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31.07.16

Langt

„Ein paar Gedanken zum Altern, Frau Müller.“
„Ich werde nicht mehr jung sterben. Immerhin. Das habe ich hinter mir.“
„Und?“
„Langt doch.“

28.07.16

Läuft

Vor einem Jahr. Mein Orthopäde sagt damals: "Das ist ein komplizierter Bruch. Rechnen Sie mal mit mindestens einem Jahr der Auskurierung, Frau Müller!" Ich dachte mir: "Der hat sie doch nich alle. Ein Jahr? Für so einen Pipifax? Nenene, das geht auch kürzer, wenn man nur will."

Hahaha.

Er hatte Recht, der olle Besserwisser. Ich gebe es ja zu. *grummel 

Nach einem Jahr jetzt habe ich ab und an mehrere Tage hinter einander ohne Schmerzen. Wenn es heiß wird oder das Wetter umschlägt, zwickt es im Knochen. Und die Schrauben müssen auch noch raus, weil sie mittlerweile überstehen. (Der Drang nach Freiheit macht nicht mal vor Schrauben halt). Und die eingeschränkte Mobilität über Monate hatte Auswirkungen. Auf Körper (Gewichtszunahme) und Seele (Stimmungsschwankungen, gepaart mit Selbst (be)(ver) zweifeln.

Allereigentlich geht es mit der Rückkehr in die Normalität des Arbeits- und ÜberhauptLebens erst seit einigen Wochen wieder richtig los.

Immerhin habe ich in diesem Jahr eine Menge gelernt, über mich, über Gemüts- und Motivationslagen von Rehabilitanden, über die Rehabilitationsmöglichkeiten und Nichtmöglichkeiten in unserem Lande. Da bin ich mittlerweile richtig fit drin und ein gutes Gegenüber für Ratsuchende. So hat alles einen Sinn. Meistens. Man muss ihn nur begrüßen und dann freundschaftlich mit ihm arbeiten. :-)

24.07.16

Nach den letzten irgendwie Sommertagen stelle ich hiermit fest, dass Temperaturen über 25° für mich nix mehr sind. Bricht mein ganzes Körpersystem zusammen und alles wird durcheinander. Fast so, als würden die einzelnen inneren Steuerungselemente plötzlich im Babelschenturm leben und nicht mehr miteinander kommunizieren können. Wenn ich könnt, würde ich ja sofort und gleich in den Norden ziehen. Schottland, Orkney Inseln oder so die Richtung. Nördliches Kanada oder ganz südliches Argentinien gingen auch grad noch. Irgendjemand von da, der/die mich ehelichen möchte? Auf die Erfüllung der sich daraus ergebenden Pflichten würd ich auch großzügig verzichten. 
Ernsthaft, das ist der erste Sommer in meinem Leben, der mich wirklich schafft. So ein Mist. 

21.07.16

Grenzsetzungen

Ich lernte ganz früh schon: Wenn jemand dich zum ersten Mal verletzt, demütigt, erniedrigt, dir weh tut, dich in irgendeiner Form belästigt, beleidigt, deine Grenzen überschreitet, und sei es von deinem Gefühl her auch noch so geringfügig, dann darfst du niemals zurückweichen, schweigen, schlucken, dich klein machen. Denn diese Verhaltensweisen werden von dem Gegenüber nur als Einladungen oder gar Erlaubnis verstanden, noch einen Schritt weiter gehen zu können, zu dürfen. Und noch einen und noch einen.

Grenzsetzungen müssen unmittelbar und eindeutig erfolgen. Glaub mir, dies benötigt nur sehr wenig Energie im Vergleich zu dem Aufwand, den du betreiben müsstest, um später aus diesem Schlamassel einer versäumten, rechtzeitigen Grenzsetzung heil wieder heraus kommen zu können.

Die Grenzen, die man von anderen nicht überschritten wissen will und die man für sich selbst in ganz unterschiedlichen Bereichen festlegt, sind die Holas in der eigenen inneren Seelenlandschaft. Sie geben Orientierung, Sicherheit, Schutz und Halt. Man sollte sie nicht leichtfertig, sei aus Bequemlichkeit, Ängstlichkeit, Harmoniestreben oder anderen seltsamen Gründen, aufgeben. Es macht deshalb ausgesprochen viel Sinn ab und an inne zu halten und sich der eigenen inneren Grenzsteine erneut oder gar endlich mal bewusst zu werden.

Kann man lernen und trainieren. Klar. Ich spreche aus Erfahrung. Mir hat es auf alle Fälle oft meinen Seelenfrieden und manchmal auch ganz banal den Arsch gerettet. Und doch muss auch ich es immer wieder aufs Neue üben.

(*Hola -> So nennt man in Frankfurt den Ort zum Ausruhen beim Fangenspielen.)

15.07.16

Bäh.

Wenn die Seele den Körper malträtiert und seine Bedürfnisbefriedigungen unterdrückt, dann kann dies unter Umständen lebensbedrohlich wirken.
War heute in der Kardiologie. Belastungs-EKG, Ultraschall, etc.. Mein Herz ist seltsamerweise in Ordnung, es gibt sogar eine Verbesserung, da die eine Herzklappe, die schon etwas verdickt war, wieder perfekt funktioniert. Nieren und Leber sind vom Herzen aus gesehen in Ordnung und gut versorgt. Keiner der Ärzte konnte mir sagen, woher das viele Wasser in den Beinen und im Gesicht ab und an kommt. Zwei Möglichkeiten, die noch untersucht werden müssen: Schilddrüse (das würde erklären, warum ich trotz wenig essen auch nicht abnehme) und von den Allergien und Unverträglichkeiten. Mein IGE lag heute bei 3600! (für Allergien gilt eigentlich etwas höher als hundert.) Viel, viel mehr Bewegung und viel, viel abnehmen und ich werde hundert (meinte Herr Professor, Professor, Dr.Dr. irgendwas) Ich denke, letztendlich ist es mein Kopf.
Der Raum für meine verquerte Ausflüchte und Entschuldigungen wird eng, sehr eng.

14.07.16

Trampen

Als ich jung war, also so vor um die paarundvierzig Jahre, da bin ich durch ganz Europa getrampt. Meistens alleine, manchmal habe ich mich für ein paar Wochen einer Gruppe junger Leute angeschlossen. Überall wurde ich freundlich aufgenommen und mit Respekt behandelt. Ich glaub, ich war ein niedlich naives strahlendes Wesen, völlig unbekümmert und zutraulich. Wenn mein Geld all war, habe ich mal in einem Geschäft, auf einer Plantage oder in der Weinlese gearbeitet. Für Überfahrten habe ich auf den Schiffen die Klos geputzt. Vielleicht war es einfach nur Glück, aber ich habe mich immer beschützt gefühlt. Und nein, es waren nicht nur die „armen“ Leute, die das Wenige mit mir teilten. Sozialromantik lag mir schon damals nicht. Es waren halt einfach Leute, aus ganz unterschiedlichen Herkünften, die grundsätzlich freundlich zu mir waren. Ich habe eine Menge gelernt in diesen Zeiten. Das Wichtigste war: Ländergrenzen waren total irrelevant, denn die Geschichten, die ich in Portugal, Griechenland, Türkei, England, Italien hörte (ja, irgendwie schien ich schon damals die Leute einzuladen, mir ihre Geschichten zu schenken) ähnelten sich: Es ging um Freundschaft, Familie, Kinder, Arbeit, Glück, Ungerechtigkeiten, Liebe und den Tod. Ich lernte: Wir sind ganz unterschiedlich und doch so gleich in unseren Träumen, Sorgen, Wünschen, Ängsten und dem Glück. Und wir lieben alle Musik und wir lachen und wir weinen bei den gleichen Stücken. Unser Schmerz gleicht sich und unsere Freude auch. Ja, ich denke, diese Erfahrungen haben mich auch geprägt.  

