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25.12.16

Laterne

In jungen Jahren brachte ich diese Laterne von den Bananen Feldern von La Gomera mit.
Gestern Abend kehrte sie als Gabe vom Vater meiner Kinder zu mir zurück mit den Worten: 
„Erst hat sie dich, die letzten 37 Jahre hat sie uns und dann nur mich begleitet. Die nächsten 37 wird sie wieder für dich und dann die kommenden Jahrzehnte für die Kinder und deren Kinder leuchten.“

Sowas macht mich ganz gefühlsduselig *snief


21.12.16

Weihnachtszeit

Weihnachtszeit – besinnliche Zeit… so schön, so kuschelig, so heimelig warm… … … Ach ja?... Ne, oder? … Und doch… Oder doch nicht... Da war doch was.... War da wirklich was?

Sogar die coolsten Köpfe werden genau um diese Zeit herum hippelig, melancholisch oder verheddern sich emotional in Widersprüche von „Das lässt mich alles kalt“ bis zu „Scheiße, war das schön damals als Kind“. Achterbahnfahrt im Affentempo zwischen seufz und snief und bäh!

Das real Spannendste und Schönste war, wenn überhaupt, die Vorweihnachtszeit. Die Erwartungen, die Vorfreude, die imaginierten Vorabbilder von Seligkeiten unterm Weihnachtsbaum. Weiße Winterleinwand für alle bisher unerfüllten Träume und Wünsche.

Schön wärmend wurden so mit den Jahren dann auch die in die kalte Zeit rückwirkend hinein projizierten hellen Lichter, strahlenden Augen und all die so sehr ersehnte Wärme und begehrten Herzlichkeiten.

Geblieben ist diese, gemein und heimtückisch, ganz unterschwellige Sehnsucht, dieses Gefühl von: So könnte es sein, so hätte es sein können, so soll es wieder sein.

Nöh, so war es aber nicht, so konnte es niemals sein, so wird es niemals sein.

Aber!, etwas anderes könnte sehr wohl sein: Menschen treffen, gemeinsam essen, plaudern, zuhören, sich einfach wohlig willkommen aufgehoben fühlen, ohne eigene und fremde Ansprüche an irgendwas Besonderes. Einfach nur da und miteinander sein. Eine Steilvorlage der Möglichkeiten. Nicht mehr und nicht weniger.

In diesem Sinne: Sei gnädig. Hab dich und andere lieb! Am besten das ganze Jahr über, dann kommst auch heil und frohgemut durch die kommenden Tage. 

15.12.16

Zwischenmeldung aus dem Keuchhustenland


Weil ihr mich laufend fragt, hier eine Zwischenmeldung: Müsste ich mich gerade zeichnen, dann sähe dies wohl so oder so ähnlich aus: Die äußeren Kanten werden so langsam wieder fühlbar, doch innen drin tobt noch immer ein Kampf mit dem Gift des Keuchhustens. Das gesamte Körpersystem ist völlig aufgelöst und überall zwickt und zwackt es und die Risse, besonders in der Lunge, heilen noch nicht. Die Nebenwirkungen der Medikamente belasten zusätzlich. Immerhin kommt das Fieber nur noch in vereinzelten Schüben. Der Kopf zumindest ist klarer, auch wenn ich ab und an Alltagsdinge seltsam verhuschel. Aber, dies ist wohl eher meiner mir eigenen Art denn dem Infekt zuzuschreiben. Klar ist jedoch: Ich überlebe es. Also, keine Genesungswünsche mehr, die Kisten, Schächtelchen und sämtliche Ablagen sind voll davon. Reichen noch für mindestens fünf Winter. Danke dafür! 

14.12.16

Erschöpfung

Manchmal bin ich so müde und trostlos erschöpft in diesen Tagen. All dieser Schrecken, das Elend, diese Unmenschlichkeiten und der Schnitter, der irre geworden ohne Sinn und Verstand über die Erde rast. Und dann die locker hingerotzten, verachtenden Sprüche in den sozialen Medien und auch hier, von Menschen, die ich eigentlich gern habe. Ich verstehe nicht, warum man nicht mal hier, wo es doch nur Worte sind, einfach menschlich und voll Mitgefühl argumentieren könnte. Auch wenn der Verstand diese und jene sachliche Argumente liefert, so könnte man sich doch erlauben einfach nur hier und da mitzufühlen und das auch auszudrücken. Oder gibt es da gar nichts mehr Warmes. Freundliches, Herzliches in diesem Menschen?
Und wenn ich dann so müde bin, dann sorge ich für mich, höre schöne Musik, tanze, male, empfange Besuch und lache. Und dann überfällt mich das Grausen vor mir selbst: wie kann ich lachen und tanzen, wenn da und dort die Menschen gerade verrecken? Dann muss ich alles, was mich ausmacht in die Waagschale werfen und mir selbst vorhalten: Sei dankbar, sorge für dich, lieb dich, lache, weine, freu dich an all dem Guten, was dir widerfährt – denn dann, nur dann kannst du wahrhaftig mitfühlen, nur dann!

Aber, es wird Tag für Tag schwerer.

11.12.16

Schlechte Laune

Meine mir eigene schlechte Laune ist so ein zaghaft Dingelchen. Sie kommt immer recht energiegeladen aus ihrer Ecke gehüpft, stemmt die Ärmchen in die Hüfte und plustert sich auf. Dann wackelt sie wichtigtuerisch mit dem Köpfchen und macht Schnütchen. Meistens stell ich sie mir dann in einem pinkfarbenen Tütü vor und mit grüngepunkteten Leggins. Ich versuche wirklich ernst und griesgrämig zu gucken, denn ich will ja nicht, dass sie denkt, ich nehme sie nicht ernst. Aber meine Mundwinkel fangen schon an unkontrolliert zu zucken. Sobald sie das bemerkt, fängt sie an zu schmollen. Schlechte Laune, die schmollt, ist aber einfach nur total witzig und ich muss lachen. Sie verzieht sich dann wieder mit hängenden Schultern in ihre Ecke. Ich bin so gemein *snief

09.12.16

Lehrzeit

Es ist irre, wie eine Kinderkrankheit (Keuchhusten) derart raubtierhaft im alten Körper wüten kann. Gutes Ende bisher nicht absehbar. Die Lunge hat sich dem giftigen Angriff quasi kampflos ergeben. Ich schleiche zwischen Bett, Couch und Schreibtisch hin her. Mein Kopf ist klar wie nie, der Körper verhaspelt sich jedoch ständig und ermüdet schnell. Es ist anstrengend.

Da fragt mich doch gerade jemand in einem Chat, warum ich denn, wenn ich doch soooo krank sei, immer noch hier rumposten würde? Jesses, mein Kopf ist doch nicht kaputt und meine Finger nicht gelähmt. Zu schreiben, hier und dort ist meine beste Medizin. Die Nabelschnur quasi zum seelischen und, ja auch, körperlichen Widerstand gegen dieses Giftzeugs in mir. Also, lasst mich krank sein und lasst mich schreiben und gut ist/wird es. Ja, ich bin sicher, dass auch diese Qual einen Sinn und mein Körper mir etwas äußerst Wichtiges mitzuteilen hat. Noch hört es sich ein bisschen chinesisch an, meint, ich verstehe es noch nicht zur Gänze. Aber, es wird schon noch deutlicher werden. Ich muss nur genauer zuhören und hinsehen. 

05.12.16

Weil es so ist

All die Geschichten, Märchen und Fabeln, die mir als Kind geschenkt wurden, sie  lehrten mich vor allem eines: Egal ob du ein Pfannkuchen, ein kleiner Junge, ein hässliches Entlein, ein Einhorn, ein glupschäugiges Tentakelwesen, ein Roboter, ein Drachentöter, ein Raumschiffpilot, eine Prinzessin, eine Lokomotive, ein Drache, eine Königin, ein Monster, eine buntbestrumpfte Heldin, ein sternfangendes armes Hascherl oder ein Stäubchen im weiten Weltall bist: Dein Schmerz, deine Freude, deine Traurigkeit, dein Mut, deine Treue, deine Einsamkeit, dein Verlust, deine Hoffnung, deine Angst, deine Beharrlichkeit, dein Suchen nach Liebe, Freundschaft, Glück, deine Träume und deine Sehnsüchte sind mir nicht fremd. Ich kenne sie und erkenne darin dich und mich.

Jetzt bin ich sechzig Jahre alt und es hat sich nichts daran geändert. Also kommt mir nicht damit, dass ich irgendjemanden nicht mögen oder gar hassen solle, nur weil er irgendwie anders sei als ich. Dafür habe ich keinen Platz in mir, denn dort, tief in mir drinnen, da  tummeln sich immer noch die verrücktesten Wesen aus meiner Kinderzeit in vergnüglich stiller Eintracht. Und das ist gut so.

30.11.16

Na sowas

Da bekomme ich als altes Weib Keuchhusten. Na, das ist ja ein Ding. Meinem Arbeitgeber geht es dadurch auch nicht besser. So ein verflixter Mist. So keusch und röchel ich mich denn dem Jahresende entgegen. 
Ach, nebenbei bemerkt: Impfgegner sollten mir jetzt nicht mit ihrem treuherzigen Lächeln und ihren elendigen Verschwörungstheorien kommen. Kommt nicht gut an grad. Wenn es einem kleinen Kind so geht, wie mir zur Zeit, dann ist das Körperverletzung und ich habe Null Verständnis dafür. Punkt.  

27.11.16

Die richtige Frage

"Frau Müller, warum arbeiten Sie immer noch so viel?"
"Ich bin jung und brauche das Geld."

Die Frage war natürlich auch falsch gestellt, aber ich will ja nicht immer gleich sofort so besserwisserisch daherreden. Jedoch, die Frage müsste wohl lauten: „Warum tun Sie sich immer noch bestimmte Formen von Arbeit an?“ Und darauf gibt es zum jetzigen Zeitpunkt noch keine rundum schlüssige Antwort in mir. ... Ich denk nach.

26.11.16

Das Leben ist schön.

„Frau Müller, Sie haben in den letzten Jahrzehnten immer wieder mal geschrieben „Das Leben ist schön!“. Würden Sie das heute, angesichts der aktuellen politischen Lage weltweit und im eigenen Lande, immer noch sagen?“

„Ja natürlich sage, denke und fühle ich das heute noch genauso. Gerade heute. Ich habe nie behauptet, dass das Leben an sich in und auf dieser Welt ein ausschließlich kuscheliges sei. Schmerz, Leid, Enttäuschungen, Verluste, Unsägliches – jeder Mensch wird damit im Laufe seines Lebens in der einen oder anderen Weise konfrontiert. Und lernt, so oder so, damit umzugehen. Das Leben nicht zu feiern und wunderschön zu finden wäre Verrat an all den Menschen, die sich trotz all dem Mist, der Not, dem Unrecht, dem Elend immer wieder voller Hoffnung dagegen auflehnen, weiter machen, tanzen und singen und lieben, die Tag für Tag aufs Neue um ihre eigene Menschlichkeit ringen, um dann wieder und wieder dem Nächsten über alle Grenzen, allen Vorurteile, allem „Das macht man nicht, das darf man doch nicht!“ hinweg einfach die Hand zu reichen. Und diese Menschen gibt es ja. In jedem Land, an jedem Ort, zu jeder Zeit in dieser bekloppten Welt gibt es sie. Und es sind nicht wenige. Ganz im Gegenteil.“

„Na ja, das klingt jetzt aber sehr optimistisch. Überall lesen und hören wir von Mord und Todschlag, von Korruption, von Ausbeutung, von Kriegen, von Umweltzerstörungen und vielem mehr. Sind Sie nicht ein wenig blauäugig mit Ihrer Haltung, Frau Müller?“

„Klar, wir lesen darüber und hören davon. Jeden Tag. Die Meldungen überschlagen sich. Eine reißerischer als die andere. Und ja, all das gibt es. Viel zu viel davon und viele stecken mittendrin. Und? Dann geh ich raus und schau mich um in der realen Welt. Und dann sehe ich, wenn ich es denn will, in all dem Dreck immer und überall auch den einzelnen Menschen, der ohne groß nachzudenken, einem anderen Menschen hilft, beisteht, begleitet für eine Weile. Der teilt und abgibt ohne aufzurechnen. Der Zeit verbringt mit Tun und Machen, ohne an den materiellen Lohn auch nur einen Gedanken zu verschwenden. Der nicht protzt damit und sich nicht dafür ins Rampenlicht drängelt. Der einfach nur macht. Aus dem Bauch heraus. Einfach so. Weil es sich gut und richtig für ihn anfühlt. Und ich sehe diesen Menschen und seine Herkunft, seine politische Haltung, seine Religion sind mir in diesen Augenblicken sowas von völlig egal und unwichtig. Es gab und gibt sie überall. Ich meine wirklich überall. Das hat mich das Leben nämlich in den letzten Jahrzehnten gelernt. Und deshalb sage ich auch in diesen Zeiten, trotz und gerade und erst recht: Das Leben ist schön. Punkt.“

Kreise

Mit Fieberkopp und atemlos hab ich mich jetzt doch geschlagen gegeben und die hardcore Medikamente vom Herrn Doktor eingenommen. Kommt mir vor wie eine Niederlage und das nicht zurücknehmbare Eingeständnis, dass ich tatsächlich krank bin. Immerhin ist es ein quasi sinnliches Gefühl, wenn die Atemwege von jetzt auf gleich zumindest ein bissl elastischer werden. Bemerke erst nun, wie anstrengend es vorher wirklich war. Ansonsten puscht so viel plötzlicher Sauerstoff und die seltsame Mischung der Wirkstoffe natürlich auch auf und so tigere ich etwas ruhelos zwischen Couch, Bett und Schreibtisch hin und her. Vielleicht noch eine kleine Runde Hof mit Pauli? Als kleine Kontrollfreakin hasse ich diese, von mir nicht steuerbaren, Eroberungszüge von Viren und Bakterien. Könnt ich glatt ein Fan von Einreiseverbote und konsequent rigorose Abschiebungen ohne kleinstes Wimpernzucken werden.
Ernsthaft: Natürlich stimmt mich dieser heftige Verlauf einer stinknormalen Erkältung auch nachdenklich. Kenne ich meinen Körper doch so gut, dass ich weiß, dass er mir damit auch einen dicken Fingerzeig auf etwas seelisch Ungelöstes gibt. War ja schon immer so. Beim Wandern durch die Wohnung überfällt mich plötzlich der Gedanke, dass ich aufpassen muss, nicht den gleichen Fehler wie meine Mutter zu machen. Ja, wir neigen dazu, in sich wiederholenden Kreisen und Mustern zu leben. Ihr sagten die Ärzte vor ihrem sechzigsten Geburtstag, dass sie ihren Lebensstil total umkrempeln solle, mehr für sich sorgen, langsamer treten, dem körperlichen Guttun mehr Raum geben müsse, dann könne sie noch lange leben. Hörte sie nicht drauf, machte einfach im alten Trott weiter. Und starb so früh.
Die Hinweise bei mir sind eindeutig, dass ich auf dem falschen, ihrem Weg bin: Die Anstrengung der Fahrerei zur Arbeit, der wenige Schlaf, die hohe Stundenzahl, der innere Widerstand gegen die mir so wenig einsichtigen bürokratischen Anforderungen, der durch die Arbeit reduzierte Raum für Wellness und Freundeskreis, die vor sich hinschlummernden Freizeitaktivitäten, der Tagesablauf alá: Aufstehen, Arbeit gehen, heimfahren, bissl PC, bissl Arbeit, früh schlafen… alles irgendwie schief.

Ich muss drüber nachdenken.  

10.11.16

Novembererinnerungen

Meine Mutter. Wie muss das gewesen sein, 1956, als junge Frau mit einem Kind im Bauch, das unehelich auf die Welt kommen würde? War da Liebe? Gab es da überhaupt Raum für Freude? Wann hat sie es der Familie gesagt? War da ein Streicheln und Summen durch die Bauchdecke hindurch? Die Geburt? War sie da alleine? War da dann ein Willkommen, vor dem Verleugnen? Sie hat es mir nie erzählt. Ist diesen Fragen immer ausgewichen, bis zum Schluss. Es hat sehr lange gedauert, bis ich ihr sagen konnte: Ich bin gerne deine Tochter und ich danke dir dafür, dass du mich hast leben und überleben lassen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie es wirklich verstanden hat. Da war so viel elendig verwobene Scham und Schuld und Zorn in ihr. Einen Teil davon habe ich ihr wohl in den letzten Wochen ihres Lebens abgenommen. Das Gehen fiel ihr leichter. Ich habe es gerne und in Liebe getan. Verziehen? Schon so lange. Vergeben? Ja. 

08.11.16

Hallo Opa

Heute wäre dein Geburtstag und wie jedes Jahr an diesem Tag spukst du vermehrt durch meinen Kopf und mein Gemüt. Ich vermisse dich so sehr, auch wenn du oft der Quell meines Leidens und meines Zorn warst. Du warst ein solch elendiger Patriarch und hast deinen „Weiber“haushalt mit strenger Hand geführt. Nur mir gegenüber warst du immer freundlich zugewandt und so wurde ich das Mädchen mit der weißen Fahne im Haushalt und immer vorgeschickt, wenn deine Töchter etwas von dir wollten. Du warst derjenige, der mir Lesen und Schreiben beibrachte, denn als alter Gewerkschaftler warst du der festen Überzeugung, dass Bildung die Grundlage für jede Veränderung sei. Du hast Bücher über Bücher angeschleppt und mir damit so viele neue Welten eröffnet. Du hast mir vom Krieg erzählt und von der Nazidiktatur. Schonungslos in deiner bildgewaltigen Offenheit. Es war dir egal, dass ich da manchmal in meiner kindlichen Seele überfordert war und für und um dich und all die anderen Menschen nächtelang weinte. Du warst derjenige, der immer am Radio und dann später im Fernsehen Nachrichten hörte und sie mir geduldig erklärt hat. Du warst derjenige und einzige, der sich freute und verstand, als ich gegen jede Familientradition Abitur machte und studierte. Du warst derjenige, der meinen Mann willkommen hieß und ihm klar machte, dass dich persönlich Nationalitäten und Herkunft einen Scheiß interessierten, wenn da nur ein ganzer Kerl endlich seiner Enkelin, zu ihrer Sicherheit, ein paar Zügeln anlegen würde. Du warst derjenige, der meinen Sohn so sehr liebte und tatsächlich seinen Hintern bewegte und so oft bei uns war wegen ihm. Du warst derjenige, der mich immer ermutigte und erdete, wenn ich vor Zorn glühte wegen all der Ungerechtigkeiten in der Welt und der mich stärkte, als ich immer weiter und weiter in diese Welt hinausging und sie mir per trampen und Gelegenheitsjobs eroberte. Du warst derjenige, der immer ein Ohr für mich hatte und an dessen Tisch ich immer freundliches Verständnis und Speisen aus meiner Kindheit vorfand. Du warst allerdings auch derjenige, der meinen Vater vor mir verschwieg, meinen Bruder ablehnte und mich nach dem Tod deiner Frau in die graue Welt der Pflegeeltern schickte. Wir haben das später geklärt und nichts blieb ungesagt vor deinem Tod. Du fehlst mir so sehr und das tragende Bild heute in meinem Kopf ist die Fahrt zwischen unserem freien Schrebergarten und dem so weit entfernten Zuhause auf deinem kleinen Moped. Singend hieltst du mich kleinen Fratz dabei fest vor dir auf dem Sitz und zeigtest mir deine Stadt mit all ihren schönen und schauerlichen Geschichten. Ich habe so viel gelernt von dir, im Guten, wie im Schlechten und ich bin unendlich dankbar dafür, dass du mich eine Weile in meinem Leben begleitet hast. 
Du fehlst, verdammt, du fehlst.

07.11.16

Nix Neues

Als ich den Vater meiner Kinder heiratete (Iraner) verabschiedete sich die Hälfte meines Freundeskreises. "Ausländerschlampe" war noch eines der freundlicheren Argumente. Als meine kleine Tochter sich ein Sintimädchen zur besten Freundin auserkor, durfte ich mir in Elterngesprächen fürsorglichbedenkliche Warnungen über diesen "schlechten" Umgang anhören. Als mein kleiner Sohn in der Grundschule mit seinem besten Freund (Eritrea) Arm in Arm herumlief, musste ich zu einem Gespräch mit der Klassenlehrerin, die meinte, mich darauf hinweisen zu müssen, dass dies doch vielleicht erste Ansätze von Homosexualität sein könnten, denn man wisse ja so gar nix über die sexuellen Neigungen der Negerkinder. Nein, Leute, erzählt mir nix davon, dass dies alles neu sei und mit den aktuellen Zahlen von Flüchtlingen zu tun hätte. Hat es nicht. Hatte es nie. Da geht es um etwas ganz anderes und das schon, seit dem ich auf der Welt bin: Rassismus. In all seinen widerwärtigen Formen. Nix Neues in meinem Land, so gar nix Neues.

05.11.16

Verzicht! Ach, ja?

„Du sagst, Geld mache nicht glücklich. Du sagst, es käme im Leben auf ganz andere Dinge an. Du sagst, du hättest dich nun entschieden mit ganz wenig und gesund zu leben und es gehe dir gut damit. Du sagst all dies und noch viel mehr mit einem anklagenden Ton, so als wolle ich es nicht kapieren. Du sagst dies alles so vorwurfsvoll, als sei ich deppert und stünde auf der Leitung. Du, mein lieber Freund, übersiehst etwas ganz Wichtiges: Du hast dich entschieden! Du hast dich für einen anderen Lebensstandard entschieden, nicht für Armut. Denn du warst niemals wirklich arm und wirst es niemals sein. Du und deine Familie haben Geld und Firmen und Häuser. Du bist reich. Hast du auf all das verzichtet? Hast du deinen Reichtum verschenkt? Ne, du verzichtest nur auf einen bestimmten Konsum und wählst einen anderen. Ich kann nicht wählen, denn ich bin arm. Ich kann mich nicht entscheiden auf etwas zu verzichten, denn da ist nix, von dem ich mich lossagen könnte. Ich kann mich nicht für deinen neuen Lebensstandard entscheiden, denn dein neuer Lebensstil ist immer noch wohlhabender als mein tägliches Überleben. Also komm mir nicht mit so einem Scheiß, mein Lieber.“

Ich kann so manches beiläufig belehrende dahin Geblubberte nicht mehr hören. 

01.11.16

Anderes Blau

Heute zum Fäden ziehen in die Praxis. Knie tut jeden Tag weher. In der Praxis machen sie einen auf Drama und schicken mich sofort in die Klinik, weil Bein sei blau und dick geschwollen.

In der Klinik folgenden Dialog:

„Also wissen Sie, Frau Müller, wir in der Chirurgie verstehen unter blau ja ein ganz anders Blau. Ihr Bein ist nicht blau.  Und unter Schwellung, mein Gott, da sehen wir hier aber jeden Tag Schlimmeres. Ihr Bein ist nicht geschwollen.“

„Ähm. Ja. Okay, ich komme ja nicht von der Front, Es tut auf alle Fälle sauweh!“

„Das ist normal. Sind ja erst zwei Wochen her, dass die Schrauben entfernt wurden. Warum laufen Sie auch rum mit dem Bein?!“

„Ähm. Sie haben gesagt, ich sei voll mobil nach ein paar Tagen und ich soll voll belasten und rum laufen.“

„Aber doch nicht wenn es weh tut. Und was soll der alberne Krückstock? Nehmen Sie gefälligst die zwei Krücken und belasten Sie das Knie noch nicht. Legen Sie sich viel hin und schonen Sie das Knie!“

„Sie sagten bei der Entlassung, ich sei mobil!“

„Wenn wir Chirurgen Sie mobil entlassen, dann meinen wir, Sie müssen nicht im Rollstuhl sitzen!“

Ende vom Lied, sie schickte mich mit einer großen Packung Schmerzmittel und der Anweisung, dass Knie für die nächsten zwei Wochen zu schonen nach Hause. Wenn es allerdings dick würde oder blau, dann solle ich sofort wieder kommen.

Ich frage mich jetzt seit zwei Stunden, welches Blau genau und welchen Umfang der Schwellung sie wohl konkret meinen könnte. *grummel 

21.10.16

Schraube locker

Nun denn, gestern war KnieOP. Schrauben raus. Zimmer war gut, denn es gab eine große Nische mit Bett drin und das bekam ich. Wie schon bei den Vorbesprechungen festgestellt, hat dieses Krankenhaus eine sehr freundliche Atmosphäre und das gilt auch für die Chirurgische Station.  
Zum ersten Mal im Leben eine Spinalanästhesie gesetzt bekommen. Jesses, das ist wirklich ein Erlebnis, besonders nach der OP. Da kannst du keinen Muskel bewegen und der erste Toilettengang ist ein absolutes Highlight im Kontrollverlust. Dazu bekommt man vorher noch eine „LeckmichamArsch“ Tablette, die winzig klein ist, jedoch riesen Auswirkungen hat. So fragte ich irgendwann zwischendrin, ob man denn nun endlich mal mit der OP anfangen könnte und bekam zur Antwort, dass doch schon alles erledigt sei. Völlig irre.
Die Nacht war nervig, denn ich konnte nicht schlafen, da ich nicht wusste, wie ich mich hinlegen sollte. Irgendein Muskel oder Nerv in der linken Po Hälfte weigerte sich hartnäckig sich zu entkrampfen und tat verdammt weh. Hinzu kam, dass das Bett äußerst unbequem war, vom traurigen Rest eines, vor Jahrzehnten bestimmt dicken und  flauschigen, Kopfkissens ganz zu schweigen. Ab vier Uhr morgens ging gar nix mehr, Frühstück gab es aber erst kurz nach acht.
Alles in allem jedoch keine dramatische Erfahrung. Knie tut jetzt weh und muss noch ein paar Tage ruhen. Erst danach wird man sehen können, ob der Schmerz wirklich nur durch die überstehenden Schrauben verursacht wurde, oder doch noch das Knochenmarködem sein schmerzhaftes Unwesen treibt, dessen Behandlung ja durch den Bruch vor mehr als einem Jahr unterbrochen werden musste. Also, langsam Schritt für Schritt voran.

Der einzige wirklich negative Punkt: Treppensteigen wird wohl bis zu meinem Lebensende ein schwieriges Unterfangen bleiben. 

16.10.16

Verortung

„Frau Müller, wo verorten Sie sich literarisch!“

„Aha. Ja, ne. Ich bin mir Ort genug. Oder meinen Sie eher das mit dem „d“? Einordnen, unterordnen, schubladengerecht zuordnen, sich etwas verordnen lassen? Ne, danke. Mir langt die Zuordnung, ich schriebe bloß Kalendergeschichten und randständige Gebrauchsliteratur. Damit kann ich frisch und fröhlich quietsch fidel leben.

„So wird das aber nie was mit den Literaturpreisen!“

„Mit den was? Ähm, noch so ein Ding, um die Wände damit zu tapezieren? Ernsthaft, ich schreib für mich, für dich und dich und für dich da hinten auch. Ich schreib, weil ich was zu sagen habe und weil ich schreiben kann. Ich schreib für die Leute, die auch ne Menge zu sagen haben, aber leider nicht schreiben können oder wollen. Ich schreib für Menschen wie meine Mutter oder meinen Großvater, für die Frau von neben an, die ihre zwei Kinder mit Hartz IV durchbringen muss und für den Mann, der morgens erschöpft von der Nachtschicht kommt und dann zum notwendigen Zweitjob hetzt, weil das Studium der Tochter allein durch Bafög nicht zu finanzieren wäre. Ich schreib für all die, die mit all der Hochglanzliteratur nix anzufangen wissen, weil sie sich darin nicht wieder finden, weder als Protagonisten, noch als Adressaten. Und ich schreibe es in einer Sprache, die verständlich ist, auch wenn man nicht zum Bildungsbürgertum gehört.“

„Aber ist das dann noch Literatur, Frau Müller?“

„Oh, genau das meine ich. Sie haben einen anderen Literaturbegriff als ich. Das macht nix. Ist ja nix Schlimmes. Und ansteckend ist es auch nicht.“


15.10.16

Kniefall

So, das war es dann erstmal wieder für zwei Wochen mit der Arbeit. Die Treppe dort hat mein Knie geschafft. Ich könnt kotzen. Wobei es natürlich meine eigene Schuld ist, denn ich könnte ja endlich mal einsehen, dass bestimmte Dinge einfach nicht mehr so selbstverständlich gehen. Doch da ist dieser trotzig vertrotzte Teil in mir, der mit den Füssen stampfend schreit: Ich will es nicht akzeptieren und weil ich es nicht will, darf es auch nicht sein! Ach, Frau Müller, allereigentlich wissen Sie es doch besser, oder? Klar weiß ich es. Vierzig Stunden Job mit Büro im dritten Stock ohne Aufzug geht einfach nicht mehr. Punkt.
Nächste Woche Knieoperation. Wir werden sehen, was das mit mir macht. 

Energie


KleinMadame ist meine Quelle der Energie. Wenn ich ganz schrecklich schreckliche Laune habe und sie sich zu mir gesellt, mal lesend, mal plaudernd, mal neben mir spielend, dann geht es mir innerhalb von ein paar Minuten einfach nur gut. Sie ist ganz klar und immer im Jetzt. Ich bin dankbar dafür, dass ich sie seit ihrer Geburt begleiten darf. Sie gibt mir Kraft und hält mein Lachen am Leben. 

Und manchmal, ja manchmal, tut diese Liebe zu ihr richtig weh. Dann kommt die Angst um sie hoch, diese elendige Angst, dass ich sie hinaus gehen lassen muss in diese so kalte und hartherzige Welt. Ach, dann wein ich ein bisschen und weiß doch, dass Leben genauso ist: Sie wird ihre eigenen Erfahrungen machen müssen und sie wird auf ihre Art und Weise lernen, wie sie mit all dem Glück und all dem Schmerz umzugehen hat. Ich kann nur den Boden ihrer Wurzeln mit meiner Liebe düngen, so dass sie festen und sicheren Halt in den kommenden Stürmen ihres Lebens haben wird. Und dann schleicht sich schon wieder dieses Kichern in meine Gedanken, denn sie wird es gut machen, saugut, weil sie so ist, wie sie ist: Wunderbar. 

09.10.16

Wünsche

Wenn ich mir all die traurigen und einsamen Menschen anschaue, dann erinnere ich mich an diesen alten Text von mir und, ja, er gilt heute mehr denn je noch immer: 

Wie wünsch ich mir, du würdest dich erinnern.

Wie wünsch ich mir, du würdest dich erinnern an all die ungeweinten Tränen, die du in dich hinein gefressen hast. Weil da niemand war, der sie gerne genommen und bei sich aufbewahrt hätte wie einen wertvollen Schatz.

Wie wünsch ich mir, du würdest dich erinnern an all die kleinen Wunder, die dich umgaben und über die du mit niemandem sprechen konntest. Weil da niemand war, der sie voll Staunen mit dir teilen wollte.

Wie wünsch ich mir, du würdest dich erinnern an den Hunger, der in dir brannte und den du dann doch immer nur mit Ungesundem besänftigen konntest. Weil da niemand war, an dem du dich satt essen durftest.

Wie wünsch ich mir, du würdest dich erinnern an den Geruch von fremder Haut und den Geschmack von zärtlicher Berührung, die dir doch nur beiläufig und unabsichtlich für einen kurzen Moment zu genießen erlaubt waren. Weil da keine Aufmerksamkeit und keine Liebe um dich waren.

Wie wünsch ich mir, du würdest dich erinnern an all das Schöne und Wunderbare, das dir als Gabe mit auf den Weg gegeben wurde und das du verloren hast in all den Wirrungen deines Lebens. Weil da niemals jemand war, der dich eine Weile gebend begleitet hat.

Wie wünsch ich mir, dass du meine Hand nähmest, in der ich all deine ungeweinten Tränen auffangen würde.

Wie wünsch ich mir, dass wir unser Staunen über all die verrückten Dinge des Lebens teilten und unser gemeinsames Lachen neue Wunder gebären ließe.

08.10.16

Old men

Old men working. I love it!

working together

Verschnupft

Gestern war ich wegen allerlei Routineuntersuchungen in der Arztpraxis und ich schwörs, ich habe klar und deutlich gespürt, wie die in der Luft herum schwirrenden Viren im Wartezimmer in mich hinein gekrochen sind, so als hätte ich ein Schild an der Stirn: Noch alle Zimmer frei! Kam bei den Untersuchungen heraus, dass ich bis aufs Knie quietsch fiedel gesund sei, so liege ich seit der Nacht mit heftigem Schnupfen und Halsweh nun danieder *grummel  

Ach ja, meine naive Vorstellung, ich gehe einfach mal hin und man entferne, Schwupps. die Schrauben im Knie, war genau das: naiv. Nenene, da muss man erstmal zu einer Konsultation ins Krankenhaus und da bekommt man dann wieder einen Termin für den Akt der Schraubung. Jesses, was für ein Aufwand für so ein paar Schräubchen. Immerhin hat die Terminierung meine liebe Frau Doktor selbst in die Hand genommen und so habe ich nur ein paar Tage bis zur ersten Untersuchung im selbstgewählten besten Haus vor Ort.  Ansonsten hätte ich wohl noch Monate warten müssen. So hatte unterm Strich doch alles sein Gutes. *schnupfröchelhust 

19.09.16

Bäh!

Heute bin ich erschöpft und traurig. Menschen in meiner Umgebung werden krank und nicht richtig wieder gesund. Und ich fühle mich hilflos. ... Und der Kater musste jetzt auch noch zum Tierarzt. Ich mag diese Anhäufungen nicht. Sie machen mich dünnhäutig und unleidlich. Bäh! Ich mag mich dann selbst nicht leiden und werd ganz durcheinander und alles Elend der Welt brandet ungefiltert in mich rein. Ein widerlicher Zustand, so ganz grenzenlos, innen und außen.

10.09.16

Wörtersalat

Seit einigen Tagen fällt mir auf, dass ich Wörter denke, doch ganz andere tippe oder auch ausspreche. Zum Beispiel: Ich denke "vielleicht" und schreibe "manchmal", ich denke "auch" und schreibe "aus" ... und so weiter ... es häufelt sich. Muss ich mir Sorgen machen?

09.09.16

Arbeit Zwischenmeldung

Ich arbeite mich jetzt unter andrem seit vier Wochen in Verwaltungskram ein. Bürokratie und Ausführungsbestimmungen und Logikfallen hoch zehn. Ich schwöre es, ich bin hochmotiviert und habe eine wunderbare Anleiterin mit unendlich viel Geduld. (Danke. Danke. Danke!) Aber, diese inneren Widerstände, Sie toben, sie mauern, sie wecken die pubertierend widerspenstige Zicke in mir (huch, es gibt sie ja immer noch, ich dachte, sie hätte sich schon vor Jahrzehnten zur wohlverdienten Ruhe begeben) und verkleistern mir die Aufnahmekapazitäten mit der Dauerfrage: Wer hat all diesen Mist nur wofür erfunden? Das ist der schwärende Tod jedweder Kreativität und der absolute (Lebens)Zeitfresser *grummel

Nichtdestotrotz oder gerade deswegen: Der Job ist ein toller Job. Und die Menschen, die ich dort kennen lernen darf und die langsam anfangen mir zu vertrauen, sind einfach nur wunderbare Menschen mit ihren ganz einzigartigen Besonderheiten. Dankbar bin ich. Und das werden mir auch keine Listen und fünffach Ausfertigungen für unterschiedliche Adressaten, verschiedene Ordner und Dateien, deren Gliederungssysteme sich mir noch nicht in Gänze erschlossen haben, vermiesen können. Niemals. Punkt.  

Kommunizieren in Sozialen Medien

„Warum werfen Sie all die Nörgler/Kritiker nicht aus Ihren Netzwerken raus, Frau Müller?“

„Das wäre ja soooo langweilig dann. Und ich könnt nix mehr lernen.“

„Es wäre aber auch weniger anstrengend und manchmal weniger verletzend für Sie.“

„Ach Quatsch. Dann könnte ich das Netzwerken und den öffentlichen Diskurs ja ganz lassen. Der Sinn dessen ist es doch gerade anderen Meinungen zuzuhören, die eigenen zu überprüfen und zu reflektieren. Ich bin doch keine Maschine. Ich irre mich laufend, übersehe Dinge oder hänge in einer eingleisigen Fokussierung fest. Da hilft es mir ausgesprochen sehr, wenn man mich darauf hinweist, neue Gedanken und Perspektiven einbringt. Das ist doch der eigentliche Spaß daran. Dafür liebe ich die neuen Medien: Die eigenen, oft verquerten und/oder kurzsichtigen Ideen in den Raum werfen dürfen/können und dann die Anregungen aufgreifen, nachforschen, lesen, den eigenen Horizont erweitern. Ich lerne jeden Tag Neues. Dafür bin ich allen den Menschen, die meine Beiträge hier und dort und überhaupt kommentieren, sehr dankbar.“

„Das klingt so, als würden Sie Ihre Meinungen und Haltungen laufend verändern? Haben Sie da nix Festes, Beständiges.“

„Hihi, natürlich. Der Kern und die Grundhaltung sind felsenfest: Wohlwollen gegenüber allen Menschen. Menschen- und Kinderrechte als einbetonierte Leuchttürme, die als Wegweiser im Sturm der oft zu emotional oder ideologisch eingefärbten Diskussionen dienen. Humor als Hoffnungsträger und das kichernde Verzeihen der eigenen Unzulänglichkeiten. Klare Position, wenn es um Ausbeutung, Rassismus, Krieg, Gier und machtpolitische Gemeinheiten geht. Aber auch: Kommunikation verweigern, wenn sie mir angetragen wird, das ist nicht mein Ding. Ich kommuniziere mit jedem Menschen, auch wenn ich dabei meine Schmerzensgrenze oft erst zu spät spüre. Das gehört halt dazu. Sonst bräuchte ich ja gar nicht erst anfangen.“

„Manchmal schreiben Sie aber auch wirklich völlig deppertes Zeug.“

„Oh ja. Dann ist es einfach nur die Freude am unreflektierten Schreiben. Am Abfischen von kruden, spontanen Gedanken, die mir wunderschön, wenn auch etwas grenzdebil erscheinen. Da überwiegt dann die Freude am Klang und Rhythmus eben den Inhalt. Wahrhaftig sind sie allemal, zumindest für eine Millisekunde, da sie ja genauso in meinem Kopf rum schwirrten. Damit kann ich, ich gestehe es ganz unverblümt, sogar recht ausgezeichnet leben.“   

04.09.16

Bus

Neulich im überfüllten Bus:

„Möchten Sie sich setzen?“

„Nein, danke, ich stehe gerne. Die Balance zu halten, nach einem ganzen Tag am Schreibtisch, lockert die Gelenke.“

„Oh, ich dachte nur, ich biete es Ihnen an, nachdem ich sah, dass die jungen Leute es nicht taten.“

„Das ist lieb von Ihnen. Lassen Sie aber die jungen Leutchen nur sitzen. Das sind alles arme Hascherls. Haben meistens schon Rücken, Magengeschwüre, verkümmerte Gelenke und andere Zipperleins. Die sollen sich schonen. Die müssen ja noch ein paar Jährchen mehr als unsereins mit ihren gebrechlichen Körpern durch die Welt eiern. Da wollen wir sie doch nicht überfordern.“

Die Blicke der Jungs und Mädels waren süß.

02.09.16

Daheim

"Erst wenn man weg war, kann man das Daheim neu wahrnehmen."

Kenne ich. Das ehemalige "Daheim" in der Erinnerung stimmt oft nicht mit dem realen, wieder besuchten "Daheim" im Jetzt überein. Als ich nach Jahren wieder in der Wohnung von meinem Großvater war, da kam mir alles so klein und beengt vor. In der Erinnerung war da eine Weite und ich erkannte, dass es nicht nur meine veränderte Größe, sondern auch die Kalibrierung meiner Fantasie war, die die Größenverhältnisse verändert hatten. Als Kind erweiterte ich Räume in gefühlte Szenarien, füllte reale Welt mit meinen magischen Vorstellungen. Das kam mir zeitweise als Erwachsene abhanden. Jetzt, mit zunehmendem Alter, verändert es sich wieder. Der Blick wird kindlicher.

