xxx

xxx

16.10.16

Verortung

„Frau Müller, wo verorten Sie sich literarisch!“

„Aha. Ja, ne. Ich bin mir Ort genug. Oder meinen Sie eher das mit dem „d“? Einordnen, unterordnen, schubladengerecht zuordnen, sich etwas verordnen lassen? Ne, danke. Mir langt die Zuordnung, ich schriebe bloß Kalendergeschichten und randständige Gebrauchsliteratur. Damit kann ich frisch und fröhlich quietsch fidel leben.

„So wird das aber nie was mit den Literaturpreisen!“

„Mit den was? Ähm, noch so ein Ding, um die Wände damit zu tapezieren? Ernsthaft, ich schreib für mich, für dich und dich und für dich da hinten auch. Ich schreib, weil ich was zu sagen habe und weil ich schreiben kann. Ich schreib für die Leute, die auch ne Menge zu sagen haben, aber leider nicht schreiben können oder wollen. Ich schreib für Menschen wie meine Mutter oder meinen Großvater, für die Frau von neben an, die ihre zwei Kinder mit Hartz IV durchbringen muss und für den Mann, der morgens erschöpft von der Nachtschicht kommt und dann zum notwendigen Zweitjob hetzt, weil das Studium der Tochter allein durch Bafög nicht zu finanzieren wäre. Ich schreib für all die, die mit all der Hochglanzliteratur nix anzufangen wissen, weil sie sich darin nicht wieder finden, weder als Protagonisten, noch als Adressaten. Und ich schreibe es in einer Sprache, die verständlich ist, auch wenn man nicht zum Bildungsbürgertum gehört.“

„Aber ist das dann noch Literatur, Frau Müller?“

„Oh, genau das meine ich. Sie haben einen anderen Literaturbegriff als ich. Das macht nix. Ist ja nix Schlimmes. Und ansteckend ist es auch nicht.“


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen