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31.05.16

Erinnerungen

Die alten Fotoalben lockten. Manches hatte ich ganz vergessen. 

Man wurde schnell selbstständig und hörte und sah genau zu, was die Erwachsenen so trieben. Ich denke, ich war ein aufgewecktes Kind mit Hang zum Lesen, Lernen, Diskutieren.

Das Kinderleben spielte sich tagsüber auf der Straße ab. Ich glaube, wir hatten immer irgendeinen Säugling oder ein Kleinkind dabei. Das war so selbstverständlich. Die Wohnungen waren viel zu klein zum drinnen Spielen. Wenn es kalt war oder regnete, dann waren die Kellergänge oder die Waschküche unser Revier. Wir kannten die Essenszeiten. Ansonsten haben sich die Frauen kaum in unser Leben/Spiel eingemischt. Erst am späten Nachmittag, wenn die Männer nach Hause kamen, dann saßen alle oft zusammen im Hinterhof.

Die Familie war sehr arm, da nur der Großvater Geld nach Hause brachte. Kleidung wurde repariert und getragen bis es wirklich nicht mehr ging. Zwei Paar Schuhe: Für den Alltag die robusten und für die Sonn- und Feiertage die Lackschuhe,. War alles prima, mir fehlte nix.
Weihnachten gab es immer die Puppenstube, die mein Großvater jedes Jahr mit Kleinigkeiten erneuerte: Neue Tapeten, eine neue Lampe, neues Sofa, neue Gardinen oder so. Mit dem Abbau des Baumes kam auch die Puppenstube bis zum nächsten Jahr wieder auf den Dachboden.




29.05.16

Hund und ich

Ich habe einen Hund. Oder besser ausgedrückt, ein Hund hat mich. Was natürlich auch Quatsch ist, insofern man ja ein Lebewesen nicht haben kann, sondern in Beziehung mit und zu einem Lebewesen steht. Also definiere ich mich in Bezug auf den Hund lieber in der Seinsform. Somit bin ich Futterbeschafferin, Leckerliverwalterin, Animateurin, Ausgehdame, Kuscheleinheitenzuteilerin, inkonsequente Essenteilerin vom Tisch, Ignorantin in Bezug auf Erziehungsprogramme,  Bettverweigerin, Organisatorin von Außenterminen bezüglich Schönheit und Wellness, Moderatorin in Umgangsformen mit anderen Menschen und Tieren, Quenglerin beim Spazierengehen, Putzfrau wenn was daneben ging und angehimmelte Göttin im Falle der kichernden Brechung von selbst aufgestellten Regeln für unser Zusammenleben.

Was ist der Hund für mich?: Gefährte, Bewegungscoach, Kuschelmonster, Alltagsbegleiter, Drangsalierer,  Regelbrecher, Türöffner für Feld/Wald/Wiesengespräche, Seelentröster, Gesprächspartner in langen Nächten, Beschützer, sensibler Spiegel meiner Gemütslagen, nervendes Fellbündel, Gute Laune hervor Kitzler, Sparbüchsenleerer, Spielgefährte für meine Enkelin, Dickkopf, unverbrüchlicher Loyalitätsfetischist, grasfressendes Kotzbündel, Sensibelchen, kompetenter Bettler, Knochenbeißer, Katzenjäger, ein Hund halt.

Jetzt habe ich bestimmt tausendundein Ding vergessen. Macht nix. Er ist und ich bin. Das langt. 

24.05.16

Ermutigung

Du fragst mich: "Welche Gedanken oder Handlungen haben dir geholfen, wieder `Boden unter den Füßen zu fassen´ und eine Richtung für dich zu finden, wenn du mal bis an den tiefsten Punkt gekommen warst?“

Hmm, ich finde das "bis an den tiefsten Punkt kommen" eigentlich anstrengender, als das wieder hoch klettern. Anstrengend in dem Sinne, dass ich mich durch "Leidensspuren" hindurch arbeiten muss, bis ich zu dem eigentlichen Leiden vorgedrungen bin. Beispiel: Von dem Abschiednehmen aus einer Partnerschaft über die Veränderung der Mutterrolle bis zum Abschiednehmen von langen Freunden, die sterben - alles schon dramatisch leidvoll genug.

Doch ich hatte dabei immer noch nicht das Gefühl, ich sei wirklich unten angekommen. Die Traurigkeit hörte nicht auf, denn das Eigentliche, was hinter all dem stand und was ich mir eine ganze Weile nicht ansehen wollte und deshalb Stellvertreterdramen schob, war: ich werde alt und es wird einige Dinge in meinem Leben geben, die ich in der bisherigen geträumten Art nicht mehr werde realisieren können. Mein Körper fängt an mir Grenzen zu setzen. Darum ging es. Sich dem zu stellen, das tat weh. Auf einmal war da nur noch diese Perspektive. An allen Ecken wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass ich halt zu alt sei für dies und das und jenes. Als ich mich dem stellte, da war ich dann für eine Weile ganz unten. *lächel

Na ja, bei mir springt dann so ein Programm an, erprobt in allen möglichen und unmöglichen Lebenslagen: Wenn ich eh schon ganz unten bin, was wäre das Schlimmste, was passieren könnte? Ich könnte sterben. Wie würde sich das denn anfühlen? Also mal so richtig in diese Vorstellung reingehen. Ergebnis: Sterben macht mir aber keine richtige Angst.

