenn ich vor Zorn glühte wegen all der Ungerechtigkeiten in der Welt und der mich stärkte, als ich immer weiter und weiter in diese Welt hinausging und sie mir per trampen und Gelegenheitsjobs eroberte.

 
Du warst derjenige, der immer ein Ohr für mich hatte und an dessen Tisch ich später immer freundliches Verständnis und Speisen aus meiner Kindheit vorfand. Du warst allerdings auch derjenige, der meinen Vater vor mir verschwieg, meinen Bruder ablehnte und mich nach dem Tod deiner Frau in die graue Welt der Pflegeeltern schickte.


Du warst auch derjenige, der weg sah, wenn deine Frau mir mit dem Kochlöffel den Hintern versohlte und mich bis in die späten Abendstunden vor dem Teller mit pampigem Rosenkohl sitzen ließ.

Wir haben vieles später geklärt und nichts blieb ungesagt vor deinem Tod. Für vieles bin ich dir dankbar. Manches konnte ich dir verzeihen, einiges jedoch nicht vergeben.

Du fehlst mir so sehr und das tragende Bild heute in meinem Kopf ist die Fahrt zwischen unserem freien Schrebergarten und dem so weit entfernten Zuhause auf deinem kleinen Moped. Laut singend – dir war so gar nichts peinlich, niemals und nirgendwo - hieltst du mich kleinen Fratz dabei fest vor dir auf dem Sitz und zeigtest mir deine Stadt mit all ihren schönen und schauerlichen Geschichten.

Ich habe so viel gelernt von dir, im Guten, wie im Schlechten und ich bin unendlich dankbar dafür, dass du mich eine Weile in meinem Leben begleitet hast. Du fehlst, verdammt, du fehlst. 

Diskriminierung – alter Hut in alten Schläuchen

Weil meine Tochter wieder öfters in so einer besonderen Tonlage gefragt wird, aus welchem Land sie denn geflohen sei, zitiere ich mich gerne nochmals selbst, auch um mich und andere daran zu erinnern, dass dies alles ja nix Neues ist:

"Als ich den Vater meiner Kinder heiratete (Iraner) verabschiedete sich die Hälfte meines Freundeskreises. "Ausländerschlampe" war noch eines der freundlichen Argumente. Als meine kleine Tochter sich ein Sintimädchen zur besten Freundin auserkor, durfte ich mir in Elterngesprächen fürsorglichbedenkliche Warnungen über diesen "schlechten" Umgang anhören. Als mein kleiner Sohn in der Grundschule mit seinem besten Freund (Eritrea) Arm in Arm herumlief, musste ich zu einem Gespräch mit der Klassenlehrerin, die meinte, mich darauf hinweisen zu müssen, dass dies doch vielleicht erste Ansätze von Homosexualität sein könnten, denn man wisse ja so gar nix über die sexuellen Neigungen der Negerkinder. Ich weiß nicht, wie oft ich in der Grundschule war, um meine Tochter aus dem Deutschunterricht für Ausländerkinder heraus zu holen, in der man sie einfach mal pro forma hineingesteckt hatte. Als mein Sohn, schon festes und erfolgreiches Mitglied im Nationalkader und in der Bundesliga war, insistierte der Vorstand des Verbandes bei einer Pressekonferenz auf die Herkunft und wollte nicht kapieren, dass der junge Mann einfach ein Frankfurter sei.

Ach, da tauchen gerade noch so viel mehr Erinnerungen auf. Nein, Leute, erzählt mir nix davon, dass dies alles neu sei und mit den aktuellen Zahlen von Flüchtlingen zu tun hätte. Hat es nicht. Hatte es nie. Da geht es um etwas ganz anderes und das schon, seitdem ich auf der Welt bin: Rassismus. In all seinen widerwärtigen Formen. Nix Neues in meinem Land, so gar nix Neues."

Neu ist: Der Ton verschärft sich und die Grenze zwischen verbalen und körperlichen Übergriffen wird dünner.

05.11.17

Dramaqueens

Gestern Großeinkauf mit Tochter, Enkelin und Enkel im Lidl. Voll. KleinMadame hatte ihren eigenen kleinen Einkaufswagen. Kaum hatten wir das Geschäft betreten, fing sie an lauthals zu jammern: „Ich muss Pipi!“. Nun, wir wussten, dass die Dringlichkeit nicht ganz so groß sein könne, hatte sie doch gerade. Außerdem erkannten wir die Dramaqueen an den ausprobierenden unterschiedlichen Modulationen des gleichen Satzes und übten uns in Gelassenheit. Das war ein großer Ansporn für KleinMadame. Sie zog alleine los durch die Gänge und variierte den Satz spielerisch und voller Genuss in Lautstärken und Tonhöhen.  Die Blicke der Leute auf uns und ihr sichtbares Getuschel forderte unsere ganze Contenancefähigkeit. Es erinnerte mich an eine ähnliche Situation mit meiner Tochter im gleichen Alter. Übervolle U-Bahn und sie wollte irgendwas, was ich ihr verweigerte. Daraufhin schrie sie so erbärmlich den Satz: „Immer schlägst du mich, Mama!“ in allen ihr nur möglichen Modulationsvarianten. Die absolute Aufmerksamkeit aller! Mitfahrenden hatte sie auf alle Fälle. Und sie genoss es, währenddessen ich am liebsten irgendwie im Boden versunken wäre. Nein, ich habe sie nicht gebremst, damals nicht und gestern auch nicht, und nein, ich habe auch nicht mit ihr darüber diskutiert, dass dies ja wohl nichts mit unseren Realitäten zu tun hätte. Ich habe sie einfach machen lassen und wir sind dann beide mit hoch erhobenen Kopf an unserer Haltestelle ausgestiegen. Ach ja, sie hörte übrigens draußen sofort damit auf und war ein einziger Sonnenschein. KleinMadame übrigens auch. Auf das Angebot, doch jetzt im Gebüsch zu pisseln, meinte sie nur: „Oma, ich war doch gerade erst!“ 