Garwall

Alte Bilder sortierend und ebensolche Texte durchgehend stelle ich fest: Welch verrückte Lebenswege habe ich immer wieder eingeschlagen. Neugierig, den Gefühlen und Dingen in mir auf den Grund gehend. Von 2003 bis 2012 war ich tief drin in der BDSM Szene. Ohne Wenn und Aber. Begonnen hatte alles mit dem folgenden Text: Garwall wurde geboren. Mein Alter Ego in diesem Lebensabschnitt. Es war eine Wanderung auf hauchdünnem Seil. Möchte ich diese Zeit und diese Erfahungen missen? Nein, ganz bestimmt nicht. Würde ich es noch einmal so leben wollen? Nein, ganz bestimmt nicht. Liebe ich dieses Weib, dass sich Garwall nannte? Ja, sehr.  Gibt es sie noch in mir? Nein, sie hat sich wohlig und liebevoll in mir aufgelöst. 

Garwall erwacht (2003)                                                                                
 Ich stehe am Rande des Abgrundes. Tief unter mir schlängelt sich der Fluss. Er ist wunderschön, mit tiefen, dunklen Stellen und seichten Gestaden. Einladend und abweisend, verschlungen und geheimnisvoll, voller Bewegung. An die tiefsten Stellen werde ich mich diesmal begeben, voll Angst und Vertrauen.
   Langsam steige ich nach unten. Niemals mit Hast, aufmerksam jeden Schritt im Hier und Jetzt empfindend. Musik hilft, manchmal laut und aggressiv, manchmal sanft und einschmeichelnd. Oben ist es hell, die Farben lichtdurchflutet und glitzernd. Beim Abstieg verändert sich das Licht. Die Farben werden dunkler, wärmer, bedrohlich und einladend. Die Gerüche werden intensiver, die Geräusche wohlklingender: Basstöne, der Geruch nach nasser, dunkler Erde, grün, braun, schwarz.
   Ich lasse mich fallen, koste die Eindrücke mit meinem ganzen Körper, umfasse die Luft, die Bäume, wühle in der Erde und verändere mich, passe mich an. Die Hülle fällt. Muskeln breiten sich aus, verdrängen Äußerlichkeiten. Masse verwandelt sich in Knochensubstanz und fließt stärkend und aufrichtend in die Wirbelsäule. Brüste festigen sich und geben großzügig Überschüssiges an andere Organe ab. Die Lunge wird weiter und durchlässiger, das Becken schiebt sich nach vorne. Sinnlichkeit macht sich breit und mit ihr kommt Stärke und das Lachen. Ich bin wieder bei mir und begrüße mich mit glucksenden Tönen. Ein Schrei, laut und fordernd bannt sich seinen Weg durch die Räume meines Körpers: „Ayah! Ich bin das Leben und ich bin der Tod; Samen und Fäulnis. Ich bin Kind, Frau, Mutter und Greisin. Ich bin die Liebe und der Hass. Ich bin Eine und Alle und Nichts. Ich bin das Fehlende und ich bin das Ganze. Ich bin ich und doch nur das Du – und dieses biete ich zum Geschenk.“
   Ein Hauch von Bewegung, rechts unter mir, kaum wahrnehmbar, sich entfernend, einladend. Ich folge. Der Fluss scheint hier dunkel und ruhig. Alte Weiden begrenzen den Lauf, Wassermücken und Libellen kreisen. Unzählige Pflanzen drängen sich enger zusammen, bilden eine Mauer und erzwingen unerbittlich die Überquerung des Wassers über einen morschen Baumstamm. Er trägt die ungewohnte Last leicht schwankend mit Geduld und Festigkeit. Gelbe Blüten begrüßen mich mit einem irritierenden Duft.
   Meine Lider verengen sich, Anspannung breitet sich aus. Ich kenne diesen Geruch: Gitterstäbe, ein Kinderbett? Wieso ein Kinderbett? So früh? Zu früh! Die Kleine träumt. Sie berührt sich. Fühlt Stärke und Erregung. Die Berührungen ihrer Finger werden intensiver, schneller und die Bilder unschärfer. Feuerblumen in Körperöffnungen, verschwommene Nacktheit, Ausgeliefertsein, Dominanz. Heiße Wellen breiten sich in ihrem Körper aus: dies ist ihr Geheimnis, unteilbar und nicht entreißbar, nur ihr zugehörig. Sie entspannt sich, schläft ein, steht auf und geht zur Toilette. Lautes Geschrei: „Warum hast du schon wieder ins Bett gepisst?“ Schläge. Und der Geruch der gelben Blumen, Löwenzahn, Pissblume.
