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15.07.18

Zu einfach


Was mich traurig macht: Menschen aus meiner Generation, die ich lange Jahre, gar Jahrzehnte als freundlich, klug, belesen und liebenswert empfand, rutschen immer öfters in die rechtsradikale Ecke. Was ist das? Ein Aufgeben? Ein sich ergeben in die scheinbare Leichtigkeit eindimensionaler Welterklärungen? Erschöpfung? Mir waren, wenn schon denn schon, die lieber, die aus ebensolchen Gründen im Alter anfingen in die Kirche zu gehen und Gutes an ihren Mitmenschen zu tun.
Habe ich mich geirrt in diesen Menschen? Nein. Ich hatte wohl nur nicht im Blick, wie verführerisch, bei mangelnder Resilienz, die einfachen Erklärungsmodelle nach einem erschöpfenden Leben sein können. Akzeptieren kann ich es aber nicht und mein Wohlwollen erreicht hier seine Grenzen.

09.07.18

Klassenbewusstsein?


Als junges Mädchen fragte ich meinen Großvater, was denn Klassenbewusstsein sei. Er meinte darauf, dass sei das Wissen, woher man käme, für wen man lerne und kämpfe und wem man diene. Das mit dem Dienen verstand ich ja nun gar nicht. Er versuchte es mir zu erklären: Schau, wenn du später entgegen aller Widrigkeiten als eine der wenigen Frauen aus deiner Klasse an die Uni kommen wirst, dann darfst du deine Wurzeln nie vergessen. Deine Aufgabe wird es sein, all dein Wissen an diejenigen weiter zu geben, die nicht das Glück, den Mut und die Ausdauer zum Lernen hatten wie du. Bleib bei ihnen, teil dein Wissen, lerne und lehre mit ihnen. Welchen Sinn sollte dein Studium denn sonst haben? Damit du reich wirst? In tollen Kleidern rum läufst und in schicken Häusern wohnen kannst? Das ist Dummzeugs, Kind. Du gehörst niemals zu denen, du gehörst zu den Deinen. Und das werden sie dich spüren lassen. Sowohl jene als auch diese.

Also, das mit dem Dienen finde ich auch heute noch sehr pathetisch formuliert. Aber trotzdem prägte dieses Gespräch grundlegend meine Haltung zur Welt und zu den Menschen. Vieles von diesem Ansatz fand ich später real gelebt in den Casa di Cultura in Italien, in den Anfängen der Frauenbewegungen in den 70ern, in den Stadtteilgruppen, den regionalen Netzwerken der Bürgerbewegungen. Ich fand es nicht bei den Grünen und auch nicht bei den anderen Parteien.

Geblieben ist mir über all die Jahrzehnte das Bedürfnis und die Freude daran, die Komplexität der inneren und äußeren Welt gerade den Menschen näher zu bringen, die aufgrund ihrer Lebensumstände von der lebenslangen Teilhabe an Bildungsprozessen abgeschnitten scheinen. Ein Austausch von Wissen, von dem beide Seiten profitiert hatten und haben. Es erdet mich immer wieder und macht mich wohlig. In diesem Sinne ist für mich Klassenbewusstsein ein Teil von Heimat: Das Gefühl, hier gehöre ich hin.

25.06.18

„Sie predigen Wasser und trinken Wein.“


Hochgepriesen ist er,
Fromme Bücher liest er,
Hinaus in's Freie geht er,
Doch nichts von Gott versteht er,
Als Heuchler stets gefällt er,
Ehr' und Titel hält er,
Geheimen Luxus führt er.
Manch' sanftes Herz verführt er,
Von Gottes Gnaden spricht er,
Die höchsten Schwüre bricht er.
Wo er geht, da schleicht er.
Den frommen Schein bewacht er,
Das dumme Volk verlacht er.