Sonntägliches Allerlei

„Oma, ich gehe jetzt raus spielen.“

„Ähm, es regnet doch!“

„Ja, toll!“

Na gut, Pfützenspringen ist mit richtiger Bekleidung ja auch was Wunderbares. Also zieht Kind sich regenfest an und Pauli und ich setzen uns auf die Treppenstufe vor das Haus und schauen der Springerin begeistert zu. ... … … Ich brauche dringendst Gummistiefel. Das Angebot von KleinMadame, doch ein Paar von den ihren zu nehmen, scheiterte leider an der Größe. Ansonsten fand ich das Angebot aber sehr großzügig. … … … Pauli fand den Regen nicht so verführerisch. Nach einer Minirunde verzog er sich maulend ins Haus. Inspiriert durch das platschende Wasser, habe ich ihn dann endlich mal wieder geduscht. Er ist jetzt ein empörter, jedoch sauberer Hund. 


04.11.17

Klarheit

„Du kannst das arme Ding doch nicht an den Haaren die Treppe runter schleifen!“

„OMA, das ist doch nur eine Puppe! Mama, die Oma glaubt wirklich, das würde der Puppe weh tun. Die Oma ist aber dumm.“

Ich muss mir keine Sorgen um das Kind machen, so gar nicht. :-) 

30.10.17

Handygedöns

„Schauen Sie auch laufend auf Ihr Handy, Frau Müller?“

„Ähm. Also. Ich bin schon froh, dass ich mich, wenn es irgendwo klingelt, langsam daran erinnere, dass ich auch so ein Ding habe. Meistens ist es dann zu spät und ich muss zurückrufen. Oder, wenn ich es dann mal rechtzeitig raffe, verwirrt es mich total, dass ich wischen soll, um den Anruf anzunehmen. Also muss ich zurückrufen. Und manchmal, da schau ich rein zufällig drauf und es sagt mir freundlicherweise, dass ich einige Anrufe verpasst hätte. Wie kann das sein, ich habe es ja gar nicht klingeln gehört. Also rufe ich zurück. Am besten, man schreibt mich an. Dann rufe ich auch zurück. Oder man kommt einfach vorbei. Ist eh am einfachsten.“


29.10.17

Beiläufiges

Gassi gehen mit Pauli: Nase aus der Tür stecken. Es stürmt, aber es nieselt nur. Regenschirm geht nicht. Also los. Kaum sind wir weit genug weg, fängt es an zu gießen, sowas von. Aber, der Herr hat ja noch nicht gekackt und braucht eine Ewigkeit, viel Schnuppern und verwerfen, bis er den richtigen Platz und dann auch noch die richtige Stellung gefunden. Also, heute Morgen war er sehr, sehr wählerisch. Da kann man nicht drängeln, nur geduldig hinterherlaufen. Im heutigen Fall wohl eher schwimmen. Ich schwöre, ich war schon ewig nicht mehr so bis auf die Haut durchnässt und sogar in den Schuhen schwappte das Regenwasser. Aber wie sagte mein Opa immer: „Regenwasser hilft beim Wachsen.“ Es besteht also Hoffnung. Ich werde jetzt groß.

*Anmerkung
Sobald wir die Haustüre dann hinter uns geschlossen hatten, legte sich der Wind, hörte der Regen auf und ging wieder in ein sanftes Nieseln über.

28.10.17

Überbleibsel

Im Laufe meines Lebens habe ich in unterschiedlichen Wohngemeinschaften, in Studentenwohnheimen, alleine und einige Jahre im Ausland gewohnt. Oft habe ich bei Auszügen fast alles zurück gelassen und ganz neu angefangen. „Fast“ und das ist sonderbar, denn mitgeschleppt über all die Jahrzehnte habe ich, nachdem ich mich mal in meinem jetzigen Hausstand umgesehen und nachgedacht habe, folgende Gegenstände: Einen gusseisernen Schraubstock, ein ebensolches Zweibein (Schuhmacherwerkzeug), ein altes Fotoalbum, eine Lupe und mein Höckerchen. Seit nunmehr über vierzig Jahre begleiten mich diese Gegenstände. Eine komische Auswahl, oder? Nein, eigentlich nicht, denn alle diese Gegenstände stehen für das „glückliche“ Kind in mir. Mein Großvater war vor dem Krieg gelernter Schuhmacher und nebenbei Uhrmacher. Nach dem Krieg war er Kanalarbeiter, aber in seiner Freizeit hat er für die Nachbarschaft immer noch Schuhe hergestellt, besohlt und Uhren repariert. Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich als kleines Kind mit ihm in seiner Werkstatt im Keller verbracht habe. Er hat mir viel beigebracht und er hat mir beim Arbeiten so manche Geschichten aus seinem Leben erzählt. Auch zu den Fotos im uralten Fotoalbum. Seine Geschichte und die seiner Familie. Und auf dem Höckerchen stand ich morgens neben ihm beim Frühstücken, bevor er zur Arbeit ging. Das sind wohlige Erinnerungen. Es gibt auch andere, mächtig dunklere Bilder. Doch die wohligen, die waren und sind eine unglaubliche Ressource.


Die sprachlose Generation

„Meine Mutter. Wie muss das gewesen sein, 1956, als junge Frau mit einem Kind im Bauch, dass unehelich auf die Welt kommen würde? War da Liebe? Gab es da überhaupt Raum für Freude? Wann hat sie es der Familie gesagt? War da ein Streicheln und Summen durch die Bauchdecke hindurch? Die Geburt? War sie da alleine? War da dann ein Willkommen, vor dem Verleugnen? Sie hat es mir nie erzählt. Ist diesen Fragen immer ausgewichen, bis zum Schluss. Es hat sehr lange gedauert, bis ich ihr sagen konnte: Ich bin gerne deine Tochter und ich danke dir dafür, dass du mich hast leben und überleben lassen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie es wirklich verstanden hat. Da waren so viel elendige verwobene Scham und Schuld und Zorn in ihr. Einen Teil davon habe ich ihr wohl in den letzten Wochen ihres Lebens abgenommen. Das Gehen fiel ihr leichter. Ich habe es gerne und in Liebe getan.“

26 Jahre ist das jetzt her. Sie starb viel zu früh. Denke ich noch an sie? Ja, immer öfters. Ich weiß so wenig aus ihrem Leben. Sie gehörte zu der Generation der Frauen, die nie, aber wirklich nie über die Zeit des Krieges und über die Jahre danach gesprochen hat. Wie hat sie diese Zeit erlebt? Sie war ein junges Mädchen. Ihre Mutter starb und sie musste zu einer fremden Familie in Obhut, denn der Vater war ja an der Front. Diese fremde Familie wurde dann ihre Familie, da der Vater mit der Frau und deren Kinder nach dem Krieg zusammen lebte. Was hat dies alles mit ihr gemacht? Sie hat nie, nie darüber gesprochen. Wie ist das, wenn man das all die Jahrzehnte mit sich schleppt? War da irgend jemand, dem sie sich anvertrauten konnte? Ihr Vater? Mein Vater? Wohl eher nicht. Haben die Frauen untereinander darüber gesprochen?
Würde sie es mir heute erzählen? Ich weiß es nicht. Aber ich rede mit ihr. Versuche, in den inneren Dialogen, ihr eine Stimme zu geben.

Ich wäre froh, wenn wir mehr Zeit zusammen gehabt hätten.

Ja, ich habe viele Bilder aus dieser Zeit, auf denen sie mit mir lacht. Aber, ich habe auch Geschichten, Erzählungen von Anverwandten aus diesen Jahren, die anderes berichteten. Mit hat sie nie etwas erzählt, obwohl ich immer wieder fragte als junge Frau. Sie hat immer abgelenkt und dann war so ein Zorn in ihrer Stimme und so eine Traurigkeit in ihren Augen. Diese Tür war und blieb immer zu.
Die Familie. Sie haben sie und mich aufgenommen und wenn ich alles zusammen zähle, dann war ich dort unterm Strich und trotz der Enge und der Armut wohl ein willkommenes Kind. Dafür bin ich dankbar. 


Alter

„Alter. Was bedeutet dies für Sie konkret, Frau Müller?“

„Man könnte sagen: Gevatter Tod machte sich lautstark bemerkbar und drängelte sich immer wieder in den Vordergrund. Aufmerksamkeit heischend ließ und lässt er nicht locker. Noch bin ich nicht ganz versöhnt mit ihm, noch weigere ich mich hartnäckig ihn als Freund an meinen Tisch zu laden. Aber, ich arbeite daran. Immerhin höre ich ihm schon mal aufmerksamer zu, wie er da vor meiner Tür vor sich hin brabbelt und reiche ihm ab und an ein Tässchen Tee nach draußen.“

„Ach? Geht das auch ein bisschen weniger schmalzig, Frau Müller?“

„Klar, als ich jünger war, hätte ich Ihnen für diesen Ton in Ihrer Stimme den Kaffee übern Kopf gekippt. Heute, in meinem Alter, denke ich nur, dass dies doch reine Verschwendung sei, stelle die Ohren auf Durchzug, lege noch ein Würfelzuckerstückchen drauf und genieße meinen Kaffee.“

26.10.17

Rumgeschnipsel

Manchmal überfällt mich diese innere Unruhe und oft mach ich dann was mit meinem Haaren. In den Wechseljahren war das ganz extrem. Dann war eine lange Weile Pause. Jetzt war es mal wieder soweit. Da ich mich ja schon ziemlich lange kenne, weiß ich natürlich, dass dem äußeren Rumgestyle immer ein innerer Entscheidungskonflikt zugrunde liegt. Es steht was an, es will sich nur noch nicht gebären lassen. Wenn ich mich recht entsinne, war Oktober/November immer eine Zeit des Umbruches in meinem Leben. Komisch, eigentlich sollte man erwarten, dass eher der Frühling eine Widderfrau zu neuen Wegen inspiriert. 