Na also, wenn ich eh sterben kann, dann kann ich doch auch alles Mögliche vorher noch ausprobieren, ohne mich an diese oder jene Regeln zu halten, oder? Ich bin zu alt für sinnliche Beziehungen? Ähm, vielleicht für einige Menschen, sicher. Aber da gibt es noch eine Menge Menschen, die das nicht so sehen. Also sollte ich mich mal auf machen und die finden. Schwupps, eine Stufe auf der Treppe nach oben.

Ab einem gewissen Alter fängt man nicht nochmal mit etwas völlig Neuem an. Oh, "man" vielleicht nicht, ich aber schon. Was wäre das Schlimmste, was mir passieren könnte? Arbeitslos und arm. Upps, das macht mir aber keine Angst, weil ich das schon öfters war, eigentlich fast immer bin und sich Reichtum und gesellschaftlich sinnvolle Arbeit für mich völlig anders definieren als durch Lohnarbeit und Kontostand. Also könnt ich ja auch einfach mal so drauflos mit neuen Projekten anfangen. Schwupps, die nächste Stufe auf der Treppe.

Meine Kinder werden erwachsen. Oh, traurig. Was wäre das Schlimmste, was passieren könnte? Sie würden sich völlig aus meinem Leben verabschieden. Aber, die Zeit, die ich mit ihnen verbringen durfte, war vom ersten Tag an ein Abschiednehmen und sie lässt sich nicht zurück drehen. Und doch gehört diese vergangene Zeit für immer mir. Möchte ich sie denn noch einmal so klein und süß und winzig? Nöh!!! Also, dann kann ich sie auch ruhig gehen lassen und all die Zeit und Aufmerksamkeit wieder mir zuwenden. Wow, wie viel Zeit da auf einmal zur Verfügung steht. Da kann ich ja dies machen, jenes und das auch noch. Und in Bezug auf Geld bin ich wieder nur für mich verantwortlich, also keine Sorgen mehr um die Versorgung der Kinder. Die können und machen das nämlich jetzt selbst. Und bums, noch eine Stufe auf der Treppe nach oben.

Manche Freunde sterben. Gehen einfach jetzt schon, obwohl noch so viel zu sagen und gemeinsam zu tun gewesen wäre. Das ist traurig. Aber, wenn ich all den Schmerz und die Trauer durchfühle, dann bleibt am Schluss doch auf dem Boden des Trichters diese ganz klare Gewissheit, dass nichts zu Ende ist. Nur ein Päusschen. Also kann ich die mir hier in dieser Form noch gegebene Zeit auch dazu nutzen, weiter zu wachsen und zu lernen und zu erfahren. Vielleicht ist genau dies der Grund, warum ich noch hier und jetzt und sie schon fort. Weil ich das alles für uns später brauchen werde. Also, was kann ich noch lernen, erfahren, erleben? Und schwuppdiwupp, noch eine Stufe höher auf der Treppe.

Verstehst du, was ich sagen will? Wenn du ganz unten bist, dann ist jeder Schritt, jede Bewegung eine Treppenstufe hinauf. Es geht gar nicht anders.

Darum hatte/habe ich auch immer dieses Doppelgefühl, wenn es mir richtig dreckig ging/geht: Es geht mir zwar schlecht und ich tue alles um bis auf den Grund zu sinken, lasse nicht los und mich nicht beschwichtigen, sondern suche den eigentlichen Schmerz und werfe mich dann rein, aber gleichzeitig geht es mir auch gut, weil ich weiß, in diesen Momenten schon, dass es notwendig ist um wieder nach oben zu kommen.

Hilft Dir das ein bissl weiter?

22.05.16

Reduktion

Mich ärgert dieser Satz: "Alternde Menschen sind wie Museen: Nicht auf die Fassade kommt es an, sondern auf die Schätze im Innern." ( Jeanne Moreau)

Ich finde meine Fassade schick, denn das bin ich. Jede Falte, jede Kuhle, jede Wölbung, jede Delle. Nein danke, ich! möchte auch im Alter nicht auf meine inneren Werte reduziert werden, ebenso wenig wie andersrum. Ich bin auch nicht nur meine Geschichte und meine Erfahrungen. Ich lebe nämlich noch und bin noch net mumifiziert. Ich will überhaupt net auf irgendeinen Teil reduziert werden! Ich bin ein Gesamtkunstwerk, mich gibt es net in Teilchen. Und wenn ich ein Museumsdingens sein müsste, dann aber allemal das Museum für moderne Kunst. Ich leb nämlich im Hier und Jetzt *grummel

Solche Sätze wie oben verfestigen das schräge reduzierte Bild von Alter und Altern in unserer Gesellschaft bzw. weisen sie auf ein eigenes Bild von Menschen, dass auf das Äußere beschränkt ist, hin. Denn sonst würde man überhaupt nicht auf die Idee kommen, der äußeren Schönheit, die ja im Alter angeblich nicht mehr vorhanden sei, großzügig verkrampft sogenannte innere Werte gegenüber zu stellen. Versteht Ihr, was ich meine?  