"Heim"kommen? Das Leben lehrte mich: Daheim bin ich in mir. Und da ich mich immer überall mit hinnehme, bin ich überall zuhause

27.08.16

Roter Faden

Die Geschichte mit dem Faden und dem Labyrinth hat mich als Kind sehr beeindruckt. In meiner kindlich verworrenen Vorstellung war er tiefrot, konnte einfach nur in diesem brennenden Rubinrot daher kommen. Als ich dann zum ersten Mal Tampons benutzte, verunsicherte mich deshalb die Farbe des Fädchens irgendwie sehr. Es versprach keine gesicherte Rückkehr. Ariadne verlor mein kindliches Vertrauen. Mein Körper erschien mir auf einmal wie eine verschachtelte Höhlenansammlung, mit ganz eigenen, mit mir nicht geteilten Gesetzen. Und so, mir heute völlig unverständlich, gebar sich aus blutroten Fäden, labyrinthischer Unaufgeklärtheit, körperlichem Höhlensystem und tobenden Hormonen in meinem Kopf die irrwitzige Idee, dass, wenn ich nicht aufpassen würde, das Ding bis in meine Kehle durchwandern könnte. Auch gemeinsam zelebrierte Untersuchungen, mit Spekulum und Spiegel bei psychedelischen Klängen im Frauenkreis, konnten diese innere Gewissheit nicht aufweichen. Bei jedem Schluckauf rannte ich voller Panik zur nächsten Toilette und fuschelte nach dem Falschfarbenfaden. Es dauert sehr lange, bis mein innerer Gewissheitenverwalter, der auch heute noch die größten Dämlichkeiten niemals kampflos hergeben würde, so langsam verstand, dass da kein Durchkommen war. So richtig geschlagen gab er sich aber erst bei der Geburt meines ersten Kindes: Ich konnte den Kleinen wirklich nicht rausrülpsen.   

26.08.16

Herzschmerz

„Mein Herz schmerzt.“

„Dann geh zum Kardiologen.“

„Und der rettet dann die Welt, beendet all das Elend, Leid, die Dummheit? Ist der Supermann?“

20.08.16

Verschleierungsgedöns

Mal Klartext von meiner Seite: Ich lehne das ganze Verschleierungsgedöns als vorgeschriebene Kleidervorschrift absolut ab. Und ich weiß, wovon ich spreche, denn ich war im Iran, als eine sichtbare Haarlocke locker auch ein Todesurteil bedeuten konnte. Ich lehne es ab, wenn Frauen dazu gezwungen werden den Mist zu tragen um der verquasten Ehrbarkeit des männlichen Teils der Familie Genüge zu tun. Ich lehne es ab, wenn das Tragen als Herrschafts-/Unterdrückungs-/Demütigungsinstrument eingesetzt wird, weil das kleine Männchen sich sonst vor der, nicht zu Unrecht vermuteten, ungezügelten Frauenpower vor Angst in die Hose kackt. Ich lehne es ab, wenn irgendwelche Religioden meinen ihre Selbstzweifel und  Minderwertigkeitskomplexe mit dem Schleiergebot verschleiern zu müssen. Aus diesen und noch einigen anderen Gründen lehne ich ein Verschleierungsgebot ab. Punkt.

Aber!, (ja ich kann auch in aber) die, die sich da jetzt aufplustern für die Gleichberechtigung und Freiheiten der Frauen, das sind doch genau diejenigen, die mich seit Jahrzehnten als Frau, mit ganz eigenen Vorstellungen über das Leben, nerven, diskriminieren und klein halten wollen. Die sich, seitdem ich denken kann, eifrig darum bemühen mir einzureden, wie sich eine richtige Frau oder Mutter zu verhalten, zu kleiden, zu pupsen hat. Das sind doch genau diejenigen, die sich immer wieder in ihrem Hass auf jedwedes AndersSein moralintriefend ereifern und alles kontrollieren und zu Tode regeln wollen. Die alles, was mir Lebensfreude, tiefe Befriedigung und Selbstverwirklichung verheißt, mit Regeln, Geboten, Gesetzen und Verordnungen in den Boden stampfen. Von denen, exakt von den laut geifernden, zumeist männlich selbstherrlichen Despoten, würde ich mir nicht mehr sagen lassen, was für mich richtig und was falsch sei, denn, unterm Strich kommen genau sie aus der gleichen Ursuppe wie die Verschleierungsfanatiker. Bäh. Pfui Deibel.

Wenn betroffene Mädchen und Frauen, und ja auch Männer, sich wehren gegen das Gebot der Verschleierung, dann hatten und haben sie meine volle und ganze Unterstützung. Mit ihnen diskutiere, streite, wachse ich. Wenn meine Schwester meint, sich verschleiern zu müssen, dann höre ich ihr gut zu und bringe mich mit meinen Argumenten ein. Aber, ich werde ihr nichts verbieten. Ich werde da sein und sie wieder und wieder in den Arm nehmen, sie gegen Übergriffe mit allem was ich bin und kann verteidigen und nicht nachlassen, mit ihr über das Tragen von Schleier und Dingens zu streiten. So, und nur so, fühlt es sich für mich richtig an. 

19.08.16

Arbeitswoche

Letzter Arbeitstag der ersten Woche. Subjektives Resümee: Nicht einfach nach zwei Jahren ausschließlich selbstbestimmtem Arbeitsrhythmus wieder in vorgegebenen Arbeitszeiten zu stecken. Mein kreativer Anteil sträubt sich doch sehr und zieht Schnütchen. Unterm Strich mag er es lieber eine klare Zielvereinbarung zu haben und unabhängig im eigenen Tempo in time die Ziellinie zu erreichen. Bin ich eindeutig produktiver. Mal sehen, ob ich da in den nächsten Wochen eine für alle Beteiligten zufriedenstellende Mischung hinbekomme. Das andere: Vorstrukturierter Arbeitsalltag benötigt andere Variablen/Möglichkeiten der „Freizeitgestaltung“. Das Leben auf dem Dorf ist da irgendwie ausgesprochen hinderlich. Wir werden sehen. 

15.08.16

Neuer Job

Aus dem Bett gefallen. Erster Arbeitstag heute in einem neuen Projekt. Aufregend. Aufgeregt. Werde vielleicht drei, vier Minuten zu spät kommen. Die Öffentlichen. Und Schulferien. Kein Schulbus. Ohne Auto biste wirklich verratzt auf dem Dorf. Vorfreude. Ja, es überwiegt die Freude und die Neugierde. 

12.08.16

Strümpfe

Es gibt so Geschichten, die sind soooo peinlich, weil ich ab und an einfach total verpeilt bin:

Kommt ein Päckchen, macht Frau Müller auf. Sind Stützstrümpfe drin. Ach, hab ich die bestellt? Kann mich gar nicht dran erinnern. Kommt vor. Das Alter? Warum sind die denn so groß? Da kann ich ja Bötchen drin fahren. Nun, zurück schicken. Oder ne, Herr Müller kann die bestimmt gut brauchen, jetzt nach den ganzen Operationen. Und dem lieben Mitbewohner was schenken, hach, das wärmt das Herz der Frau Müller. Noch ein schnuffeliges Zettelchen mit Küsschen dazu geschrieben und rüber auf den Schreibtisch gelegt.

Kommt Herr Müller nach der Arbeit ins Zimmer gerauscht:

„Ach, machen Sie jetzt auch schon meine Post auf?“

Ähm. Ne. Oder?

„Ich habe mir die Strümpfe gestern bestellt, die sind ja schnell angekommen.“

Oh, oh, oh, wo ist das Mauseloch? Natürlich steht da „Herr Müller“ auf dem Päckchen und Frau Müller sollte endlich kapieren, dass sie nicht die alleinige Paket Empfängerin im Hause ist. Und ab und an mal lesen und/oder ihren Kopf einschalten. (Warum sollte ich mir auch solche Strümpfe überhaupt bestellt haben? *andenkoppklatsch)

11.08.16

Erinnerungsdschungel

Was seltsame Streiche uns unsere Erinnerungen spielen bzw. wie hartnäckig sich ein, warum auch immer gebasteltes, Selbstbild über Jahrzehnte halten kann. Da lauf ich jahrzehntelang durch die Welt mit der Vorstellung, dass ich zu Mathe nie, nie einen besonders freundlichen Bezug gehabt hätte. Und heute kram ich auf dem Dachboden rum und finde eine Kiste mit all meinen alten Zeugnissen und guck auch noch rein: Bis zur zehnten Klasse wechseln sich im Rechnen Einser und Zweier ab. In der elften bis dreizehnten Klasse kommt in Mathe die Vier, aber in Buchhaltung und Wirtschaftsrechnen bleibt die Zwei. Was soll mir das denn nun sagen? Woher kommt bloß diese völlig falsche rückwirkende Umdeutung von mir? Welche Funktion hatte das einmal? Ich bin wirklich baff jetzt.

*Ergänzung Huch, in den naturkundlichen Fächern, die ich ja angeblich überhaupt nicht mochte und völlig blöd drin war (sagt mir meine Erinnerung), da stehen auch nur Einser und Zweier. ... Ich kapiere mich gerade nicht.

10.08.16

Alles neu

Neue Arbeit, neues Outfit. Neue Frisur. Macht Spaß!

Augenblicke
Wenn ich mich befreien kann
von den Sorgen und Nöten
einer ungewissen Zukunft
Wenn ich aufhöre denkend in allen
Eventualitäten des Kommenden zu kreiseln
Unwägbarkeiten nicht mehr in Stein meißle
Wenn ich Vergangenheit sein lasse
zweifelndes Misstrauen in Quarantäne schicke
mich ganz und gar dem Jetzigen zuwende
Dann schärfen sich alle Sinne und mein Herz
atmet Hoffnung im Sekundentakt
Für einen Augenblick 

09.08.16

Wespen und Wein

Unser Zierwein hat sich wohl aufgrund der tollen Mischung von Sonne und Regen in diesem Jahr explosionsartig vermehrt und massenhaft Scheinträubelchen produziert. Das ging wie ein Lauffeuer durch die Neuberger Wespenpopulation. Alle, alle sind jetzt bei uns im Garten. Ich habe so etwas noch nicht gesehen. Und die mögen es nicht, wenn man sich gemütlich zu ihnen setzt. Und gießen und spritzen können die schon gar nicht, da werden die richtig aggressiv. Alle Versuche, ihnen dieses Festmahl zu vergällen haben nichts gebracht. Und auf Friedensverhandlungen mit dem Ziel einer friedlichen Koexistenz lassen sie sich nicht ein. Unterhändler mit weißer Fahne wurden zuerst ignoriert und dann, beim zweiten Anlauf  quasi gekillt. Da wir den Garten aber auch mit kleinen Kindern nutzen wollen, habe ich heute damit angefangen, den Wein zu entfernen. Allerdings muss ich immer auf Regen warten, denn ansonsten stechen die mich. ...  Es tut mir im Herzen weh *snief. Aber, das ist mein Garten und den will ich auch nutzen *grummel 

02.08.16

Neue Aufgabe

War heute was? Ja. Bekam ich eine Anfrage, hatte ich ein Gespräch und heute einen Anruf. Arbeite ich ab Mitte August in einem neuen Projekt. "Unterstützte Beschäftigung". Für mich ein ganz neuer, wunderbarer Bereich. Fünf Menschen, die ich intensivst begleiten werde. ... ... ... ... Ich bin sechzig und ja, ich erlaube mir jetzt mal kurz stolz darauf zu sein, dass man mich da unbedingt dabei haben will. ... So, jetzt ist es aber auch wieder gut. ... Berge von Literatur, Papers, Berichte erwarten mich in den nächsten zwei Wochen. Und ich muss anfangen ein ganz neues Netzwerk im Raum Hanau aufzubauen. 

31.07.16

Langt

„Ein paar Gedanken zum Altern, Frau Müller.“
„Ich werde nicht mehr jung sterben. Immerhin. Das habe ich hinter mir.“
„Und?“
„Langt doch.“

28.07.16

Läuft

Vor einem Jahr. Mein Orthopäde sagt damals: "Das ist ein komplizierter Bruch. Rechnen Sie mal mit mindestens einem Jahr der Auskurierung, Frau Müller!" Ich dachte mir: "Der hat sie doch nich alle. Ein Jahr? Für so einen Pipifax? Nenene, das geht auch kürzer, wenn man nur will."

Hahaha.

Er hatte Recht, der olle Besserwisser. Ich gebe es ja zu. *grummel 

Nach einem Jahr jetzt habe ich ab und an mehrere Tage hinter einander ohne Schmerzen. Wenn es heiß wird oder das Wetter umschlägt, zwickt es im Knochen. Und die Schrauben müssen auch noch raus, weil sie mittlerweile überstehen. (Der Drang nach Freiheit macht nicht mal vor Schrauben halt). Und die eingeschränkte Mobilität über Monate hatte Auswirkungen. Auf Körper (Gewichtszunahme) und Seele (Stimmungsschwankungen, gepaart mit Selbst (be)(ver) zweifeln.

Allereigentlich geht es mit der Rückkehr in die Normalität des Arbeits- und ÜberhauptLebens erst seit einigen Wochen wieder richtig los.

Immerhin habe ich in diesem Jahr eine Menge gelernt, über mich, über Gemüts- und Motivationslagen von Rehabilitanden, über die Rehabilitationsmöglichkeiten und Nichtmöglichkeiten in unserem Lande. Da bin ich mittlerweile richtig fit drin und ein gutes Gegenüber für Ratsuchende. So hat alles einen Sinn. Meistens. Man muss ihn nur begrüßen und dann freundschaftlich mit ihm arbeiten. :-)

24.07.16

Nach den letzten irgendwie Sommertagen stelle ich hiermit fest, dass Temperaturen über 25° für mich nix mehr sind. Bricht mein ganzes Körpersystem zusammen und alles wird durcheinander. Fast so, als würden die einzelnen inneren Steuerungselemente plötzlich im Babelschenturm leben und nicht mehr miteinander kommunizieren können. Wenn ich könnt, würde ich ja sofort und gleich in den Norden ziehen. Schottland, Orkney Inseln oder so die Richtung. Nördliches Kanada oder ganz südliches Argentinien gingen auch grad noch. Irgendjemand von da, der/die mich ehelichen möchte? Auf die Erfüllung der sich daraus ergebenden Pflichten würd ich auch großzügig verzichten. 
Ernsthaft, das ist der erste Sommer in meinem Leben, der mich wirklich schafft. So ein Mist. 

21.07.16

Grenzsetzungen

Ich lernte ganz früh schon: Wenn jemand dich zum ersten Mal verletzt, demütigt, erniedrigt, dir weh tut, dich in irgendeiner Form belästigt, beleidigt, deine Grenzen überschreitet, und sei es von deinem Gefühl her auch noch so geringfügig, dann darfst du niemals zurückweichen, schweigen, schlucken, dich klein machen. Denn diese Verhaltensweisen werden von dem Gegenüber nur als Einladungen oder gar Erlaubnis verstanden, noch einen Schritt weiter gehen zu können, zu dürfen. Und noch einen und noch einen.

Grenzsetzungen müssen unmittelbar und eindeutig erfolgen. Glaub mir, dies benötigt nur sehr wenig Energie im Vergleich zu dem Aufwand, den du betreiben müsstest, um später aus diesem Schlamassel einer versäumten, rechtzeitigen Grenzsetzung heil wieder heraus kommen zu können.

Die Grenzen, die man von anderen nicht überschritten wissen will und die man für sich selbst in ganz unterschiedlichen Bereichen festlegt, sind die Holas in der eigenen inneren Seelenlandschaft. Sie geben Orientierung, Sicherheit, Schutz und Halt. Man sollte sie nicht leichtfertig, sei aus Bequemlichkeit, Ängstlichkeit, Harmoniestreben oder anderen seltsamen Gründen, aufgeben. Es macht deshalb ausgesprochen viel Sinn ab und an inne zu halten und sich der eigenen inneren Grenzsteine erneut oder gar endlich mal bewusst zu werden.

Kann man lernen und trainieren. Klar. Ich spreche aus Erfahrung. Mir hat es auf alle Fälle oft meinen Seelenfrieden und manchmal auch ganz banal den Arsch gerettet. Und doch muss auch ich es immer wieder aufs Neue üben.

(*Hola -> So nennt man in Frankfurt den Ort zum Ausruhen beim Fangenspielen.)

15.07.16

Bäh.

Wenn die Seele den Körper malträtiert und seine Bedürfnisbefriedigungen unterdrückt, dann kann dies unter Umständen lebensbedrohlich wirken.
War heute in der Kardiologie. Belastungs-EKG, Ultraschall, etc.. Mein Herz ist seltsamerweise in Ordnung, es gibt sogar eine Verbesserung, da die eine Herzklappe, die schon etwas verdickt war, wieder perfekt funktioniert. Nieren und Leber sind vom Herzen aus gesehen in Ordnung und gut versorgt. Keiner der Ärzte konnte mir sagen, woher das viele Wasser in den Beinen und im Gesicht ab und an kommt. Zwei Möglichkeiten, die noch untersucht werden müssen: Schilddrüse (das würde erklären, warum ich trotz wenig essen auch nicht abnehme) und von den Allergien und Unverträglichkeiten. Mein IGE lag heute bei 3600! (für Allergien gilt eigentlich etwas höher als hundert.) Viel, viel mehr Bewegung und viel, viel abnehmen und ich werde hundert (meinte Herr Professor, Professor, Dr.Dr. irgendwas) Ich denke, letztendlich ist es mein Kopf.
Der Raum für meine verquerte Ausflüchte und Entschuldigungen wird eng, sehr eng.

14.07.16

Trampen

Als ich jung war, also so vor um die paarundvierzig Jahre, da bin ich durch ganz Europa getrampt. Meistens alleine, manchmal habe ich mich für ein paar Wochen einer Gruppe junger Leute angeschlossen. Überall wurde ich freundlich aufgenommen und mit Respekt behandelt. Ich glaub, ich war ein niedlich naives strahlendes Wesen, völlig unbekümmert und zutraulich. Wenn mein Geld all war, habe ich mal in einem Geschäft, auf einer Plantage oder in der Weinlese gearbeitet. Für Überfahrten habe ich auf den Schiffen die Klos geputzt. Vielleicht war es einfach nur Glück, aber ich habe mich immer beschützt gefühlt. Und nein, es waren nicht nur die „armen“ Leute, die das Wenige mit mir teilten. Sozialromantik lag mir schon damals nicht. Es waren halt einfach Leute, aus ganz unterschiedlichen Herkünften, die grundsätzlich freundlich zu mir waren. Ich habe eine Menge gelernt in diesen Zeiten. Das Wichtigste war: Ländergrenzen waren total irrelevant, denn die Geschichten, die ich in Portugal, Griechenland, Türkei, England, Italien hörte (ja, irgendwie schien ich schon damals die Leute einzuladen, mir ihre Geschichten zu schenken) ähnelten sich: Es ging um Freundschaft, Familie, Kinder, Arbeit, Glück, Ungerechtigkeiten, Liebe und den Tod. Ich lernte: Wir sind ganz unterschiedlich und doch so gleich in unseren Träumen, Sorgen, Wünschen, Ängsten und dem Glück. Und wir lieben alle Musik und wir lachen und wir weinen bei den gleichen Stücken. Unser Schmerz gleicht sich und unsere Freude auch. Ja, ich denke, diese Erfahrungen haben mich auch geprägt.  

Garwall

Alte Bilder sortierend und ebensolche Texte durchgehend stelle ich fest: Welch verrückte Lebenswege habe ich immer wieder eingeschlagen. Neugierig, den Gefühlen und Dingen in mir auf den Grund gehend. Von 2003 bis 2012 war ich tief drin in der BDSM Szene. Ohne Wenn und Aber. Begonnen hatte alles mit dem folgenden Text: Garwall wurde geboren. Mein Alter Ego in diesem Lebensabschnitt. Es war eine Wanderung auf hauchdünnem Seil. Möchte ich diese Zeit und diese Erfahungen missen? Nein, ganz bestimmt nicht. Würde ich es noch einmal so leben wollen? Nein, ganz bestimmt nicht. Liebe ich dieses Weib, dass sich Garwall nannte? Ja, sehr.  Gibt es sie noch in mir? Nein, sie hat sich wohlig und liebevoll in mir aufgelöst. 