25.10.17

Elterngedöns

Sehr interessant. Bevor ich den Artikel las, führte ich folgendes Gespräch mit KleinMadame:

„Oma, ich habe drei Eltern!“

„Ach ja?! Wer sind die denn?“

„Die Mama, den Dadda, dich." denktdenktdenkt "Und den Opa, den Onkel Saba und die Tante Soma.“

„Das sind dann aber mehr als drei.“

Sie denkt wieder nach…

„Stimmt, da gibt es ja auch noch den Pauli, den Onkel Sohrab und meinen Freund, der Luis. Und die Oma Gina und den anderen Opa. Und die Melissa? Ich habe aber viele Eltern. Bestimmt sind das zehn! Mein Bruder ist aber kein Eltern, der ist mein Bruder.“

KleinMadame hat wohl heimlich den Text gelesen

Wiederkäuen

Ich sage und schreibe so viel und manchmal überfällt mich der Gedanke, dass doch alles schon gesagt wurde, doch alles schon gedacht sei zu den großen und kleinen Fragen der Menschheit. Dann fühle ich mich wie das Hamsterlein im Rad. Wiederkäue ich Worte und Gedanken aus Jahrhunderten? Unbesehen. Wenn man Jahrzehnte sich lesend und Erfahrungen sammelnd durchs Leben bewegte, dann kann man nicht mehr unterscheiden, was Ihres ist und was das Meine. Warum denkt und schreibt man also? Warum man das macht, das weiß ich nicht. Ich tue es, weil all das Denken und die Worte wohl bisher nicht ausreichten und immer wieder ausgegraben, durchgekaut und neu formuliert werden müssen. Vielleicht, vielleicht erreichen sie dann auch all jene, die sich ihnen bisher verweigerten. Und ja, ich gestehe es, ganz heimlich, ganz tief in mir drinnen liegt diese kindliche Sehnsucht, das eine Wort zu finden, den einen Satz, der in den Hirnen und Herzen der Menschen explodieren und alles, alles von Grund auf verändern würde. Welch eine Anmaßung!? Ja, natürlich. Aber auch der Motor, um nicht in ein Schweigen zu verfallen, welches letztendlich dem Tode gliche. Deshalb erlaube ich mir, die Buchstabenreihungen wieder und wieder durchzurütteln und neu zu formieren und aus dem Deinen ein Meins zu machen, damit es ein Unser wird.

Sprich, damit ich dich verstehen kann!
Handle, damit ich dich sehen kann!
Höre, damit ich dich berühren kann!
Tanze, damit ich dich atmen kann! 

23.10.17

Entfesselung

Zaghaft gleiten wir in den Morgen
Lösen die Fesseln der Nacht
Vertreiben ihre Alben
Behalten die nährenden Träume

22.10.17

Ungelöst

Da geht gerade in Fb ein Video um, in dem ein kleines Mädchen in Windeln verzückt vor sich hin tanzt. Lebensfreude pur und meine spontane Reaktion auf den Clip: Lachen und Freude. Die Kommentare darunter gehen von „Oh, wie süß!“ bis zu „Das ist doch Futter für Pädophile. Das darf man nicht zeigen!“. Und letzteres Argument macht mich irgendwie grummelnd und dockt an anscheinend Ungelöstes bei mir an.

Persönlichkeitsrechte des Kindes, Recht am eigenen Bild – okay, darüber kann ich diskutieren. Ich würde von unseren Kindern solche Bilder oder Filme niemals öffentlich stellen, aus Respekt davor, dass es sie irgendwann mächtig stören könnte. Aber diese Angst vor dem Missbrauch des Filmchens als Wixvorlage für Kinderschänder? Ich weiß ja nicht.

Auf der einen Seite: Ja, den Missbrauch gibt es. Auf der anderen Seite:  Haben wir den Dreck jetzt schon im eigenen Kopf? Müssen wir uns solche Bilder mit Täterblick anschauen, um zu schützen?

Nein, das ist für mich kein theoretisches Konstrukt oder Problemchen. Als Begleiterin von KleinMadame werde ich täglich damit konfrontiert: Sie zieht sich am liebsten überall aus und läuft und tanzt nackt durch ihre Welt. So schnell kannst du gar nicht gucken, Schwupps, sind die Kleider weg und sie rennt. Im Sommer mitten auf der Fressgass in Frankfurt zum Beispiel. Oder bei uns im einsichtbaren Hof. Ja natürlich, da könnten dann Leute mit Handy und überhaupt. Auf der anderen Seite stehen ihre Lebensfreude und ihre Freude am eigenen Körper und die guten Gefühle, wenn die Luft die Haut berührt. Und autonomes Pinkeln geht so auch viel leichter.

Bei mir immer eine völlige Verunsicherung. Ich habe ein paar Mal versucht, ihr zu erklären, warum ich es für wenig sinnvoll halte, dass sie jetzt nackt so im Öffentlichen rum hüpft. Dabei merkte ich, wie dämlich sich meine Begründungen in ihren Ohren anhören müssen. Auch völlig überfordernd für ihr Alter. Und auch ich spürte ja, dass es einfach nicht rund ist. Was ich da so von mir gab, war ja Erwachsenenscheiß. Es fühlte sich an, als würde ich etwas sehr Gutes und Wunderbares mit einer Form von Anpassung an etwas Schlechtes und Widerliches deckeln. Irgendwie bin ich da ihr gegenüber mehr oder weniger sprachlos.

Vielleicht weil ich ja innerlich unter anderem auch das Gefühl habe, die Gewalttätigen und Missbraucher hätten schon gewonnen und meinem Kopf übernommen, weil ich deren Blick auf Welt übernehme.