20.05.16

Egoismus

„Sind Sie egoistisch, Frau Müller?“

„Also, ich bin jahrelang in frühen Jahren durch die Welt geschlurft mit der leicht leidenden Haltung einer vorgeblich ausgebeuteten Altruistin. Das unschuldige, es doch so gut meinende Opfer von Energie- und sonstigen Vampiren. Egoismus war damals eine Eigenschaft, die ich aus vollem Herzen von mir gewiesen hätte.
Dann habe ich in der Fortbildung eine Therapeutin kennen gelernt, die hat sich mein erbärmliches um Mitleid heischendes Gejammer drei Sitzungen lang angehört und mich dann vor versammelter Mannschaft auf Knien durch den Saal rutschen lassen um sie zu bitten, mir endlich den Kopf durchzupusten. Anschließend hat sie kaltschnäuzig und erbarmungslos mein inneres Bild von mir zerfetzt und ich lernte die Löwin in mir kennen und akzeptieren: Mein gnadenloser Altruismus, mein an Jede und Jeden im Gießkannenprinzip verteiltes Wohlwollen, mein harmoniebedürftiges Verständnis und meine unleugbar sehr ausgeprägte Empathie dienen eben auch dazu ein feines Netz der Macht in meinen Händen zu spinnen. Sicher ein liebevolles Netz, ja. Aber nichts desto trotz liegt die Löwin immer oben auf dem Felsen und hat alles im fürsorglichen Blick, ist Trägerin der Geheimnisse aller sie Umgebenden und nichts Grundlegendes geschieht ohne ihr Wissen. Und sie goutiert es. Unleugbar.

Sicher, ich bin egoistisch. Eine meiner Wahrheiten. Zu lernen galt und gilt, es reflektiert zu sein, aufmerksam und achtsam. Es offen zu benennen, wenn es notwendig ist. Sich selbst und den Anderen gegenüber auch in diesem Punkte ehrlich zu sein. Der Demut Raum zu geben/zu schaffen. Wobei ich ja glaube, dass dies eine ohne das andere eh nicht geht.“

16.05.16

Schnipselein

Manchmal hätte ich mein Schnipselleben so gerne gerahmt. Doch die Rahmen passen nicht, die Schnipsel verrutschen, sobald ich sie versuche zu reihen und werden, dem Alter geschuldet vielleicht, immer mehr. Der Versuch mich einzufangen und Facetten glatt zu schmirgeln scheitert  täglich kläglich. Selfies sind für die Katz und die lacht sich ins Fäustchen.    



12.05.16

Schubserei

" Ist ja lächerlich!"

"Was ist denn lächerlich, Frau Müller?"

"Ich hatte einen wichtigen Termin in Offenbach. Und weil ich so bin, wie ich bin, war ich natürlich viel zu früh da und bin noch in der Fußgängerzone herum spaziert."

"Na aber, das ist doch schön."

"Ja, aber dann ist jemand an mir vorbei gerannt und hat mich so richtig geschubst. so heftig, dass ich gegen so eine blöde kaputte Bank gefallen bin und mir das Bein an irgendwelchen Nägelchen aufgeratscht habe. So richtig mit Blut und Schmerz und überhaupt. Natürlich mein eh schon kaputtes Bein."

"Und was ist daran lächerlich?"

"Daran ist nix lächerlich. Aber an meiner Reaktion. Ich war so erschrocken, dass ich völlig neben mir stand oder besser, saß. Zum Glück waren liebe Menschen da und haben mir geholfen. Sie haben mich in eine Apotheke gebracht und dort hat man mich verbunden. Ich wollte weder einen Krankenwagen, noch die Polizei. Für was denn? Ich glaub, ich war hysterisch. Und nicht sehr kooperativ mit den Leuten. Die müssen doch gedacht haben, ich habe einen Schuß weg. Auf alle Fälle bin ich dann nach Hause gefahren. So völlig panisch. Und kapiere erst jetzt so langsam, was da eigentlich passiert ist. Man. hat. mich. einfach. geschubst!. Und ich reagierte darauf wie ein kleines Kind. Erst zuhause ist mir eingefallen, dass ich ja einen Termin hatte. Das ist lächerlich. Alles total lächerlich!"

"Könnten Sie vielleicht ein bissl liebevoller oder besser wohlwollender mit sich umgehen, Frau Müller? Und vielleicht einen richtigen Arzt wegen dem Bein konsolidieren?"

"Ach Quatsch. Das ist einfach nur lächerlich." *grummel