Garwall erwacht (2003)                                                                                
 Ich stehe am Rande des Abgrundes. Tief unter mir schlängelt sich der Fluss. Er ist wunderschön, mit tiefen, dunklen Stellen und seichten Gestaden. Einladend und abweisend, verschlungen und geheimnisvoll, voller Bewegung. An die tiefsten Stellen werde ich mich diesmal begeben, voll Angst und Vertrauen.
   Langsam steige ich nach unten. Niemals mit Hast, aufmerksam jeden Schritt im Hier und Jetzt empfindend. Musik hilft, manchmal laut und aggressiv, manchmal sanft und einschmeichelnd. Oben ist es hell, die Farben lichtdurchflutet und glitzernd. Beim Abstieg verändert sich das Licht. Die Farben werden dunkler, wärmer, bedrohlich und einladend. Die Gerüche werden intensiver, die Geräusche wohlklingender: Basstöne, der Geruch nach nasser, dunkler Erde, grün, braun, schwarz.
   Ich lasse mich fallen, koste die Eindrücke mit meinem ganzen Körper, umfasse die Luft, die Bäume, wühle in der Erde und verändere mich, passe mich an. Die Hülle fällt. Muskeln breiten sich aus, verdrängen Äußerlichkeiten. Masse verwandelt sich in Knochensubstanz und fließt stärkend und aufrichtend in die Wirbelsäule. Brüste festigen sich und geben großzügig Überschüssiges an andere Organe ab. Die Lunge wird weiter und durchlässiger, das Becken schiebt sich nach vorne. Sinnlichkeit macht sich breit und mit ihr kommt Stärke und das Lachen. Ich bin wieder bei mir und begrüße mich mit glucksenden Tönen. Ein Schrei, laut und fordernd bannt sich seinen Weg durch die Räume meines Körpers: „Ayah! Ich bin das Leben und ich bin der Tod; Samen und Fäulnis. Ich bin Kind, Frau, Mutter und Greisin. Ich bin die Liebe und der Hass. Ich bin Eine und Alle und Nichts. Ich bin das Fehlende und ich bin das Ganze. Ich bin ich und doch nur das Du – und dieses biete ich zum Geschenk.“
   Ein Hauch von Bewegung, rechts unter mir, kaum wahrnehmbar, sich entfernend, einladend. Ich folge. Der Fluss scheint hier dunkel und ruhig. Alte Weiden begrenzen den Lauf, Wassermücken und Libellen kreisen. Unzählige Pflanzen drängen sich enger zusammen, bilden eine Mauer und erzwingen unerbittlich die Überquerung des Wassers über einen morschen Baumstamm. Er trägt die ungewohnte Last leicht schwankend mit Geduld und Festigkeit. Gelbe Blüten begrüßen mich mit einem irritierenden Duft.
   Meine Lider verengen sich, Anspannung breitet sich aus. Ich kenne diesen Geruch: Gitterstäbe, ein Kinderbett? Wieso ein Kinderbett? So früh? Zu früh! Die Kleine träumt. Sie berührt sich. Fühlt Stärke und Erregung. Die Berührungen ihrer Finger werden intensiver, schneller und die Bilder unschärfer. Feuerblumen in Körperöffnungen, verschwommene Nacktheit, Ausgeliefertsein, Dominanz. Heiße Wellen breiten sich in ihrem Körper aus: dies ist ihr Geheimnis, unteilbar und nicht entreißbar, nur ihr zugehörig. Sie entspannt sich, schläft ein, steht auf und geht zur Toilette. Lautes Geschrei: „Warum hast du schon wieder ins Bett gepisst?“ Schläge. Und der Geruch der gelben Blumen, Löwenzahn, Pissblume.
   Sie steht vor dem geschlossenen dreiteiligen Spiegel der Kommode im Schlafzimmer der Eltern. In der Erwartung ihres sich unendlich wiederholenden Bildes, öffnet sie die Flügel und sieht: ein grausames, dreieckiges Gesicht, spitze Ohren und Zähne, hervorquellende Augen. Sünde und Aussatz pur und die absolute Gewissheit: Das bin ich. Der Schrecken wird tief vergraben, der Spiegel nie wieder geöffnet. Widder und Löwin verlassen die Bühne. Die Wölfin vergräbt sich tief in den Falten ihres Körpers. Einsamkeit. Die Ausbildung zur angepassten Frau beginnt.
   Ich sinke in den Duft des gelben Blütenmeeres. Ertrinkend im Tränenstrom liegt die Kleine zärtlich umfasst auf meinen Schoß. Liebe webt ein zartes Netz und fügt den Splitter ein. So viele Teile verborgen, verloren. Nach einer Weile durchbricht ein Geruch den Schleier der Traurigkeit: Er ist hier, wie immer. Wartend.
   Mich aus der Vergangenheit lösend, erhebe ich mich und strecke die Arme in die Höhe. Die ankommende Nacht schickt lockende Rufe aus. Ein Feuer erfasst meinen Leib, ausgehend von den Fußspitzen überrollt es mich, breitet sich in den Lenden aus, dringt in jede Körperöffnung ein. Weiße Flammen umspielen meine Brust, der Puls passt sich dem Rhythmus der Dunkelheit an. Schneller, heißer, schneller  ...  die Wölfin erwacht. Vierzig Jahre gefangen, gedemütigt, verleugnet, betrogen um ihre Kraft und Lust, gefangen in dem Moder von Konventionen und  uneingelösten männlichen Versprechungen streckt sie sich jetzt dem Wind entgegen. Sie spannt ihre Muskeln und schleudert ihre Wut mit einem lauten Schrei den dunklen Bäumen entgegen.
   Dann läuft sie. Rennt entlang der Bahnen ihrer Lust, spürt ihren Körper, ihre Schönheit, ihre Macht. Er folgt ihr. Läuft parallel mit ihr, schneidet ihr den Weg ab, springt sie an. Wütend setzt sie sich zur Wehr. Der Geruch von Blut tränkt die Luft. Sie hält inne. Schäumend steht er ihr gegenüber, seine Flanken zitternd: „Warum wehrst du dich? Warum gibst du dich mir nicht hin? Ich fühle deine Sehnsucht und deine begehrende Liebe.“ Fordernd tritt er ihr entgegen.
   Sie weicht nicht: „Nein! Deine Gier ist eine Lüge. Du spielst, ohne Ziel, ohne Gefühl. Dein Feuer ist kalt und berührt nicht den Grund. Du bist gefangen in deinen Ängsten, deinen Vorurteilen und in deiner männlichen Vergangenheit. Du stülpst mir dein Bild von Weiblichkeit, Lust und Liebe über und die von dir hergestellte Nähe entfernt dich immer weiter von mir. Meine Liebe zu dir ist kein Spiel, meine Sehnsucht nicht für Minuten tauglich. Ich begehre dich, wider alle Regeln. Meine Hingabe ist von einer Ausschließlichkeit, die du bisher nicht ertragen konntest. Du sehnst dich nach ihr und doch verhinderst du sie mit all deiner Kraft, deiner verwirrten maskulinen Intelligenz und deinem Festhalten an einer von der Gesellschaft normierten Freiheit, die dich einsperrt in ihre Zwänge und Normen. Sieh mich endlich an!“
   Er senkt nachdenklich den Blick: „Lehre mich diese Form der Liebe!“ Traurig schaut sie ihn an. Zärtlich schmiegt sie sich an seine Flanke, fährt ihm sachte über das Gesicht: „Ich werde es dich lehren. Wenn dein Vertrauen zu mir größer ist als die Angst vor dem Verlust deiner sorgfältig gepflegten Schablonen über die gängigen Formen der Liebe. Ich werde da sein, durch die Nacht rennend und meine Lust mit dir teilend, wenn du mich endlich erkennst über all die Zeiten und den Raum, als Teil von dir, zugehörig, verbunden, untrennbar.“
   Sie stürmt den Hügel hinauf. Sie schaut sich nicht um, Tränen laufen über ihr Fell und erlöschen die weißen Flammen und ich finde mich oberhalb des Flusses wieder. Die Schwere meines Körpers umgibt mich. Langsam erhebe ich mich. Ich werde wieder kommen, jagend, bittend, wartend und hinabsteigend zu dem braunen Grund des Tales. Er wird da sein, und vielleicht eines Tages meine Art der Liebe annehmen können.
 Bis dahin spiele ich das Spiel, unterbrochen von meiner regelmäßig wiederkehrenden grenzenlosen Wut und dem nur mühsam in kreative Bahnen zu lenkenden Zorn und ...mit diesem hellen, lauten und befreiendem Lachen in mir.

13.07.16

Drama schieben

Wenn das Leben Kapriolen schlägt und ich mich dadurch erschlagen fühle. Wenn es mir das Herz zerreißt, der Bauch in Zuckungen verkrampft und der Verstand eine Auszeit nimmt, weil er eh kein Land mehr sieht und nur noch am SichSelbstZerfleischen ist, dann ja dann, schmeiß ich mich rein in diesen Schmerz und reiß die Türen auf für all die sonst verdrängten, verhassten, verwirrenden Gefühle. Ein kochend heißes Bad in grenzenlosem Selbstmitleid, Weltenschmerz, Jammern, Schuldzuweisungen, Unsäglichkeiten. Lamento pur. Rotz und Wasser kotzend ertrinke ich zusammen gerollt kreischend in mir. Der Tod tanzt ein verführerisches Tänzchen und reicht mir anzüglich lächelnd, den einen Ausweg versprechend, die Hand.
Es ist dieser Moment, immer wieder, dieser Moment auf Messers Schneide, wenn dies die ultimativ einzige Lösung scheint, dem inneren und äußeren Grauen zu entfliehen, in dem ein Teil von mir erwacht, den ich hier ja nun gar nicht vermutet hätte. Aus all dem klebrig dunklen Morast kichert mir so unverschämt ein Stimmchen entgegen, das mich durch diese, der Situation keineswegs angemessenen, Tonlage zwingt kurz innezuhalten. Und schon hat es mich, verdammt, flüstert derart lachend vor sich hin, dass ich mich konzentrieren muss:
„Na denn, wenn es so ist, dann ist es doch eh egal. Oder? Auf die paar Minuten kommt es jetzt doch auch nicht an. Er wird schon noch warten können, der olle Trickser. Irgendwann bekommt er schon sein Tänzchen mit dir. Geht kein Weg dran vorbei. Aber jetzt, hier, da könnten wir es uns doch leisten einfach mal ganz und gar ehrlich miteinander zu sein. Oder? Wenn es dir eh egal ist, das mit dem Leben und so, dann will ich dich nackt und bloß sehen. Keine Spielereien mehr, keine Masken, kein BravSein, kein JaAber, kein ich WürdeKönnteSollteMüsste Rumgehampel mehr. Zeig dich. Schamlos. Ohne Blenderei. Schau dich an. Jetzt!“
Beim ersten zaghaften Blick in meine verquollenen Augen, auf den sabbernden Mund und die knallrote Nase huscht der Verstand mit einem arroganten „Na, Dramaqueen“ wieder ins Zimmer und stolpert über mein gefauchtes „Halt nur die Klappe!“ Dieses Bild bringt mich zum Lachen. Immer wieder. Dann beginnt das Aufräumen und Zusammensetzen meines zerfetzten Selbst.