Ich könnte ihr ihre Nacktheit außerhalb des Hauses natürlich schlichtweg verbieten und das Verbot mit Gewalt durchsetzen. Aber, und dieses Aber ist ein dickes, es käme mir schlichtweg anmaßend und extrem übergriffig vor und würde so gar nicht, so überhaupt nicht, zu unserem Zusammenleben passen.

Bisher siegte deshalb immer die Lebensfreude und sie einfach so sein lassen, wie sie sich wohlfühlt.

Aber, es gibt ihn natürlich, diesen möglichen Missbrauch. Unleugbar. In tausendundeinem Zusammenhang, in unendlich vielen Kontexten, in völlig unerwarteten Situationen. Kommt man oft gar nicht so locker drauf. Braucht ja nicht mal Nacktheit dazu. Soll ich mich jetzt in jede mögliche und unmögliche Situation vorauseilend in Täterdenken hineindenken. Da werde ich ja bekloppt.

Verdammt.

Ungelöst. 

21.10.17

Zimmerweg 17

Erinnerungen

„In vier Wohnungen wurden Wohnkollektive gegründet. Nach deren Vorbild sind die noch heute üblichen „betreuten Jugendwohngemeinschaften“ entstanden.“

In einer dieser Wohngruppen, im Zimmerweg, Westend, Frankfurt habe ich gelebt. Nicht aus einem Heim kommend, sondern aus einer Pflegefamilie. Ich hatte im „Spiegel“ über diese Wohngruppen gelesen und gedroht, dass wenn man mich in ein Mädchenwohnheim (Sachsenhausen) stecken würde, dann würde ich abhauen. Norbert Stein, der damalige Hauptbetreuer der Wohngruppe, schaffte es dann, dass man einen „offiziellen“ Platz dort für mich schaffte. Mein erstes Zimmer war eine vorherige Abstellkammer. War okay. Die Zeit in dieser Wohngruppe war aufregend und lehrreich. Ich war die einzige, die weiterhin regelmäßig die Schule besuchte und Abitur machte. Außenseiterin auch hier. Getragen (und wohl auch gerettet vor manchen Fallstricken wie Drogen und Kleinkriminalität) hat mich in dieser Zeit meine Mitgliedschaft in der „Kommunistischen Schülergruppe“. Standfest und sehr blauäugig, aber hoch motiviert, raste ich damals durch dieses Leben: Lernen, lernen, lernen. Ja, ich bin den Menschen, die mich damals begleitet haben, immer noch dankbar. Hätte eine Menge schiefgehen können.

Farbsehtest

mit KleinMadame:

"Guck mal, was siehst du da?"

"Ich sehe nichts. Da sind nur bunte Punkte. Soll ich da was sehen? Was ist das? Sehe nichts. Punkte?"

Während wir uns besorgt über das Ergebnis unterhalten, murmelt sie, in einem Bilderbuch blätternd, vor sich hin: "Da war ne Ente, ein Hase, ein Fischlein und ein Haus. Wohnen die alle in dem Haus?"

Mit Erwartungsdruck wird das nie was mit ihr. Ich freue mich schon auf die Schulzeit.

*Anmerkung
Sie macht das auch, wenn es ums Zählen geht. Wenn sie bemerkt, dass ich aufmerksam zuhöre, dann schleudert sie die Zahlen in einem irren Gemisch raus. 72964138. Und strahlt mich an. "Guck mal, ich habe die Macht zu zählen wie ich will." Aber! wenn sie mit ihren Freunden Verstecken spielt zum Beispiel, dann zählt sie locker richtig durch bis Zehn. Flexibilität. Und ja, sie hat die Macht.

14.10.17

Zielerreichung

Am Ende eines Jahres ziehe ich ja immer private Bilanz und setze neue Ziele für das nächste Jahr. Nun sind wir ja erst am Beginn des letzten Viertels dieses Jahres und ich muss schon jetzt feststellen, dass ich eines der großen, privaten Ziele wohl nicht erreichen werde: Umzug in ein eigenes, größeres Haus mit Kind und Kegel oder, alternativ, eine eigene kleine Wohnung für mich in der Stadt, so quasi als letzte, feste Residenz in diesem Leben. Beides wird absehbar jedoch nicht passieren. Die Miet- und vor allem die Kaufpreise sind explodiert und wir hatten auch unerwartete hohe Ausgaben für andere, notwendigere Dinge. Und so richten wir uns nun doch noch für eine weitere Weile in diesem, von mir trotz allem so sehr geliebten Haus und Umfeld ein. „Einrichten“ bedeutet, aller Dreck und alles Zurückgelassene aus der vergangenen, zwölfjährigen Geschichte dieses Hauses wird endgültig entsorgt. Die Container geben sich quasi die Hand beim Stellungswechsel im Hof. Wir renovieren da und dort ein wenig und machen es vor allem weiter kindersicher. Ich verbleibe hier, mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Und das ich bleibe, freut so manches liebe Wesen hier am Ort.
Ich weiß.  

Durchfluss

Ganz sicher irgendwie ungerecht und unfair, aber es ist mein Eindruck: In den letzten 12 Jahren sind eine Menge Menschen wohnend durch dieses Haus gegangen. Es gab schöne und auch anstrengende gemeinsame Zeiten. Alle waren ganz unterschiedlich und einzigartig. Doch etwas verbindet sie: Beim Ausziehen, da haben sie mir immer alle ihren Dreck zurückgelassen. Ich meine, wirklichen Dreck. Wie viele Müllsäcke ich schon gepackt und entsorgt habe?! Containerweise. Ja, wirkliche und reale Container. Und auch die Renovierung der abgewohnten Räume, die Räumung der Keller – immer mein Problem und meine Arbeit. Und so arbeite ich mich wieder mal durchs Haus. Ich könnte kotzen. 

Alles gut

Ich weiß nicht, wie oft ich in meinem Leben dasaß und heulend dachte, wie schön und einfach wäre doch alles, wenn ich nur da und dort meine Entscheidungen anders getroffen hätte. Ich hätte wohl große Karriere an der Uni machen können, schönes Haus im Taunus, dufte Pension und vielleicht noch Mann/Frau, die mich jetzt im Alter betüttelt. Dann gehe ich für eine kleine Weile rein in diese Gedankenwelt und langsam, langsam wird mir ganz schlecht, denn den Preis, den ich für diese wohlgestaltete Welt hätte zahlen müssen, wäre einfach zu hoch gewesen. Ich würde das Wesen im Spiegel doch gar nicht mehr erkennen. Dann atme ich tief durch, lache meinem jetzigen Spiegelbild freundlich zu, umarme die Frau von damals liebevoll und schwöre mir, dass ich nie wieder ein Fusselchen Energie in solch absurde Gedanken stecken werde. ... Bis zum nächsten Mal. Alles gut.

Aber, es gibt Situationen, Umstände, da hat man keine Wahl, Frau Müller!

Doch, du hast immer die Wahl. Du hättest dich doch auch verleugnen, anpassen, schleimend und kriechend dann verrecken können, oder? Manchmal ist uns diese Wahl gar nicht bewusst, weil wir sie nicht sehen können, weil wir ganz bei uns sind. Ja, es gibt Lebensumstände, in denen uns die Gesellschaft und die Verhältnisse begrenzen, ausbeuten, misshandeln. Daran kann man in konkreten Situationen oft nichts ändern. Aber, was wir daraus und damit machen, wie wir das Geschehen wahrnehmen, das ist ganz alleine unsere Entscheidung. Hinein geboren, zum Beispiel in Armut, Elend, Dreck und Krieg kannst du dich all dem ergeben und elendig sterben dran, oder du wehrst dich, strebst und kämpfst dafür, diese Rahmenbedingungen langfristig zu verändern. Manchmal verreckst du dann auf diesem Wege auch. Aber, ich, ganz für mich, würde es nicht mehr ein "elendiges" Sterben nennen und könnte mich auch im Tod noch liebevoll umarmen für meine Entscheidungen. 

13.10.17

Bücherkisten

Heute packe ich Bücherkisten. Auf dem Dachboden stehen schon eine Menge, da kommen jetzt nur mindestens zwanzig dazu. Ich mache das mit einem traurigen Herzen und doch mit einem guten Gefühl. Traurig, weil da soooo viele Lieblingsstücke dabei sind, die ich über all die Jahrzehnte gerettet habe und froh bin ich, dass ich sie nicht ganz weggeben muss, weil mein Sohn sie später bei sich haben möchte.
Warum mache ich es überhaupt? Ich reagiere immer sensibler auf Bücherstaub und geschlossene Regale kann ich mir in dieser Größenordnung nicht leisten. Und dann lese ich eh kaum noch in ihnen, da mir die Schrift mittlerweile bei den meisten viel zu klein ist. Und dann gibt es ja auch die kleinen Kinder und ihre Bücher breiten sich bei mir aus und ich brauche auch mehr offenen Platz, und ... und ... ... Ach, mir ist ein bissl weh ums Herz, trotz alledem. Ich olles Sensibelchen *snief

Treue

Kennt ihr das?: Du stehst vor dem Kleiderschrank. Da hängen eine Menge schöner Teile drin. Auch alle passend. Schöne Stoffe, gute Schnitte, angenehme Farben. Blick und Hände streichen drüber. Sehr schön.
Und dann sitzt du quietschfidel am Kaffeetisch und hast wieder dein uraltes Shirt an, fühlst dich wohl und auf den kritischen Blick deines Gegenübers, es sind ja wirklich mittlerweile kleinste Löcher drin, die Farbe ist auch schon mehr als verschwommen und da und dort sind klitzekleine Flecken, die sich hartnäckig einer Entfernung verweigern, murmelst du ein offensichtlich unglaubwürdiges „Nur heute nochmal.“.
Ich kann eben nicht anders. Ich käme mir wie eine Verräterin vor. Das Teil, und ja, es gibt noch zwei, drei andere, begleitet mich seit der Geburt meines ersten Kindes.  Das kann man doch nicht eiskalt ungetragen im dunklen, dunklen Schrank alleine liegen lassen. So einsam. Oder, innerlich kreische ich panisch auf allein bei dem unbarmherzigen Gedanken, gar entsorgen?! Nein, so kaltherzig könnte ich nicht sein.
Bin froh, wenn der Winter kommt, dann kann ich es unter den edlen Pullovern tragen und keine hochgezogenen Augenbrauen meines Gegenüberbers nerven mich schon am frühen Morgen.