   Sie steht vor dem geschlossenen dreiteiligen Spiegel der Kommode im Schlafzimmer der Eltern. In der Erwartung ihres sich unendlich wiederholenden Bildes, öffnet sie die Flügel und sieht: ein grausames, dreieckiges Gesicht, spitze Ohren und Zähne, hervorquellende Augen. Sünde und Aussatz pur und die absolute Gewissheit: Das bin ich. Der Schrecken wird tief vergraben, der Spiegel nie wieder geöffnet. Widder und Löwin verlassen die Bühne. Die Wölfin vergräbt sich tief in den Falten ihres Körpers. Einsamkeit. Die Ausbildung zur angepassten Frau beginnt.
   Ich sinke in den Duft des gelben Blütenmeeres. Ertrinkend im Tränenstrom liegt die Kleine zärtlich umfasst auf meinen Schoß. Liebe webt ein zartes Netz und fügt den Splitter ein. So viele Teile verborgen, verloren. Nach einer Weile durchbricht ein Geruch den Schleier der Traurigkeit: Er ist hier, wie immer. Wartend.
   Mich aus der Vergangenheit lösend, erhebe ich mich und strecke die Arme in die Höhe. Die ankommende Nacht schickt lockende Rufe aus. Ein Feuer erfasst meinen Leib, ausgehend von den Fußspitzen überrollt es mich, breitet sich in den Lenden aus, dringt in jede Körperöffnung ein. Weiße Flammen umspielen meine Brust, der Puls passt sich dem Rhythmus der Dunkelheit an. Schneller, heißer, schneller  ...  die Wölfin erwacht. Vierzig Jahre gefangen, gedemütigt, verleugnet, betrogen um ihre Kraft und Lust, gefangen in dem Moder von Konventionen und  uneingelösten männlichen Versprechungen streckt sie sich jetzt dem Wind entgegen. Sie spannt ihre Muskeln und schleudert ihre Wut mit einem lauten Schrei den dunklen Bäumen entgegen.
   Dann läuft sie. Rennt entlang der Bahnen ihrer Lust, spürt ihren Körper, ihre Schönheit, ihre Macht. Er folgt ihr. Läuft parallel mit ihr, schneidet ihr den Weg ab, springt sie an. Wütend setzt sie sich zur Wehr. Der Geruch von Blut tränkt die Luft. Sie hält inne. Schäumend steht er ihr gegenüber, seine Flanken zitternd: „Warum wehrst du dich? Warum gibst du dich mir nicht hin? Ich fühle deine Sehnsucht und deine begehrende Liebe.“ Fordernd tritt er ihr entgegen.
   Sie weicht nicht: „Nein! Deine Gier ist eine Lüge. Du spielst, ohne Ziel, ohne Gefühl. Dein Feuer ist kalt und berührt nicht den Grund. Du bist gefangen in deinen Ängsten, deinen Vorurteilen und in deiner männlichen Vergangenheit. Du stülpst mir dein Bild von Weiblichkeit, Lust und Liebe über und die von dir hergestellte Nähe entfernt dich immer weiter von mir. Meine Liebe zu dir ist kein Spiel, meine Sehnsucht nicht für Minuten tauglich. Ich begehre dich, wider alle Regeln. Meine Hingabe ist von einer Ausschließlichkeit, die du bisher nicht ertragen konntest. Du sehnst dich nach ihr und doch verhinderst du sie mit all deiner Kraft, deiner verwirrten maskulinen Intelligenz und deinem Festhalten an einer von der Gesellschaft normierten Freiheit, die dich einsperrt in ihre Zwänge und Normen. Sieh mich endlich an!“
   Er senkt nachdenklich den Blick: „Lehre mich diese Form der Liebe!“ Traurig schaut sie ihn an. Zärtlich schmiegt sie sich an seine Flanke, fährt ihm sachte über das Gesicht: „Ich werde es dich lehren. Wenn dein Vertrauen zu mir größer ist als die Angst vor dem Verlust deiner sorgfältig gepflegten Schablonen über die gängigen Formen der Liebe. Ich werde da sein, durch die Nacht rennend und meine Lust mit dir teilend, wenn du mich endlich erkennst über all die Zeiten und den Raum, als Teil von dir, zugehörig, verbunden, untrennbar.“
   Sie stürmt den Hügel hinauf. Sie schaut sich nicht um, Tränen laufen über ihr Fell und erlöschen die weißen Flammen und ich finde mich oberhalb des Flusses wieder. Die Schwere meines Körpers umgibt mich. Langsam erhebe ich mich. Ich werde wieder kommen, jagend, bittend, wartend und hinabsteigend zu dem braunen Grund des Tales. Er wird da sein, und vielleicht eines Tages meine Art der Liebe annehmen können.
 Bis dahin spiele ich das Spiel, unterbrochen von meiner regelmäßig wiederkehrenden grenzenlosen Wut und dem nur mühsam in kreative Bahnen zu lenkenden Zorn und ...mit diesem hellen, lauten und befreiendem Lachen in mir.

