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30.11.16

Na sowas

Da bekomme ich als altes Weib Keuchhusten. Na, das ist ja ein Ding. Meinem Arbeitgeber geht es dadurch auch nicht besser. So ein verflixter Mist. So keusch und röchel ich mich denn dem Jahresende entgegen. 
Ach, nebenbei bemerkt: Impfgegner sollten mir jetzt nicht mit ihrem treuherzigen Lächeln und ihren elendigen Verschwörungstheorien kommen. Kommt nicht gut an grad. Wenn es einem kleinen Kind so geht, wie mir zur Zeit, dann ist das Körperverletzung und ich habe Null Verständnis dafür. Punkt.  

27.11.16

Die richtige Frage

"Frau Müller, warum arbeiten Sie immer noch so viel?"
"Ich bin jung und brauche das Geld."

Die Frage war natürlich auch falsch gestellt, aber ich will ja nicht immer gleich sofort so besserwisserisch daherreden. Jedoch, die Frage müsste wohl lauten: „Warum tun Sie sich immer noch bestimmte Formen von Arbeit an?“ Und darauf gibt es zum jetzigen Zeitpunkt noch keine rundum schlüssige Antwort in mir. ... Ich denk nach.

26.11.16

Das Leben ist schön.

„Frau Müller, Sie haben in den letzten Jahrzehnten immer wieder mal geschrieben „Das Leben ist schön!“. Würden Sie das heute, angesichts der aktuellen politischen Lage weltweit und im eigenen Lande, immer noch sagen?“

„Ja natürlich sage, denke und fühle ich das heute noch genauso. Gerade heute. Ich habe nie behauptet, dass das Leben an sich in und auf dieser Welt ein ausschließlich kuscheliges sei. Schmerz, Leid, Enttäuschungen, Verluste, Unsägliches – jeder Mensch wird damit im Laufe seines Lebens in der einen oder anderen Weise konfrontiert. Und lernt, so oder so, damit umzugehen. Das Leben nicht zu feiern und wunderschön zu finden wäre Verrat an all den Menschen, die sich trotz all dem Mist, der Not, dem Unrecht, dem Elend immer wieder voller Hoffnung dagegen auflehnen, weiter machen, tanzen und singen und lieben, die Tag für Tag aufs Neue um ihre eigene Menschlichkeit ringen, um dann wieder und wieder dem Nächsten über alle Grenzen, allen Vorurteile, allem „Das macht man nicht, das darf man doch nicht!“ hinweg einfach die Hand zu reichen. Und diese Menschen gibt es ja. In jedem Land, an jedem Ort, zu jeder Zeit in dieser bekloppten Welt gibt es sie. Und es sind nicht wenige. Ganz im Gegenteil.“

„Na ja, das klingt jetzt aber sehr optimistisch. Überall lesen und hören wir von Mord und Todschlag, von Korruption, von Ausbeutung, von Kriegen, von Umweltzerstörungen und vielem mehr. Sind Sie nicht ein wenig blauäugig mit Ihrer Haltung, Frau Müller?“

„Klar, wir lesen darüber und hören davon. Jeden Tag. Die Meldungen überschlagen sich. Eine reißerischer als die andere. Und ja, all das gibt es. Viel zu viel davon und viele stecken mittendrin. Und? Dann geh ich raus und schau mich um in der realen Welt. Und dann sehe ich, wenn ich es denn will, in all dem Dreck immer und überall auch den einzelnen Menschen, der ohne groß nachzudenken, einem anderen Menschen hilft, beisteht, begleitet für eine Weile. Der teilt und abgibt ohne aufzurechnen. Der Zeit verbringt mit Tun und Machen, ohne an den materiellen Lohn auch nur einen Gedanken zu verschwenden. Der nicht protzt damit und sich nicht dafür ins Rampenlicht drängelt. Der einfach nur macht. Aus dem Bauch heraus. Einfach so. Weil es sich gut und richtig für ihn anfühlt. Und ich sehe diesen Menschen und seine Herkunft, seine politische Haltung, seine Religion sind mir in diesen Augenblicken sowas von völlig egal und unwichtig. Es gab und gibt sie überall. Ich meine wirklich überall. Das hat mich das Leben nämlich in den letzten Jahrzehnten gelernt. Und deshalb sage ich auch in diesen Zeiten, trotz und gerade und erst recht: Das Leben ist schön. Punkt.“

Kreise

Mit Fieberkopp und atemlos hab ich mich jetzt doch geschlagen gegeben und die hardcore Medikamente vom Herrn Doktor eingenommen. Kommt mir vor wie eine Niederlage und das nicht zurücknehmbare Eingeständnis, dass ich tatsächlich krank bin. Immerhin ist es ein quasi sinnliches Gefühl, wenn die Atemwege von jetzt auf gleich zumindest ein bissl elastischer werden. Bemerke erst nun, wie anstrengend es vorher wirklich war. Ansonsten puscht so viel plötzlicher Sauerstoff und die seltsame Mischung der Wirkstoffe natürlich auch auf und so tigere ich etwas ruhelos zwischen Couch, Bett und Schreibtisch hin und her. Vielleicht noch eine kleine Runde Hof mit Pauli? Als kleine Kontrollfreakin hasse ich diese, von mir nicht steuerbaren, Eroberungszüge von Viren und Bakterien. Könnt ich glatt ein Fan von Einreiseverbote und konsequent rigorose Abschiebungen ohne kleinstes Wimpernzucken werden.
Ernsthaft: Natürlich stimmt mich dieser heftige Verlauf einer stinknormalen Erkältung auch nachdenklich. Kenne ich meinen Körper doch so gut, dass ich weiß, dass er mir damit auch einen dicken Fingerzeig auf etwas seelisch Ungelöstes gibt. War ja schon immer so. Beim Wandern durch die Wohnung überfällt mich plötzlich der Gedanke, dass ich aufpassen muss, nicht den gleichen Fehler wie meine Mutter zu machen. Ja, wir neigen dazu, in sich wiederholenden Kreisen und Mustern zu leben. Ihr sagten die Ärzte vor ihrem sechzigsten Geburtstag, dass sie ihren Lebensstil total umkrempeln solle, mehr für sich sorgen, langsamer treten, dem körperlichen Guttun mehr Raum geben müsse, dann könne sie noch lange leben. Hörte sie nicht drauf, machte einfach im alten Trott weiter. Und starb so früh.
Die Hinweise bei mir sind eindeutig, dass ich auf dem falschen, ihrem Weg bin: Die Anstrengung der Fahrerei zur Arbeit, der wenige Schlaf, die hohe Stundenzahl, der innere Widerstand gegen die mir so wenig einsichtigen bürokratischen Anforderungen, der durch die Arbeit reduzierte Raum für Wellness und Freundeskreis, die vor sich hinschlummernden Freizeitaktivitäten, der Tagesablauf alá: Aufstehen, Arbeit gehen, heimfahren, bissl PC, bissl Arbeit, früh schlafen… alles irgendwie schief.

Ich muss drüber nachdenken.  

10.11.16

Novembererinnerungen

Meine Mutter. Wie muss das gewesen sein, 1956, als junge Frau mit einem Kind im Bauch, das unehelich auf die Welt kommen würde? War da Liebe? Gab es da überhaupt Raum für Freude? Wann hat sie es der Familie gesagt? War da ein Streicheln und Summen durch die Bauchdecke hindurch? Die Geburt? War sie da alleine? War da dann ein Willkommen, vor dem Verleugnen? Sie hat es mir nie erzählt. Ist diesen Fragen immer ausgewichen, bis zum Schluss. Es hat sehr lange gedauert, bis ich ihr sagen konnte: Ich bin gerne deine Tochter und ich danke dir dafür, dass du mich hast leben und überleben lassen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie es wirklich verstanden hat. Da war so viel elendig verwobene Scham und Schuld und Zorn in ihr. Einen Teil davon habe ich ihr wohl in den letzten Wochen ihres Lebens abgenommen. Das Gehen fiel ihr leichter. Ich habe es gerne und in Liebe getan. Verziehen? Schon so lange. Vergeben? Ja. 

08.11.16

Hallo Opa

Heute wäre dein Geburtstag und wie jedes Jahr an diesem Tag spukst du vermehrt durch meinen Kopf und mein Gemüt. Ich vermisse dich so sehr, auch wenn du oft der Quell meines Leidens und meines Zorn warst. Du warst ein solch elendiger Patriarch und hast deinen „Weiber“haushalt mit strenger Hand geführt. Nur mir gegenüber warst du immer freundlich zugewandt und so wurde ich das Mädchen mit der weißen Fahne im Haushalt und immer vorgeschickt, wenn deine Töchter etwas von dir wollten. Du warst derjenige, der mir Lesen und Schreiben beibrachte, denn als alter Gewerkschaftler warst du der festen Überzeugung, dass Bildung die Grundlage für jede Veränderung sei. Du hast Bücher über Bücher angeschleppt und mir damit so viele neue Welten eröffnet. Du hast mir vom Krieg erzählt und von der Nazidiktatur. Schonungslos in deiner bildgewaltigen Offenheit. Es war dir egal, dass ich da manchmal in meiner kindlichen Seele überfordert war und für und um dich und all die anderen Menschen nächtelang weinte. Du warst derjenige, der immer am Radio und dann später im Fernsehen Nachrichten hörte und sie mir geduldig erklärt hat. Du warst derjenige und einzige, der sich freute und verstand, als ich gegen jede Familientradition Abitur machte und studierte. Du warst derjenige, der meinen Mann willkommen hieß und ihm klar machte, dass dich persönlich Nationalitäten und Herkunft einen Scheiß interessierten, wenn da nur ein ganzer Kerl endlich seiner Enkelin, zu ihrer Sicherheit, ein paar Zügeln anlegen würde. Du warst derjenige, der meinen Sohn so sehr liebte und tatsächlich seinen Hintern bewegte und so oft bei uns war wegen ihm. Du warst derjenige, der mich immer ermutigte und erdete, wenn ich vor Zorn glühte wegen all der Ungerechtigkeiten in der Welt und der mich stärkte, als ich immer weiter und weiter in diese Welt hinausging und sie mir per trampen und Gelegenheitsjobs eroberte. Du warst derjenige, der immer ein Ohr für mich hatte und an dessen Tisch ich immer freundliches Verständnis und Speisen aus meiner Kindheit vorfand. Du warst allerdings auch derjenige, der meinen Vater vor mir verschwieg, meinen Bruder ablehnte und mich nach dem Tod deiner Frau in die graue Welt der Pflegeeltern schickte. Wir haben das später geklärt und nichts blieb ungesagt vor deinem Tod. Du fehlst mir so sehr und das tragende Bild heute in meinem Kopf ist die Fahrt zwischen unserem freien Schrebergarten und dem so weit entfernten Zuhause auf deinem kleinen Moped. Singend hieltst du mich kleinen Fratz dabei fest vor dir auf dem Sitz und zeigtest mir deine Stadt mit all ihren schönen und schauerlichen Geschichten. Ich habe so viel gelernt von dir, im Guten, wie im Schlechten und ich bin unendlich dankbar dafür, dass du mich eine Weile in meinem Leben begleitet hast. 
Du fehlst, verdammt, du fehlst.