06.10.17

Sein

Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe, und dann verliere, was ich habe?
Erich Fromm

„Frage an eine Frau: Was bist du, wenn du die Rollen als Tochter, Ehefrau und Mutter abziehst?“

„Spontan in Substantiven: Ich bin Mensch, Liebende, Heilerin, Abenteuerin, Lernende, Lehrende, Suchende, Wissende, Kind, Alte, Neugierige, Schreibende, Denkende, Verrückte, Gebende, Nehmende, Nichts, Alles, Zweifelnde, Gefäß, Viele, Chemisches Laboratorium, Fleischhülle, Langweilige, Zornige, Lachende, Glückliche, Zufriedene, Sterbliche, ...“

„Oh, doch so vieles.“

„Ja, und noch mehr.


Glaubenssatz meines Großvaters: "Was du bist, kann dir keiner nehmen, kein Herr, kein Führer, kein Papst, kein Gott.". Er hat ihn mir eingetrichtert. Vielleicht sein Resümee aus den Erfahrungen der Nazizeit und des Krieges.

30.09.17

Ihr Tag

Irgendwann im Laufe des Tages steht KleinMadame da und sagt so ganz tief aus dem Bauch heraus: "Heute ist ein schöner Tag! Heute ist mein Tag!". Fast jeden Tag. Manchmal ist mir die Ursache für diese Freude gar nicht so klar erkennbar. Doch sie ist ganz tief und wahrhaftig spürbar bei ihr, diese Freude, und KleinMadame in solchen Momenten ganz und gar bei sich. Es ist dann ganz hell um sie. Anders kann ich es nicht beschreiben. Und dann gibt es, sehr selten, einen Tag, das sitzt sie bei mir am Schreibtisch, macht zerknirschtes Gesicht und sagt: "Heute ist nicht mein Tag!" Und erklärt mir dann ausführlich warum. Zum Beispiel, weil heute der Opa Geburtstag hat und nicht sie. Oder weil ein Freund sie geärgert hat. Oder halt so Sachen. Sehr ernst ist sie dann. Für eine kleine Weile, dann sprudelt die Freude jedoch schon wieder hoch. Meistens, aller meistens ist es ein schöner und ihr Tag.


23.09.17

Endlichkeit

Ein Mensch, mit dem ich viel Zeit verbrachte, den ich achtete und respektierte, der mich oft um Rat fragte und der mir so manchen wertvollen gab. Eine ganze Weile gingen wir gemeinsam. Für unsere Kinder, die uns beiden so sehr am Herzen lagen. Das Leben führte uns dann auf Wege, die uns trennten und doch dachte ich so oft an ihn, voller Wohlwollen und Dankbarkeit. Er brachte mich zum Lachen und ich war so gewiss, dass uns dieses Leben noch einmal zusammenführen würde. Da war noch nichts abgeschlossen. Da gab es noch so viel zu teilen und zu erkunden. Ich bin so dankbar, dass ich ihn kennen lernen durfte und dass er mir sein Vertrauen und seine Freundschaft schenkte. Jetzt hörte ich, dass er unvermutet vor einer Woche starb. Das macht mich so unendlich traurig. So traurig.

Es macht mir wieder so richtig bewusst, dass die Endlichkeit unseres Lebens wirklich ernst gemeint ist. Und ich darf nicht warten. Darf nicht warten, alle losen Fäden schnell wieder aufzunehmen. Verstehst Ihr das?

20.09.17

Großzügig

„Oma, was ist in dem Paket?“

„Ich hatte mir was gekauft. Aber als es ankam war es schon kaputt. Jetzt muss ich es zurückschicken.“

„Dann kannst du es doch nochmal kaufen.“

„Ne, jetzt bin ich stinkig und traurig. Jetzt will ich auch nicht mehr.“

„Sei nicht traurig, Oma. Ich geh jetzt hoch und schenk dir was von mir. Dann bist du wieder froh.“


Ich liebe dieses wunderbare, mitfühlende und großzügige Wesen von KleinMadame. Wenn sie Geschenke bekommt, dann sagt sie oft: „Jetzt ist genug. Ich habe doch schon alles.“ Oder sie verteilt ihre noch verpackten Geschenke an Anwesende, damit die auch etwas haben. Alles da bei ihr, von Anfang an. Danke.



06.08.17

Noch Wünsche?

„Wie steht es denn so um Ihre Sexualität und ihren Beziehungen, Frau Müller? Haben Sie noch klare Vorstellungen, Wünsche, Sehnsüchte? Immerhin sind Sie ja nun einundsechzig, da wird es doch wohl langsam etwas ruhiger werden, oder? Da wird man doch sicher großzügiger und dankbarer, wenn sich nochmal eine Chance auf Partnerschaft ergibt, oder?“

„Ähm.“

„Ist Ihnen die Frage zu persönlich? Als Sexualtherapeutin sollten Sie das ja locker beantworten können, oder?“

„Ähm.“

„Na? Und?“

„Allereigentlich geht Sie das einen Scheißdreck an.“

---

Drüber nachgedacht habe ich trotzdem. Und mir fiel ein etwas älterer Text von mir ein und beim Drüberlesen stellte ich fest: Das ist ja sowas von Ichbezogen… und immer noch wahrhaftig. Ja, das will ich heute noch genauso wie früher und ja, das macht das Leben nicht einfacher, aber befriedigender. Alter? Spielt da nur eine untergeordnete Rolle. Funktioniert so was, gibt es da die passenden Partner/Partnerinnen dazu? Warum denn nicht?! Hat ja mehrmals prima geklappt im Leben, klappt auch jetzt, also warum nicht immer wieder? Darum: Ja, gilt immer noch ->   

Ich will Spaß und Lachen und Sinnlichkeiten fernab von all diesen verquerten Riten und Regeln und Starrheiten.