13.07.16

Drama schieben

Wenn das Leben Kapriolen schlägt und ich mich dadurch erschlagen fühle. Wenn es mir das Herz zerreißt, der Bauch in Zuckungen verkrampft und der Verstand eine Auszeit nimmt, weil er eh kein Land mehr sieht und nur noch am SichSelbstZerfleischen ist, dann ja dann, schmeiß ich mich rein in diesen Schmerz und reiß die Türen auf für all die sonst verdrängten, verhassten, verwirrenden Gefühle. Ein kochend heißes Bad in grenzenlosem Selbstmitleid, Weltenschmerz, Jammern, Schuldzuweisungen, Unsäglichkeiten. Lamento pur. Rotz und Wasser kotzend ertrinke ich zusammen gerollt kreischend in mir. Der Tod tanzt ein verführerisches Tänzchen und reicht mir anzüglich lächelnd, den einen Ausweg versprechend, die Hand.
Es ist dieser Moment, immer wieder, dieser Moment auf Messers Schneide, wenn dies die ultimativ einzige Lösung scheint, dem inneren und äußeren Grauen zu entfliehen, in dem ein Teil von mir erwacht, den ich hier ja nun gar nicht vermutet hätte. Aus all dem klebrig dunklen Morast kichert mir so unverschämt ein Stimmchen entgegen, das mich durch diese, der Situation keineswegs angemessenen, Tonlage zwingt kurz innezuhalten. Und schon hat es mich, verdammt, flüstert derart lachend vor sich hin, dass ich mich konzentrieren muss:
„Na denn, wenn es so ist, dann ist es doch eh egal. Oder? Auf die paar Minuten kommt es jetzt doch auch nicht an. Er wird schon noch warten können, der olle Trickser. Irgendwann bekommt er schon sein Tänzchen mit dir. Geht kein Weg dran vorbei. Aber jetzt, hier, da könnten wir es uns doch leisten einfach mal ganz und gar ehrlich miteinander zu sein. Oder? Wenn es dir eh egal ist, das mit dem Leben und so, dann will ich dich nackt und bloß sehen. Keine Spielereien mehr, keine Masken, kein BravSein, kein JaAber, kein ich WürdeKönnteSollteMüsste Rumgehampel mehr. Zeig dich. Schamlos. Ohne Blenderei. Schau dich an. Jetzt!“
Beim ersten zaghaften Blick in meine verquollenen Augen, auf den sabbernden Mund und die knallrote Nase huscht der Verstand mit einem arroganten „Na, Dramaqueen“ wieder ins Zimmer und stolpert über mein gefauchtes „Halt nur die Klappe!“ Dieses Bild bringt mich zum Lachen. Immer wieder. Dann beginnt das Aufräumen und Zusammensetzen meines zerfetzten Selbst.

Kein Spaziergang. Niemals. Es nutzt auch nichts, dass man den Ablauf hinterher wieder erkennt. Es ist jedes Mal aufs Neue neu und unbekannt. Schmerzhaft, auslaugend, qualvoll … reinigend, aufbauend.

Ja, ich begleite Menschen auch auf so einem Weg. Weil ich keine Angst vor ihm habe, weil ich ihn kenne. Ich bin da und bring mein Lachen mit. Wir verlaufen uns nicht. Versprochen.

09.07.16

Herr Tod

"Ich denke, die größte Angst vor dem Tod kommt daher, dass Menschen das Gefühl haben, sie hätten nie wirklich gelebt. Sie haben Angst zu sterben, weil ihre Leben unfertig sind."

Ich kann mir nicht wirklich vorstellen wie das ist. Nein, nicht das Sterben, sondern dieses Gefühl nicht richtig gelebt zu haben. Meine Mutter, sie starb in genau dem Alter in dem ich mich jetzt befinde, hatte dieses Gefühl wohl. Das waren so viel Traurigkeit, so viel Zorn auf all die Ungerechtigkeiten und falschen Entscheidungen in ihrem Leben und so viel  Angst vor dem Gehen müssen. Ich glaube, wir haben das letzte halbe Jahr damit verbracht ihr Leben zu sortieren und das einmalig Wunderbare in jedem Lebensabschnitt heraus zu arbeiten. Ja, am Schluss waren da mehr Gelassenheit und weniger Zorn. Aber, so richtig bereit zum Gehen war sie nicht.

Wenn ich an meinen Tod denke, dann habe ich das mir sehr früh geschenkte Bild von Castanedas Don Juan im Kopf, dass dir der Tod ein Leben lang über die Schulter guckt. Manchmal grüß ich ihn, manchmal halte ich Zwiesprache mit ihm und sehr oft halte ich inne und ziehe Resümee über mein bisheriges Leben und stelle mir vor, wie es sein würde, wenn er mich jetzt auffordern würde mit ihm zu gehen. Meistens würde ich ihm unbeschwert folgen können. An den Tagen, wo es nicht so ist, schaue ich mir genau an, woran es liegen könnte, was ich nicht loslassen will in diesem Moment und versuche es zu entwurschteln.

Und so komisch es sich anhören mag, grundsätzlich überwiegt doch die Neugierde meine Traurigkeit. Sterben und der Tod sind für mich das letzte Abenteuer, das ich nicht gedanklich vorwegnehmen, nicht vorfühlen und nicht durch innere Bilder und Filme vorab banalisieren kann. Ich kann es nur erleben, indem ich es irgendwann real leben werde. Den Tod (er)leben - was für ein irres Sprachgebilde.

02.07.16

Glasperlen

Als Pubertierende begleitete er mich durch lange sehnsuchtsvoll durchwachte Nächte und noch heute ist die Lektüre seiner Texte wie Salbei für meine Seele. Seine Sprache berührt mich immer noch und immer wieder. Ich kann gut ausruhen bei ihm.
Heute hätte er Geburtstag und so lasse ich zu seinem Gedenken die Glasperlen der Erinnerungen sanft durch meine Finger gleiten.

Mit ihm hätte ich mich gerne unterhalten.