07.11.16

Nix Neues

Als ich den Vater meiner Kinder heiratete (Iraner) verabschiedete sich die Hälfte meines Freundeskreises. "Ausländerschlampe" war noch eines der freundlicheren Argumente. Als meine kleine Tochter sich ein Sintimädchen zur besten Freundin auserkor, durfte ich mir in Elterngesprächen fürsorglichbedenkliche Warnungen über diesen "schlechten" Umgang anhören. Als mein kleiner Sohn in der Grundschule mit seinem besten Freund (Eritrea) Arm in Arm herumlief, musste ich zu einem Gespräch mit der Klassenlehrerin, die meinte, mich darauf hinweisen zu müssen, dass dies doch vielleicht erste Ansätze von Homosexualität sein könnten, denn man wisse ja so gar nix über die sexuellen Neigungen der Negerkinder. Nein, Leute, erzählt mir nix davon, dass dies alles neu sei und mit den aktuellen Zahlen von Flüchtlingen zu tun hätte. Hat es nicht. Hatte es nie. Da geht es um etwas ganz anderes und das schon, seit dem ich auf der Welt bin: Rassismus. In all seinen widerwärtigen Formen. Nix Neues in meinem Land, so gar nix Neues.

05.11.16

Verzicht! Ach, ja?

„Du sagst, Geld mache nicht glücklich. Du sagst, es käme im Leben auf ganz andere Dinge an. Du sagst, du hättest dich nun entschieden mit ganz wenig und gesund zu leben und es gehe dir gut damit. Du sagst all dies und noch viel mehr mit einem anklagenden Ton, so als wolle ich es nicht kapieren. Du sagst dies alles so vorwurfsvoll, als sei ich deppert und stünde auf der Leitung. Du, mein lieber Freund, übersiehst etwas ganz Wichtiges: Du hast dich entschieden! Du hast dich für einen anderen Lebensstandard entschieden, nicht für Armut. Denn du warst niemals wirklich arm und wirst es niemals sein. Du und deine Familie haben Geld und Firmen und Häuser. Du bist reich. Hast du auf all das verzichtet? Hast du deinen Reichtum verschenkt? Ne, du verzichtest nur auf einen bestimmten Konsum und wählst einen anderen. Ich kann nicht wählen, denn ich bin arm. Ich kann mich nicht entscheiden auf etwas zu verzichten, denn da ist nix, von dem ich mich lossagen könnte. Ich kann mich nicht für deinen neuen Lebensstandard entscheiden, denn dein neuer Lebensstil ist immer noch wohlhabender als mein tägliches Überleben. Also komm mir nicht mit so einem Scheiß, mein Lieber.“

Ich kann so manches beiläufig belehrende dahin Geblubberte nicht mehr hören. 

01.11.16

Anderes Blau

Heute zum Fäden ziehen in die Praxis. Knie tut jeden Tag weher. In der Praxis machen sie einen auf Drama und schicken mich sofort in die Klinik, weil Bein sei blau und dick geschwollen.

In der Klinik folgenden Dialog:

„Also wissen Sie, Frau Müller, wir in der Chirurgie verstehen unter blau ja ein ganz anders Blau. Ihr Bein ist nicht blau.  Und unter Schwellung, mein Gott, da sehen wir hier aber jeden Tag Schlimmeres. Ihr Bein ist nicht geschwollen.“

„Ähm. Ja. Okay, ich komme ja nicht von der Front, Es tut auf alle Fälle sauweh!“

„Das ist normal. Sind ja erst zwei Wochen her, dass die Schrauben entfernt wurden. Warum laufen Sie auch rum mit dem Bein?!“

„Ähm. Sie haben gesagt, ich sei voll mobil nach ein paar Tagen und ich soll voll belasten und rum laufen.“

„Aber doch nicht wenn es weh tut. Und was soll der alberne Krückstock? Nehmen Sie gefälligst die zwei Krücken und belasten Sie das Knie noch nicht. Legen Sie sich viel hin und schonen Sie das Knie!“

„Sie sagten bei der Entlassung, ich sei mobil!“

„Wenn wir Chirurgen Sie mobil entlassen, dann meinen wir, Sie müssen nicht im Rollstuhl sitzen!“

Ende vom Lied, sie schickte mich mit einer großen Packung Schmerzmittel und der Anweisung, dass Knie für die nächsten zwei Wochen zu schonen nach Hause. Wenn es allerdings dick würde oder blau, dann solle ich sofort wieder kommen.

Ich frage mich jetzt seit zwei Stunden, welches Blau genau und welchen Umfang der Schwellung sie wohl konkret meinen könnte. *grummel