Ich will in Lust am und auf den ganzen Menschen schwelgen.

Ich will Achtsamkeit und Freundschaft, quirliges Leben und gemeinsames Wachsen in Vielfalt und Einzigartigkeit.

Ich will, dass wir uns die Köpfe heiß reden und streiten über Götter und Welten, ein geistiges und körperliches Auspowern, ohne gleich in der Kiste, auf dem Küchentisch oder vorm Fernseher zu landen.

Ich will ein lebendiges Miteinander, Liebe ohne Ketten und kleinkarierten Einschränkungen, ohne all den sexistischen und formalen Mist aus der Altvorderenschublade.

Ich will gemeinsam verrücktes Tun und kreatives Sein, Spontaneität und kicherndes Anderssein.
 
Mich interessieren keine Äußerlichkeiten, ich will in Innerlichkeiten staunend und kichernd spazieren gehen.

Ich will im Kopf und in der Seele gefickt werden, das andere besorg ich mir schon selbst, danke, da besteht kein Mangel.

Sex als Zugabe, als Salz in der Suppe – ja klar! Als einziger Fokus aufs gemeinsame Leben – nein danke!

16.07.17

Du bist nicht allein

„Du bist nicht allein! Jesses, wie mich dieser Satz als pubertierendes Wesen manchmal angekotzt hat, wurde er mir doch liebevoll in Momenten zugeworfen, in denen ich mich gerade so wohlig in meinem Selbstmitleid und Weltenschmerz (Hesse lässt grüßen) eingerichtete hatte, so dass mir die freundlich mit diesem Satz gereichte Hand eher wie ein Angriff denn wie eine freundliche Geste erschien. In solchen Momenten verweigerte ich mich jeder Vernunft und litt, litt, litt tapfer weiter.“

Diese Momente sind seltener geworden mit den Jahren. Ich hatte das Glück, dass ich mitten in der Frauenbewegung und in einem Workshop Hype zur Frau heranwuchs. Die wichtigste Erkenntnis damals: Ich bin nicht allein! Nicht allein mit meinem SoSein, nicht allein mit meinen verwirrten Gefühlen, nicht allein mit meinen Träumen und Wünschen, nicht allein mit meiner Wut und meiner Trauer, nicht allein mit meinen Körpergefühlen, nicht allein mit meinen Zweifeln, meinem sich gerade aufbauenden Weltbild, nicht allein mit meiner Geschichte, nicht allein mit meinen Sehnsüchten und Begierden … .

Dieses damals erlebte Gefühl trug mich durch all die Höhen und Tiefen meines bisherigen Lebens, trägt mich heute und wird mich sicher auch in Zukunft tragen. 

Ab und an erlaube ich mir jedoch auch immer noch, dieses Gefühl ganz weit von mir zu weisen und mich hingebungsvoll in einen umfassenden Weltschmerz fallen zu lassen. Dann weine, schreie, tobe ich innerlich, manchmal auch laut nach außen. Gebe mich vollkommen hin und aus und tauche nach einer Weile erschöpft, gestärkt und gereinigt wieder auf.

Das aktive Händeln der eigenen Gefühlswelt erlebe ich als Freiheit.

13.07.17

Männer sind anders. Frauen auch.

Erinnerung ->

Einkaufen gehen. Hemden. Für ihn. Was für eine Vorfreude. Ich malte mir aus, dass wir den ganzen Tag durch Geschäfte stöbern und mindestens hundert Hemden anprobiert würden. Wir lecker Mittagessen und dann am Nachmittag noch ins Café, dort ausführlich bequatschen, welches Hemd uns am besten gefallen hätte, um es dann schlussendlich begeistert gegen Abend zu kaufen.

Das würde ein affengeiler Hammertag werden!

Und was war: Rein ins erste Geschäft. Er läuft schnurstracks auf die Hemden zu, schaut sich die Größe an und sagt: Passt! Ab zur Kasse und das war es. Meine Kinnlade hing den ganzen Tag auf Kniehöhe. *grummel

Ich habe in meinem Leben bisher nur zwei männliche Wesen kennengelernt, mit denen Shoppen gehen wirklich ein Highlight war und fast in die Nähe der vergnüglichen Qualität solcher Events mit meinen Freundinnen kam.

07.07.17

Gewalt ist...

„Gewalt ist keine Lösung. Niemals! Gewalt erzeugt nur wieder Gewalt. Immer!“
„Ja.“

Und dann steht dieser dreißigjährige Rotzlöffel vor dir und plustert sich auf und macht auf dicke Hose und schafft sich selbst immer tiefer rein in gewaltbereite Aggression mit seinen herausgegeiferten Sprüchen und verallgemeinernden Anklagen. Du weißt, dass es nur noch Sekunden dauern wird, bis er zuschlägt. Du weißt, dass dein sich senkender Blick, deine hängenden Schultern, deine sich ankündigenden Tränen nur Futter für seine Verachtung dir und sich selbst gegenüber sein würden. Er wird zuschlagen. Er muss zuschlagen. Also richtest du dich auf, verkrallst dich in seinen Blick und schlägst zu. Gezielt. Brutal. Rücksichtslos.

Gewalt ist keine Lösung. Ja. Aber manchmal rettet sie dir deinen Arsch und manchmal auch das Leben.

Ein Dilemma, dass ich bis heute für mich nicht lösen konnte.