Kein Spaziergang. Niemals. Es nutzt auch nichts, dass man den Ablauf hinterher wieder erkennt. Es ist jedes Mal aufs Neue neu und unbekannt. Schmerzhaft, auslaugend, qualvoll … reinigend, aufbauend.

Ja, ich begleite Menschen auch auf so einem Weg. Weil ich keine Angst vor ihm habe, weil ich ihn kenne. Ich bin da und bring mein Lachen mit. Wir verlaufen uns nicht. Versprochen.

09.07.16

Herr Tod

"Ich denke, die größte Angst vor dem Tod kommt daher, dass Menschen das Gefühl haben, sie hätten nie wirklich gelebt. Sie haben Angst zu sterben, weil ihre Leben unfertig sind."

Ich kann mir nicht wirklich vorstellen wie das ist. Nein, nicht das Sterben, sondern dieses Gefühl nicht richtig gelebt zu haben. Meine Mutter, sie starb in genau dem Alter in dem ich mich jetzt befinde, hatte dieses Gefühl wohl. Das waren so viel Traurigkeit, so viel Zorn auf all die Ungerechtigkeiten und falschen Entscheidungen in ihrem Leben und so viel  Angst vor dem Gehen müssen. Ich glaube, wir haben das letzte halbe Jahr damit verbracht ihr Leben zu sortieren und das einmalig Wunderbare in jedem Lebensabschnitt heraus zu arbeiten. Ja, am Schluss waren da mehr Gelassenheit und weniger Zorn. Aber, so richtig bereit zum Gehen war sie nicht.

Wenn ich an meinen Tod denke, dann habe ich das mir sehr früh geschenkte Bild von Castanedas Don Juan im Kopf, dass dir der Tod ein Leben lang über die Schulter guckt. Manchmal grüß ich ihn, manchmal halte ich Zwiesprache mit ihm und sehr oft halte ich inne und ziehe Resümee über mein bisheriges Leben und stelle mir vor, wie es sein würde, wenn er mich jetzt auffordern würde mit ihm zu gehen. Meistens würde ich ihm unbeschwert folgen können. An den Tagen, wo es nicht so ist, schaue ich mir genau an, woran es liegen könnte, was ich nicht loslassen will in diesem Moment und versuche es zu entwurschteln.

Und so komisch es sich anhören mag, grundsätzlich überwiegt doch die Neugierde meine Traurigkeit. Sterben und der Tod sind für mich das letzte Abenteuer, das ich nicht gedanklich vorwegnehmen, nicht vorfühlen und nicht durch innere Bilder und Filme vorab banalisieren kann. Ich kann es nur erleben, indem ich es irgendwann real leben werde. Den Tod (er)leben - was für ein irres Sprachgebilde.

02.07.16

Glasperlen

Als Pubertierende begleitete er mich durch lange sehnsuchtsvoll durchwachte Nächte und noch heute ist die Lektüre seiner Texte wie Salbei für meine Seele. Seine Sprache berührt mich immer noch und immer wieder. Ich kann gut ausruhen bei ihm.
Heute hätte er Geburtstag und so lasse ich zu seinem Gedenken die Glasperlen der Erinnerungen sanft durch meine Finger gleiten.

Mit ihm hätte ich mich gerne unterhalten. 

27.06.16

Ausgeglichen

Betriebsblindheit im eigenen seelischen Haus. Immer wieder eine irre Erfahrung. Das nächste Mal räum ich lieber wieder im Haus um, anstatt an die Haare zu gehen. Ging ja gar nicht. Die Nacht rumgetigert und dann festgestellt, dass Pumuckelrot einfach nicht zum Inneren gerade passt.
Also um sieben vor dem Supermarkt gestanden - Pauli hat sich ausgesprochen sehr gefreut über die andere Gassigehroute - und wieder dunkel eingefärbt. Ach und guck, auf einmal war alles klar und überhaupt nicht mehr kompliziert.
Manchmal könnt ich glatt an mir verzweifeln.
Warum macht man sich mit sechzig Jahren immer noch so nen Stress? *grummel
Hahaha, weil Leben nun mal so ist. Man, lieb ich dieses Weib im Spiegel.

26.06.16

Unausgeglichen

"Frau Müller, was machen Sie eigentlich schon den ganzen Tag?"
"Ich färbe an meinen Haaren rum."
"Oh, ist es mal wieder so weit, dass Entscheidungen anstehen und Sie nicht mit deren Findung vorankommen?"
"Gefunden hab ich schon. Ich mag das Gefundene nur nicht und versuch es wieder zu verlieren."
"Nun, das funktioniert so nicht. Wissen Sie ja auch."
"Eben. Drum färb ich halt rum."

17.06.16

Ein starker Bund

Inneres Kind und altes Weib,
sie teilen sich mit und miteinander
die Tränen und das Lachen,
ihre ungestillte Sehnsucht nach
Fürsorge und bedingungsloser Liebe.
Sie geben sich Geborgenheit,
passen aufeinander auf.
Schaffen Räume zum Tanzen,
Spielen und zornigem Sein.
Das Kind lehrt die alte Frau
den spielerischen  Zugang zum Leben.
Sie lehrt dem Kind, dass es wütend sein darf
ob all dem Gemetzel an seiner kleinen Seele.

Gemeinsam sind sie stark und federleicht zugleich. 




05.06.16

Blitzlicht

Mein Verstand und mein Körper sagen mir, dass ich es einfach nicht mehr schaffen werde eine vierzig Stunden Job mit langer Anfahrt mit den Öffentlichen durchzustehen. Doch da ist so ein Teil in mir, den ich nicht benennen kann, der wehrt sich mit Händen und Füssen gegen dieses Wissen und dreht völlig am Rad. Somit befinde ich mich in einem Zustand der NichtEntscheidungsFindung. Das ist so verdammt anstrengend. Aus Sicht der Vernunft war die Entscheidung, den Rat der REHA-Klinik zur Erwerbsunfähigkeit nicht anzunehmen, falsch. Aus Sicht des Akzeptierungsprozesses war es richtig, sich nicht da hinein drängen zu lassen. Denn so empfand ich es vor einem Jahr. Der Prozess ist jedoch noch im Lauf und eine Akzeptierung steht noch aus. Der Boden des Loches ist noch nicht erreicht und ich kann mich noch nicht nach oben kämpfen.

Gleichzeitig vermischen sich, irrationale?, Zukunftsängste mit Flashbacks aus der Vergangenheit zu einem undurchdringlichen Brei. Gefühlswellen schwappen über mich und ich bin so erschöpft durch die Versuche sie simultan richtig zuzuordnen, dass ich mittlerweile aufgegeben habe. Ich lasse mich einfach überrollen.

Alles ein derart völliges Chaos in mir. Halten wir das einfach hier mal fest. Es kann nur besser werden.

Lockende Stille

Es fällt mir mit zunehmendem Alter schwerer, die Dinge beim Namen zu nennen. Nicht, weil ich ihre Namen nicht wüsste, sondern weil ich sie schon so oft wiederholt habe. Die Quelle in mir, die mich all die vergangenen Jahrzehnte ermutigt hat, wieder und wieder geduldig die gleichen Sachverhalte aufzuzeigen, zu erklären, zu deuten, gluckert an manchen Tagen nur noch rinnsälig vor sich hin. Es kostet mich heute mehr Kraft als früher den zukunftstragenden Sinn hinter meinem Engagement zu erkennen und ihn als Motivationsbeschleuniger anzuzapfen. Es ermüdet, wenn man sieht, wie mühsam Entwicklung bei den Menschen läuft, wie träge Erkenntnis sich verbreitet und welchen depperten Abzweigungen und welchen erbärmlichen Rückschritten sich Menschlichkeit tänzelnd weltweit hingibt.

Auf der anderen Seite beschimpfe ich mich dann des Öfteren als anmaßend, lernte ich doch, dass man eigene Erfahrungen nicht eins zu eins an die Nachkommenden weiter geben kann, sondern jeder Mensch seine eigenen machen und selbstständige Schlüsse daraus ziehen können muss. Und dann schreibe und rede ich wieder in der Hoffnung, hilfreich kleine Puzzleteile zum eigenständigen Denken an die Hand geben zu können.

Jedoch ermüde ich schneller und lasse mich fallen in eine Stille in mir, die ich als wohltuend und schützend empfinde. Nur das Lächeln meiner kleinen Enkelin durchbricht diese Stille dann. Sie, mit ihren klugen fragenden Augen. Dann weiß ich sofort, warum ich die Namen der Dinge auch noch hunderttausend Mal wiederholen werde.

31.05.16

Erinnerungen

Die alten Fotoalben lockten. Manches hatte ich ganz vergessen. 

Man wurde schnell selbstständig und hörte und sah genau zu, was die Erwachsenen so trieben. Ich denke, ich war ein aufgewecktes Kind mit Hang zum Lesen, Lernen, Diskutieren.

Das Kinderleben spielte sich tagsüber auf der Straße ab. Ich glaube, wir hatten immer irgendeinen Säugling oder ein Kleinkind dabei. Das war so selbstverständlich. Die Wohnungen waren viel zu klein zum drinnen Spielen. Wenn es kalt war oder regnete, dann waren die Kellergänge oder die Waschküche unser Revier. Wir kannten die Essenszeiten. Ansonsten haben sich die Frauen kaum in unser Leben/Spiel eingemischt. Erst am späten Nachmittag, wenn die Männer nach Hause kamen, dann saßen alle oft zusammen im Hinterhof.

Die Familie war sehr arm, da nur der Großvater Geld nach Hause brachte. Kleidung wurde repariert und getragen bis es wirklich nicht mehr ging. Zwei Paar Schuhe: Für den Alltag die robusten und für die Sonn- und Feiertage die Lackschuhe,. War alles prima, mir fehlte nix.
Weihnachten gab es immer die Puppenstube, die mein Großvater jedes Jahr mit Kleinigkeiten erneuerte: Neue Tapeten, eine neue Lampe, neues Sofa, neue Gardinen oder so. Mit dem Abbau des Baumes kam auch die Puppenstube bis zum nächsten Jahr wieder auf den Dachboden.