Heinrich Martin (1818 - 1872)
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Als Bastardkind (unehelich) in den 50er Jahren bei den Großeltern aufwachsend, lernte ich quasi vom ersten Tag an alles, was man über die scheinheilige Doppelmoral so mancher Politiker und die Bigotterie der Pfaffen lernen konnte. Mein Opa nahm kein Blatt vor den Mund, nur weil da auf einmal ein Kind anwesend war. Er wusste sehr genau, welche sittenstrengen Kirchgänger und Prediger sich in welchen Puffs vergnügten und welche Kommunalpolitiker mit wem für welchen Preis das „Eine-Hand-wäscht-die-andere“ Spiel spielten. Und von fast allen kannte er ihre Verstrickungen mit den Nazis in den Jahren davor. Als kleines Dingelchen saß ich meistens zu seinen Füßen, spielte vor mich hin und hörte doch zu. Als ich älter war, fing ich an nachzufragen, und habe bis heute nicht mehr damit aufgehört. An der verlogenen, moralinen Doppelmoral so mancher Honoratioren auf dieser Erde hat sich übrigens bis dato nichts verändert.

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Doppelmoral · Bigotterie · Doppelzüngigkeit · Heuchelei · Scheinheiligkeit · Unaufrichtigkeit · Verlogenheit



14.06.18

Dinosprache


„Komm, wir räumen jetzt auf.“

KleinMadame murmelt irgendwas vor sich hin.

„Kind, kannst du nicht klar und deutlich sprechen?“

„Du hast dich geirrt, Oma. Das war kein Parasaurolophus, sondern ein Argentinosaurus. Das sieht man doch am Skelettaufbau.“

„Und was hat das jetzt mit dem Aufräumen zu tun?“

„Das ist aber viel wichtiger. Stell dir vor, du gehst aufs Feld und dann kommt da so ein Dino angerannt und du weißt nicht wie der heißt. Wie willst du dich denn da mit ihm unterhalten. Die sprechen bestimmt alle eine andere Sprache.“

„Die können alle Englisch. Punkt. Wir räumen jetzt auf!“

KleinMadame gibt komische Laute von sich.

„Kind, ich verstehe dich nicht!“

„Das war jetzt Englisch. Und du hast es nicht verstanden! Du musst jetzt Englisch lernen!“

„Nein, wir r ä u m e n jetzt auf!“

„Ich räume auf, Oma, und du lernst Englisch. Sonst kannst du nicht mehr aufs Feld gehen. Wegen der Dinos. Das ist gefährlich. Ohne mit denen reden zu können, ist es gefährlich!“

Okay, damit kann ich leben.

09.06.18


„Du hast zwei unterschiedlich farbige Socken an. Das ist hübsch“

„Oh nein, meine Mutter hat das schon wieder vermasselt.“

Das Kind ist 32 Jahre alt, sitzt im Stadtparlament und wohnt bei Mama. Manchmal ergeben sich Erklärungen ganz von selbst. *andenkoppklatsch

05.06.18

Der Blick


In den fünfziger Jahren gab es immer diese Sirenen Übungen. Der starre panische Blick mancher meiner Erwachsenen und deren zitternden Hände währenddessen haben mich als Kind sehr erschreckt. Als junge Erwachsene sah ich den gleichen Ausdruck in den Augen der chilenischen Flüchtlinge, wenn es an der Tür klopfte. Und ich sah ihn später in den Gesichtern von Folteropfern immer dann, wenn eine Stimme einen bestimmten Tonfall hatte. Ich sah ihn in den Gesichtern kleiner Flüchtlingskinder zu Silvester und in den Gesichtern misshandelter Kinder beim Zuknallen eines Fensters. Ich sah ihn in den Gesichtern alter Frauen, wenn man zu schnell auf sie zuging. Ich sah ihn bei den Frauen in den Sprechstunden, wenn Berührungen zufällig stattfanden. Und immer öfters sehe ich ihn heute, wenn ich unterwegs bin, in den Bahnen, Geschäften und auf den Ämtern. Ich werde diesen Blick nicht los. Er verfolgt mich ein Leben lang, hat sich eingefressen in meine Seele.

31.05.18

Fronleichnam


Als Kind dachte ich, es hieße „Froher Leichnam“ und stellte mir den skelettartigen Tod tanzend mit den Toten vor. Das fand ich amüsant. Später erklärte man mir im Religionsunterricht, dass es das Hochfest des Leibes und Blutes Christi sei und ich verband es mit Kannibalismus und dachte, es passt schon.
Heute habe ich keine Bilder mehr dazu in mir und lebe damit sehr frohgemut.